Von Reiner Lehberger

Als in den Frühjahrsferien 1935 die Lehrerin Elisabeth Flügge sich mit christlichen und jüdischen Schülern wie jedes Jahr in ihrem privaten Ferienlager in der Lüneburger Heide aufhielt, entdeckte sie plötzlich in dem kleinen Ort ein Schild „Juden unerwünscht“. Erbost wandte sich die Pädagogin an den Bürgermeister, beschwerte sich und erreichte schließlich, daß das Schild wieder entfernt wurde.

Solch mutiges Verhalten war bei Lehrern und Lehrerinnen nicht gerade ausgeprägt. Bereits 1936 gehörten 97 Prozent der Lehrer dem NS-Lehrerbund an, 32,2 Prozent waren Mitglieder der NSDAP, und der Anteil von Lehrern in wichtigen Funktionen der Partei (vom Gauleiter abwärts) war auffallend hoch. „An der Verseuchung der Jugend mit nationalsozialistischem Gewaltgeiste tragen die Hauptschuld die von der deutschen Republik bezahlten Lehrer. Die Geschichte wird ein hartes Urteil über sie fällen ...“ – hieß es denn auch bereits im Mai 1933 in einer Exilzeitschrift sozialdemokratischer Lehreremigranten in der Tschechoslowakei.

Ganz so einschlägig ist das Urteil, das die historisch-pädagogische Forschung über die Lehrerschaft im NS-Staat inzwischen vorgelegt hat, nicht ausgefallen. Danach läßt sich festhalten, daß vor 1933 die ideologische Anfälligkeit gegenüber dem Nationalsozialismus bei Landschullehrern und bei den oft arbeitslosen Junglehrern weitaus höher ausgeprägt war als bei den Berufskollegen in größeren Städten. Auch ist inzwischen belegt, daß der Deutsche Philologenverband, die Standesorganisation der Gymnasiallehrer, mit seiner antirepublikanischen und rechtskonservativen Haltung sich an der Destabilisierung der Weimarer Republik aktiv beteiligte, während Gleiches von den bedeutenden Organisationen der Volksschullehrerschaft nicht gesagt werden kann. Diese politischen Unterschiede waren auch nach der Machtübernahme nicht alle schlagartig eingeebnet. Während 1935, das heißt vor der Zwangsmitgliedschaft der Jugendlichen in der NS-Staatsjugend, der Organisationsgrad der Schüler in der HJ an Gymnasien und an den Landschulen in der Hansestadt Hamburg bereits über achtzig und neunzig Prozent betrug, lag er an den Volksschulen der Hamburger Arbeiterbezirke zum Teil noch unter zwanzig Prozent. Daraus kann geschlossen werden, daß die nationalsozialistische Beeinflussung der Schülerschaft und die politische Einstellung der Lehrer an den einzelnen Schulen auch nach 1933 noch sehr unterschiedlich waren.

In welchen Formen und in welchem Ausmaß sich Lehrer in den Jahren 1933 bis 1945 auch an Opposition und Widerstand beteiligten, ist von der Forschung bislang allerdings kaum thematisiert worden. Die Studie von Lutz van Dick „Lehreropposition im NS-Staat“ macht hier einen bemerkenswerten Anfang. Van Dick (Jahrgang 1955) hat den wohl im wahrsten Sinne des Wortes letzten Zeitpunkt genutzt, um die noch verbliebenen Zeitzeugen jener Jahre befragen zu können. Er hat Lehrer und Lehrerinnen aufgespürt, die im Widerspruch zum Nationalsozialismus gestanden haben, hat ihr Vertrauen gewonnen und ihre Lebensgeschichten aufgezeichnet. Dreizehn dieser biographischen Berichte – sorgfältig ediert und ergänzt durch Dokumente – stellen den Hauptanteil des Buches. Sie werden ergänzt durch Anmerkungen des Herausgebers zur pädagogischen Biographieforschung und zur aktuellen Diskussion um die Haltung führender Erziehungswissenschaftler vor und nach der Machtübernahme.

Alle dreizehn Lebensgeschichten sind dabei nicht Zeugnisse übermenschlichen Heldentums, sondern Beleg dafür, daß es auch als Lehrer und Staatsbeamter in der NS-Zeit möglich war, sich in unterschiedlichen Alltagsformen zu verweigern, die eigene Meinung zu wahren oder anderen Hilfe zu gewähren. Da ist die Gymnasiallehrerin Helene Hedde, die durch kleine Gesten des Trostes und Mitgefühls für ihre jüdischen Schüler so sehr zu einem Symbol für Menschlichkeit geworden war, daß einige von ihnen spontan an den Autor schrieben, als der in der ausländischen Presse Suchanzeigen für sein Projekt plazierte. Von der Berufsschullehrerin Therese Kurka lesen wir, wie sie sich selbst in einem beim NSDAP-Kreisleiter anberaumten Gespräch weiter weigerte, in die Partei einzutreten, und sich sogar noch über ihre Bespitzelung beschwerte: „Ich denke, Sie brauchen jeden Mann für den Krieg! Können Sie mir mal erklären, wer dann da so viel Zeit hat, mir hinterherzuschnüffeln?“ Für andere, wie die Volksschullehrer Walther Uhle und Dietrich Rothenberg, war es eine Selbstverständlichkeit, auch nach 1933 zu den inzwischen entlassenen oder ins Exil vertriebenen Kollegen weiter Kontakt zu halten und ihnen, wenn es nötig war, Unterstützung zu gewähren. Und – als letztes Beispiel – die Lehrerin Hildegard Thate, die trotz Drängens von Schulleiter und Schulrat zwei sehr schwach begabte Schüler nicht zur Abschulung auf die Hilfsschule freigab, weil sie genau wußte, daß diese dann als Hilfsschüler von der Zwangssterilisation bedroht wären.

Dabei sind die vorgestellten Biographien keineswegs auf die Gruppe der bereits vor 1933 politisch besonders aktiven Lehrer und Lehrerinnen konzentriert. Neben den Berichten von sozialdemokratischen oder kommunistischen Lehrern stehen die von Quäkern, Christen, sich unpolitisch Füh-.enden oder auch der des jüdischen Lehrers Jizchak Schwersenz, der seit 1942, um der Deportation zu entgehen, als Leiter einer Jugendgruppe mit seinen Schützlingen im Untergrund überlebte. Und auch die Art und Weise, wie die hier Vorgestellten ihre oppositionelle Haltung zum NS-Staat zum Ausdruck brachten, umfaßt eine große Bandbreite – von Nonkonformität, Verweigerung, Protest bis zum politischen Widerstand. Wenn der Herausgeber zum Verständnis dieser Oppositionsformen darüber hinaus auch auf eine zeitliche Unterteilung der zwölf Jahre der NS-Zeit zurückgreift, so ist dies durchaus berechtigt. Unmutsäußerungen zum Beispiel, die in den Anfangsjahren meist mit Verweisen, manchmal mit Entlassungen geahndet wurden, galten in der Kriegszeit als „Wehrkraftzersetzung“ und wurden nicht selten mit der Todesstrafe belegt.