Draußen beginnt der Muezzin mit seinem Sprechgesang. Er sei Atheist, sagt Öcalan, und die PKK sei tolerant, was die verschiedenen Glaubensrichtungen angehe. Sunniten, Schiiten, Alewiten, Christen wie auch Jesiden, die „Teufelsanbeter“, kämpften in ihren Reihen. Ende der sechziger Jahre hat er an der Universität Istanbul die „Revolutionäre Kurdistans“ um sich versammelt, Leute, die dafür kämpfen wollten, sich Kurden nennen und die kurdische Sprache sprechen zu dürfen. 1978 gründete er die PKK. Marxistisch-leninistisch nannte sie sich, diskutierte viel über „wissenschaftlichen Sozialismus“ und „Revolution“, kritisierte aber die Sowjetunion und ihre real existierenden Satrapen. Trotzdem blieb die Fahne rot mit fünfzackigem Stern samt Hammer und Sichel. „Ein Symbol“, sagt der Generalsekretär, „für unseren Weg zum Sozialismus.“

Hält er sich selbst für eine Art Religionsstifter? „Nein, nein“, sagt er, obwohl er sich Jesus vielleicht näher fühle als viele Christen. Wie Jesus sei er der Ansicht, daß man sich den Menschen mit Liebe nähern solle. „Macht interessiert mich nicht, wenn die Menschlichkeit darüber verlorengeht.“ Wie sollen in einem befreiten Kurdistan einmal Regierungs- und Gesellschaftssystem aussehen? Bei dieser Frage winkt er ab, runzelt die Stirn: „Das soll das Volk entscheiden, ich zeige nur den Weg. Ich bin kein Politiker.“

Der Wagen, der mich vom Flughafen abgeholt hat, bringt mich nach dem Gespräch ins Parteibüro, eine kleine Wohnung in einer Vorstadtstraße von Damaskus. Hier ist man gerade dabei, ein Video vom Neujahrsfest der kurdischen Guerilla im nahen Libanon zu kopieren: „Apo“ hatte das Ausbildungscamp besucht, hatte den Tänzen zugesehen, auf dem Märtyrerfriedhof und auf dem Exerzierplatz zu den Pesch-Merga, den Todesmutigen, gesprochen. Die Bänder, wieder und wieder kopiert, sollen alle Anhänger erreichen. Sie sind unser Gastgeschenk für unterwegs.

Zelal, die schlaksige Siebzehnjährige mit dem Madonnengesicht, die in Wien aufgewachsen ist (ihre Familie lebt noch dort), wird mich begleiten auf der Reise, die wir vorhaben. Wie ihre Freundin, die in Köln gelebt hat, hat Zelal sich fremd gefühlt in Europa. Beide haben die Ausländerfeindlichkeit gespürt, sind in kurdischen Gruppen unter sich geblieben. Sie begeisterten sich für die PKK, die den Frauen Gleichberechtigung verspricht. Sie fieberten dem Camp im Libanon, der Ausbildung in der „Akademie“ entgegen. Jetzt sind sie seit ein paar Monaten dort, lernen, neben allerlei Theoretischem, auch robben und schießen, gemeinsam mit den Männern, und finden es „wundervoll“.

Mir wird bedeutet, mein Gepäck auf ein Minimum zu reduzieren. Vielleicht müßten wir rennen, die verschiedenen syrischen Geheimdienste seien unberechenbar. Die Devise ist: Nicht auffallen! Zelal mit dem schweren, dunkelblonden Zopf und ich bekommen noch einen Begleiter mit. Wir nehmen den Bus, später Privatautos, Taxis, Jeeps. Wir treffen Hunderte von Kurden in Stadthäusern, auf Bauernhöfen oder in den runden Trullibauten ehemaliger kurdischer Nomaden, aber wir halten uns möglichst keine zwei Nächte bei derselben Familie; auf.

Die Leute erzählen von ihren Schicksalen, traurige Geschichten von Blutrache und Kindertod, von Hunger, Unterdrückung, Widerstand, Flucht, Gefängnis, Folter. Irgendwann fällt immer der Satz: „Und dann kam die Partiya!“ Seither sei alles anders. Die Partiya, die Partei, habe ihnen die Angst genommen, ihnen ihr Selbstbewußtsein wiedergegeben. Deshalb sind sie nun bereit, der PKK alles zu geben, Geld, Unterstützung, die Hälfte der Ernte, die eigenen Kinder für den bewaffneten Kampf. Ja, die Männer übernähmen nun sogar schon mal den Haushalt, wenn die Frauen zu Versammlungen gingen, und junge Mädchen dürften selber entscheiden, ob sie heiraten wollten oder kämpfen. Das „Licht Kurdistans“ nennen sie Apo Öcalan. In allen Räumen hängt sein Bild. „Apoci“ sagen die Kleinsten und machen das V-Zeichen.

Andever, das Dorf auf der Hochebene über der Tigrisschleife an der syrisch-türkischen Grenze, ist urkurdisches Siedlungsgebiet. Jenseits des mächtigen Stroms voller Strudel liegt die Türkei, gut zehn Kilometer entfernt der Irak, etwa achthundert Kilometer entfernt Damaskus. Auf dem Schwemmland am jenseitigen Ufer stehen türkische Wachttürme. In der Ferne ragen schneebedeckte Berge auf. „Die Cudi-Berge“, erklären meine Begleiter, „die Botan-Ebene“, das Zentrum des kurdischen Widerstandes in der Türkei. Dort, sagen sie, werden sie bald kämpfen. Vielleicht sterben. Sie reden von Heimat und Freiheit. In den sechs Jahren des Kampfes der PKK soll es 2000 Tote gegeben haben. 5000 Pesch-Merga, sagt man mir, kämpften zur Zeit in Botan. „Aber hier sind noch fünf Millionen, die wir in den Kampf schicken können.“ Dies sei der letzte Kampf der Kurden. Wenn sie diesmal nicht siegten, sagen sie, dann gebe es bald keine Kurden mehr.