Über Doping spricht man nicht

Der Fall des Skisportlers Jens Steinigen oder: Der schwierige Umgang mit der Wahrheit im Sport

Von Detlef Vetten

Jens Steinigen macht sich Gedanken. "Ich weiß nicht, ob das richtig war, was ich gemacht habe. Ich habe das unangenehme Gefühl, daß ich jetzt büßen muß. Ich habe aufgemuckt, und nun kriege ich einen Denkzettel verpaßt."

Jens Steinigen, einer der besten deutschen Biathleten, früher in der DDR zu Hause, jetzt in Ruhpolding, sitzt am Kaffeetisch seines Freundes und Trainers Wolfgang Pichler und hebt lustlos ein zweites Stück Sandkuchen auf seinen Teller. Der strahlende oberbayerische Wintertag kann ihn nicht aufheitern. Auch die Freunde, die immer wieder versichern, es werde alles in Ordnung kommen, können das nicht. Jens Steinigen bleibt dabei: "Es ist wie früher."

Dabei hatte er gehofft, dieses "früher", womit er die alten DDR-Zeiten meint, hinter sich zu haben. Er hatte sich – muß man das jetzt nicht als ehemaliger DDR-Athlet im Westen? – "demokratisch verhalten", hatte "den Mund aufgemacht" und "Gerechtigkeit" eingeklagt.

Was anfangs wie eine private Hakelei aussah, wuchs sich zu einer Affäre aus. Jens Steinigen lief eines Tages sein ehemaliger Trainer aus der DDR über den Weg, ein Mann, den er als "Schinder" in Erinnerung hat und von dem er behauptet, daß er gewußt und gebilligt habe, daß seine Athleten sich dopten. In neuer Funktion, als "Disziplintrainer Herren" der Biathleten des Deutschen Skiverbandes, war dieser Mann, Kurt Hinze, ihm plötzlich wieder vorgesetzt. Das wollte Steinigen nicht in den Kopf.

Für den schmerzhaften Prozeß der Vereinigung des deutschen Sports ist die Geschichte symptomatisch. Dem "Fall Steinigen", wie er sich jetzt in den Schlagzeilen der Sportzeitungen niederschlug, wird noch manch anderer folgen. Und viele Athleten, Trainer, Funktionäre werden dabei auf der Strecke bleiben. Wie die Dinge liegen, wird auch Jens Steinigen, der "einfach die Wahrheit sagen" wollte, sein Fett abbekommen.

Über Doping spricht man nicht

Ein offenes Gespräch

Zunächst hatte er seine Meinung und seine Beschwernisse intern vorgetragen. Am 6. Januar saßen er, sein Trainer Wolfgang Pichler und sechs Herren vom Skiverband zusammen. Man hörte sich Steinigens Vorwürfe gegen den ehemaligen DDR-Coach an. Hinze, selbst dabei, meinte danach: "Das war ein offenes Gespräch." Einer der Herren vom Skiverband erklärte: "Was gesagt werden muß, muß gesagt werden. Ich werde mich darum kümmern."

Wie auch immer er sich gekümmert haben mag: Schon am Morgen nach dem internen Gespräch meldete sich aus München der über den Vorgang gut informierte Dienstvorgesetzte der Zollbeamten Pichler und Steinigen und machte klar, daß er ihr Vorgehen für "schlechten Stil" halte. Zwei Tage später bestellte er den Trainer Pichler nach Manchen und teilte ihm mit, daß er seines Amtes enthoben sei. Der Athlet erfuhr von der Bestrafung telephonisch: "Zum nächsten Wettkampf fahren Sie erst mal allein, dann wird man weitersehen."

Zum Verständnis solcher Eingriffe eines Arbeitgebers in die sportliche Laufbahn von Untergebenen muß man wissen: Obersekretär Pichler und Oberwachtmeister Steinigen sind beim Zoll für den Sport freigestellt. Sie haben dort professionelle Trainingsbedingungen: Die Behörde sieht ihre beamteten Leistungssportler gern als Werbeträger und fördert sie nach Kräften. Der Deutsche Skiverband redet deshalb dem Zoll bei der Wahl der Trainer nicht drein.

Jens Steinigen empfand die Ablösung seines Trainers als Willkürakt und machte die Vorgänge in einer Pressekonferenz öffentlich. Dabei mag ihm Mut gemacht haben, daß er gerade zweimal Erster und einmal Dritter bei der Deutschen Meisterschaft geworden war. So erfuhren die versammelten Journalisten, was Jens Steinigen von der Bestallung des einstigen DDR-Trainers Kurt Hinze als Bundestrainer hielt: Jemand, der wie Hinze in die Dopingpraxis verwickelt gewesen sei, sei nach seiner Meinung in diesem Amt unmöglich.

Es gab kein Zurück. Pichler und Steinigen gaben ein Interview im "Aktuellen Sportstudio", obwohl ihnen das noch im Zollbüro des Münchener Flughafens vom Dienstherrn untersagt worden war – "ihr könnt meinetwegen nach Frankfurt fliegen, aber im ZDF tretet ihr nicht auf". Für eine Viertelstunde wurden sie zu Fernsehstars.

Inzwischen kümmert sich kaum noch jemand um sie, denn was auszupacken war, ist ausgepackt. Im Skiverband gönnt ihnen, den Nestbeschmutzern, kaum noch jemand das Wort, und auch beim Zoll werden sie geschnitten und im Ungewissen darüber gelassen, ob ihnen da noch was blüht. Jens Steinigen fühlt sich an seine Zeit als Leistungsträger in der DDR erinnert.

Über Doping spricht man nicht

Mit zwölf Jahren war er damals zum Biathlon gekommen, dieser Kombinationssportart aus Langlauf und Schießen. Er hatte sich hochgekämpft, war gefördert worden, hatte Privilegien gegenüber seinen Altersgenossen. Schicke Sportutensilien im Schrank, 1100 Mark pro Monat aufs Sparbuch, Reisen ins Ausland, Trabi früher als im Lande üblich.

Heute sagt Jens Steinigen, bei aller mit solcher Fürsorge verbundenen sozialistischen Behaglichkeit habe er sich unwohl gefühlt. Er habe das nicht gemocht: einmal die Woche zum Pionier-Nachmittag antreten; am 1. Mai in Dresdens Straßen zum Ruhme Honeckers auf Rollskiern mit geschultertem Gewehr paradieren; mit den Sportkameraden und den Stasi-Aufsehern zwecks ideologischer Zusammenschweißung auf der Ostsee kreuzfahren; vor den internationalen Wettbewerben über den bösen Klassenfeind belehrt werden. Immer zusammen mit anderen, immer beobachtet, immer im gedanklichen Gleichschritt.

Doch wie andere kritische Zeitgenossen auch hat er sich arrangiert. Hat sich mit kleinem Protest Luft gemacht. Am 1. Mai hängte er die Fahne nicht zum Fenster hinaus; das Neue Deutschland bestellte er ab; er studierte Elektrotechnik statt Sport; zur Wahl marschierte der Volkspolizist statt frühmorgens erst am Nachmittag.

So fiel er unangenehm auf, wurde gerüffelt, ermahnt, verwarnt: "Zu drin gegen einen! Fertiggemacht haben sie mich. Bis ich heulte."

Dann die Wende. Jens Steinigen zog mit seiner Familie nach Ruhpolding um. Wolfgang Pichler half ihm, sich im Westen zurechtzufinden. Der 24jährige Jens Steinigen fühlte sich zum erstenmal in seinem Leben selbst verantwortlich. Und dann traf er eines Tages wieder auf Kurt Hinze, den Mann, der für ihn das DDR-System verkörpert und der "schon wieder das Sagen" hat. Jens Steinigen kann es nicht fassen.

Ratlose Funktionäre

Die altgedienten Skisport-Funktionäre Helmut Weinbuch und Kuno Meßmann, bei den alpinen Weltmeisterschaften in Saalbach auf den Fall Steinigen angesprochen, sind ratlos wie ihre Kollegen auch. Am liebsten möchten sie gar nichts dazu sagen. Es fällt ihnen schwer, das Verhalten des Sportlers zu verstehen, und sie versuchen ihrerseits, die Kritik daran zu rechtfertigen:

Über Doping spricht man nicht

"Wir wollten für den Steinigen immer wieder eine Brücke bauen."

"Der Dienstleiter vom Zollamt hat sich bis zuletzt für den Steinigen eingesetzt."

"Der Trainer Hinze hat für den Athleten Steinigen alles in seiner Macht Stehende getan."

Es geht nicht nur um Doping und die paar – vermutlich ziemlich folgenlosen – Vorwürfe eines Athleten. Hier wälzen sich die Probleme einer jubelnd begrüßten Vereinigung auf den Sport zu. "Was würden Sie denn an unserer Stelle tun?" fragt Weinbuch, der schon eine ganze Reihe prekärer Situationen für den Verband gemeistert hat. Und Kuno Meßmann, derSportwart, nickt sorgenvoll. Da sitzen sie im Gastzimmer des "Unterwirts", müßten eigentlich schon lange bei einem Empfang der österreichischen Veranstalter der alpinen Ski-WM Gesamtdeutschland repräsentieren, aber sie wollen nicht so recht dorthin. Ihnen ist nicht nach Feiern.

Neunzig Stunden pro Woche haben sie im Deutschen Skiverband nach der Wende gearbeitet, um die Vereinigung schmerzfrei über die Bühne zu kriegen. Sie haben sich – "ehrlich" – die Köpfe zerbrochen, was geschehen müsse, damit möglichst wenige Trainer aus der DDR ihren Job verlieren, daß möglichst viele Athleten aus Ost und West maximal gefördert werden könnten. Sie haben Konzepte ausgearbeitet, verworfen, durchgeboxt. "Zuerst war die große allgemeine Freude über den Fall der Mauer", sagt Weinbuch, "und dann das große Nachdenken, wie man es richtig macht." Plötzlich waren sie mit "Problemen wie noch nie" konfrontiert.

Kuno Meßmann fragt, ob man denn glaube, daß die Sportfunktionäre es leichter hätten als Wirtschaftsleute oder Politiker. "Aber uns sind dabei auch noch die Hände gebunden. Was denken Sie, wie schnell wir mit unseren Kompetenzen am Ende sind. Dann müssen wir nur noch zusehen bei diesen menschlichen Tragödien, die sich zur Zeit abspielen."

Steinigen, Hinze – zwei Namen für viele. "Bei solchen Geschichten geht alles kaputt. Der Sport, der Verband, die Menschen. Da gibt es nur Opfer."

Über Doping spricht man nicht

Helmut Weinbuch redet über Doping. Jahrelang sei er von der Presse "gedemütigt worden, weil unsere Athleten nicht die gleichen Leistungen wie die aus dem Osten gebracht haben. ‚Warum tut ihr nichts dagegen? hat man uns gefragt – und gemeint hat man natürlich, wir sollten den Sportlern auch was geben lassen. Jetzt schreien dieselben Leute Zeter und Mordio, wenn wir einen Trainer aus der ehemaligen DDR einstellen."

"Vollbluttrainer" ist der Hinze, sagt Meßmann, und im Westen hat er sich nichts zuschulden kommen lassen. Man kann doch so einen nicht von vornherein mit Berufsverbot belegen. Jawohl, springt ihm Weinbuch bei, solange die Schuld Hinzes nicht bewiesen sei, hätten die Funktionäre ja auch eine Sorgepflicht. Wenn sich jedoch herausstelle – die Verdächtigung hat man ja mittlerweile schon gehört –, daß Hinze Athleten zum Dopen gezwungen habe, dann sei das Körperverletzung. Und das falle nicht mehr in den Verantwortungsbereich des Sportbundes.

Aber, da ist er ziemlich sicher, so schlimm wird es wohl nicht werden. Ein ganz anderes Problem sieht er: Die Ausbilder aus der DDR haben immer noch das alte System im Kopf. "Geht gar nicht anders."

Ein gebrochener Mann

Der Trainer Kurt Hinze kann das alles nicht begreifen. Im Südtiroler Antholz, wo die Biathleten um Weltcup-Punkte kämpfen, redet er im Stakkato auf eine Reporterin des ZDF ein. Es stimme alles nicht, was Jens Steinigen behauptet. Und der Trainer Pichler habe den Jungen doch bloß angestachelt. Er sieht Verschwörer am Werk, die ihn zu Fall bringen wollen. "Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Sie wissen doch, wie das in der DDR war." Kurt Hinze versucht, sich zu rechtfertigen: Jens Steinigen wolle mit seinen Vorwürfen doch nur die Aufnahme in die Mannschaft erpressen.

Zum Vorwurf des Dopings sagt er: "Ich weiß, daß es Experimente mit Doping gegeben hat – weltweit. Aber deswegen muß ich doch nicht selbst damit rumgemacht haben."

"Für so etwas hatten wir eine Extrakommission."

Über Doping spricht man nicht

"Kann sein, daß ich mal fünf Minuten in einer Doping-Beratung gesessen habe. Zufällig."

"Was will ich als Trainer machen, wenn mir die falschen Tabletten untergeschoben werden? Bin doch kein Arzt."

"Kein Spitzentrainer kann sich hinstellen und sagen, er hat nichts gewußt."

Die Reporterin vom Fernsehen geht. Hinze rührt im Cappuccino: "Alles machen sie kaputt. Wenn das so weitergeht, springen uns die Sponsoren ab; meine Frau kriegt zu Hause Anrufe und wird als Stasi-Sau beschimpft; wie lange ich noch arbeiten darf, steht in den Sternen; und die Athleten sind vollkommen verunsichert. Die können ihren Sport nicht mehr ordentlich ausüben, weil ich nur damit beschäftigt bin, der ganzen Welt zu erklären, daß ich mich unschuldig fühle."

Er hat in seinem Leben "viel zuviel dem Sport geopfert", jetzt gibt er nicht auf. So hat es der 56jährige beschlossen, das steht er nun durch. Aber er ist ein gebrochener Mann. Kurt Hinze, den sie in der DDR als gnadenlos durchgreifenden Coach respektiert oder gefürchtet haben, hält sich nur mit Mühe. Die Wende: Das ist auch für ihn Anlaß zu einer Hoffnung gewesen, die sich jetzt als trügerisch entpuppt.

"Ich wäre ein Lügner, wenn ich nicht zugeben würde, daß es eine Zeit gab, zu der ich glaubte, unser System wäre das beste. Aber ich habe meine Wandlung doch schon vor zehn Jahren gehabt."

Bei den Reisen ins Ausland habe er umgelernt, erinnert er sich. Habe sich gefragt, warum denn der Klassenfeind immer noch nicht zusammengebrochen sei, wo man doch immer zu hören bekomme, wie korrupt alles sei im Kapitalismus.

Über Doping spricht man nicht

So sagt Kurt Hinze, dann sagt er leise: "Man war eben nicht der Göttersohn, wie alle meinten. Die oben haben einen doch auch auf dem Kieker gehabt." Die Olympischen Spiele in Innsbruck wurden ihm gestrichen, weil ein halbes Jahr zuvor sein Bruder "rübergemacht" hatte. Zur goldenen Hochzeit seiner Eltern im Westen durfte er erst nach langen Streitereien reisen. Gerade genug Zeit für einen Kaffee, dann mußte er wieder zurück. Damals sah er seine Mutter zum letzten Mal – kurz darauf starb sie.

Kurt Hinze steigt das Wasser in die Augen. Das also soll er sein, der Doping-Schleifer? Wenn ja, wie wichtig ist das noch? Was geht vor: Gerechtigkeit, Mitgefühl? Und wer versteht so viel von alledem, daß er sich ein Urteil erlauben darf?