Am Anfang stehen hektische Bilder vom Krieg: wie ein Offizier, der schwer verletzt ist am rechten Fuß, sich opfern will und darüber zum Helden wird. Danach beginnt das eigentliche Abenteuer: wie der Mann aufbricht in den Westen und darüber zu seiner Geschichte kommt; wie er die Wildnis für sich erobert, wie er einen Wolf zum Gefährten wählt, wie er den Indianern näherkommt und ihnen schließlich zum Freund wird. Wobei die Bilder ruhiger werden, oft auch weiter und tiefer. Ganz ausführlich und überaus langsam erzählt Costners Film von der Gnade einer späten Erziehung, davon, daß einer, der nie so recht wußte, wer und was er ist, plötzlich sich neu erfährt – durch die Begegnung mit einer fremden Kultur.

Als sein Vorgesetzter ihn fragt, warum er denn in diese menschenverlassene Gegend gehen wolle, antwortet er: "I want to see the frontier before it’s gerne." Womit er zugleich an den eigentlichen Kern seiner Geschichte rührt. Wie in den schönsten Western entspricht der Wunsch, die Grenze der Zivilisation zu erfahren, bevor alles vorbei ist, auch dem Abenteuer, die eigenen Grenzen kennenzulernen, das nach außen zu bringen, was tief im Innersten verborgen liegt. "I want to see the frontier." Das ist Costners Motto – und zugleich einer der zentralen Mythen des ganzen Genres. Betont naiv läßt Costner seinen Phantasien ihren Lauf. Die Konflikte sind märchenhaft zugespitzt, die Figuren typologisch vereinfacht. Ganz unvermischt bleiben das Gute und das Böse nebeneinander. Und die Landschaften Süddakotas sehen aus wie das Paradies.

Doch gerade diese Naivität, die nicht nur das Thema, sondern auch den stilistischen Ausdruck bestimmt, die ist es, die anschließt an die großen, epischen Western der fünfziger Jahre. Denen ging es auch um eine ideale Balance zwischen historischer Rekonstruktion und mythischer Verklärung, zwischen überlieferten Tatsachen und überhöhenden Legenden. In dem Sinne fordert "Dances with Wolves" nur, was der Western seit jeher forderte: vor dem Nachdenken – das Staunen; vor der Reflexion – die Bewunderung.

Alles zu infantil, werden die einen sagen – alles zu ideologisch, die anderen. Wenn jedoch der eigene Standpunkt nicht sofort das Urteil impliziert? Es ist einfach zu spotten, wenn alles so einfach gestrickt ist. Andererseits, so der französische Filmtheoretiker André Bazin: "Über den Western zu spotten ... heißt auch, seine Größe zu erkennen, eine Größe, die vielleicht fast kindlich ist, so wie die Kindheit sehr nahe der Poesie ist."

Der Film ist sehr breit und bedächtig, fast langsam inszeniert. Wenn der weiße Held, den Kevin Costner selbst wie eine Mischung aus James Stewart und Robert Redford präsentiert, seine Neugierde für Bräuche, Riten und Sprache der Indianer entdeckt, lassen die Bilder uns Zuschauern Zeit, diese Neugierde nachzuvollziehen. Nichts wird überstürzt, wenig nur abgekürzt. Das setzt Ruhe und Geduld voraus. Für andere mag es eine Strapaze sein, ich hätte dem Film noch weitere Stunden folgen können.

Das Land sei so, wie er es sich erträumt habe, notiert der Offizier einmal in sein Tagebuch, nirgendwo könne es schöner sein auf der Erde. So photographiert Costners Kamera das Geschehen auch häufig aus erhöhter Position. Das bindet die Menschen in die Landschaft ein, durch die sie sich bewegen; es zeigt sie nicht als Feind, sondern als Teil der Natur. Die wichtigste visuelle Figur dieses Films ist deshalb auch der öffnende Blick; manchmal indem die Kamera zurückfährt in die Totale; manchmal indem sie die Handlung auf die eine Seite verlegt, um so auf der anderen den freien Blick über die Prärie oder auf die weit sich hinziehenden Hügel zu bieten. Diese Panoramabilder, die stets suggerieren, der feste Rahmen der Kinoleinwand sei doch zu sprengen und die ganze Weite des Raums einzufangen, kontrastiert Costner durch extreme Blickverengung, wenn das harmonische Verhältnis von Mensch und Natur in Gefahr gerät. Die Büffeljagd etwa, eine rasante Actionsequenz, wie sie so niemals zuvor zu sehen war im Kino, ist wie ein Ballett choreographiert – in einem synkopischen Rhythmus unterschiedlichster Einstellungen. Ganz direkt: Durch den schnellen Wechsel von Größe, Rhythmus und Atmosphäre seiner Bilder formuliert Costner die Situationen. Gefährliche Momente vertragen keine Distanz. Und der Tod ist kein langer, ruhiger Fluß.

Eine Sensation ist der kommerzielle Erfolg dieses Films (gerade wenn man seine Länge oder die vielen Dialoge in der Sprache der Sioux bedenkt). Bislang galt uneingeschränkt: Die Zeit des Western ist vorbei. "Dances with Wolves" könnte das wieder ändern. Der Film unterstreicht zudem noch einmal jene besondere Affinität des Kinos, die schon vergessen schien, da sie allein im Western voll und ganz zur Geltung kommt: Es "schweift in die Weite" (Edgar Morin).

Norbert Grob