Die Bundeswehr – heute in Deutschland und morgen in der ganzen Welt ?

Von Frank Drieschner, Thomas Kleine-Brockhoff und Ulrich Stock

HELDEN

Die Sonne brennt. Die Wüste staubt. „Mit dieser Axt“, sagt US-Sergeant Cameron Woodson, „spalte ich auf dem Weg nach Bagdad jedem dieser irakischen Untermenschen den Schädel.“ Der britische Artillerist Steven, vom Rhein nach Arabien verlegt, sagt: „Ich kann meinen Einsatz kaum erwarten.“

Solche Männer braucht der Krieg.

Was aber hört man von deutschen Soldaten in der Türkei?

Unteroffizier Anton vom Oldenburger Jagdbombergeschwader 43: „Nicht mal durch die Straßen bummeln kann man, kein Mitbringsel für die Freundin kaufen. Die ganze Freizeit müssen wir im Hotel verbringen.“ Alpha-Jet-Pilot Peter Maurer: „Jedem ist es freigestellt, jederzeit um die Heimreise zu bitten. Dem Wunsch würde sofort entsprochen.“

Wie hätte Rommel, der Wüstenfuchs, das wohl gefunden?

Die Bundeswehr, von der Linken auch jetzt wieder als kriegerisch verdächtigt, scheint die Werte ihrer Kritiker übernommen zu haben: Bockprinzip statt Kampfgeist.

Als sich ein Unteroffizier vergangene Woche bei Minister Stoltenbergs Frontvisite darüber beschwerte, daß seine Ehefrau seit vier Tagen nicht geschrieben hätte, bekam der Kommandierende General der Luftflotte, Walter Schmitz, einen roten Kopf: „Hier werden die falschen Fragen gestellt.“

Unter Türken hat sich die schlaffe deutsche Haltung schon herumgesprochen. Der Chefredakteur der Turkish Daily News fand es lachhaft, „daß wir uns von so was verteidigen lassen sollen“.

Daheim in der Bundesrepublik ist die Aufregung um das vermeintliche Abenteuer dennoch groß. Einige SPD-Abgeordnete haben schon den Dolch gezückt, wissen aber noch nicht recht, wo sie zustoßen sollen. Der SPD-Parteirat kritisierte die Türkei-Entsendung als „gefährliche politische Fehlentscheidung“. Andreas von Bülow, früherer SPD-Staatssekretär im Verteidigungsministerium, setzte gar einen Musterbrief auf, mit dem Wehrpflichtige den Kriegsdienst „in der Golf-Region“ verweigern sollen.

Die Journalisten schießen sich derweil auf die Hardthöhe ein. Meldungen über massenhafte Verweigerung (22 197 Anträge im Januar) und den peinlichen Transport-Flop (russisches Flugzeug soll deutsche Raketen in die Türkei bringen, hebt aber nicht ab) haben den Pressestab in die Defensive getrieben. Das Ministerium sucht Rettung im bei Rekruten beliebten TTV-Prinzip („Tarnen, Täuschen und Verpissen“): Anfragen werden verschleppt, Gespräche über die Zukunft der Armee abgeblockt, Truppenbesuche nur widerstrebend genehmigt.

Die Soldaten selbst ducken sich in ihren Kasernen, das einfache Volk reagiert verunsichert. Eine Wirtin aus Rennerod machte Schlagzeilen im Westerwald, nachdem sie zwei Feldwebel, die ein Bier bestellen wollten, aus dem Lokal gewiesen hatte. Grund: Sie trugen Uniform. Das Oliv, wecke Aggressionen bei den anderen Gästen, argumentierte die Wirtin, sie fürchte Anschläge auf ihre „neutrale Kneipe“. Der Renneroder Bürgermeister mußte sich in der Westerwälder Zeitung „gerade in der augenblicklichen Situation des Golfkrieges voll und ganz vor die Soldaten stellen“ – und bot seine Vermittlung an. Es kam zu einem zweistündigen Gespräch zwischen dem Bürgermeister, einem zweiten Bürgermeister, der Wirtin, ihrer Mitarbeiterin, einem Anwalt, den beiden Feldwebeln, dem Kasernenkommandanten und einem Vertrauensmann der Unteroffiziere. Die Zeitung veröffentlichte das Kommunique der Krisensitzung: „Beide Seiten bedauerten die aufgetretenen Mißverständnisse.“

Deutschland, Deutschland – übel alles? Nicht ganz. In Zeiten der Not gedeiht die Restauration. Ihr Bannerträger ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sie schilt verweigernde Soldaten, „weil sie nicht sterben wollen“. Zivildienstlei-

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Stenden wünscht sie jetzt „ganz andere Gewissensbisse“, wenn „des Nachts der amerikanische Soldatensender AFN zu sentimentaler Musik die Grußworte der Soldatenfrauen an ihre Männer im Golf überträgt“.

„Was macht denn eigentlich das Leben lebenswert, warum soll man es unter allen Umständen erhalten?“ plädiert eine Dr. Barbara Zehnpfennig, Berliner Philosophin, in einem halbseitigen FAZ-Stück für den Tod im Feld. „Im Grunde unglücklich“ sei die „Diesseits-Orientierung der westlichen Welt“, denn sie nütze Saddam Hussein.

Die Fronten in Deutschland sind also klar: eine zivile Gesellschaft, eine gezügelte Armee und der Wunsch auf der Rechten, daß es sich wieder lohne, für etwas zu sterben (das Vaterland oder die neue Weltordnung). Die erste Schlacht soll im Bundestag geschlagen werden – um die Änderung des Grundgesetzes, um Wehrpflicht, Berufsarmee, Blauhelme und Eingreiftruppe. Wenn die Befugnisse des deutschen Militärs erweitert werden, wird das Leben der Soldaten riskanter, aber auch lohnender. Orden winken, ferne Länder – und nicht nur der Rekruten-Paß der Münchner Stadtverwaltung „mit zahlreichen Vergünstigungen als kleines Zeichen der Anerkennung“, auf den Oberbürgermeister Kronawitter gerade vergangene Woche noch einmal hingewiesen hat.

TUGENDEN

Tapferkeit. Gehorsam. Treue. Ehrlichkeit. Kameradschaft. Pünktlichkeit. Sauberkeit. Den inneren Schweinehund überwinden. Kämpfen wollen. – Oberst Günter Engel, Referatsleiter im Führungsstab des Heeres, seit 35 Jahren Soldat, weiß noch, worauf es ankommt. Schon Rommel habe gesagt: „Die beste Lebensversicherung ist eine gute Ausbildung.“

Die Rekruten von heute denken bei Lebensversicherung wohl eher an Allianz oder Volksfürsorge, bei Pünktlichkeit an Gleitzeit und bei Gehorsam an die Gesamtschule, wo man Du zum Lehrer sagen durfte. Und da die Armee zur Hälfte aus Wehrdienstleistenden besteht, die in vier Schüben pro Jahr einrücken und auf Anhieb nichts akzeptieren, ist die Bundeswehr alles andere als zackig.

„Befehl ist Befehl ist nicht mehr“, sagt der Leutnant zur See Torsten Sauerwald. „Heute wird diskutiert, sonst passiert nix.“ Kapitänleutnant Michael Mann, sein Vorgesetzter auf dem im Mittelmeer eingesetzten Minenjagdboot Marburg, sagt: „Wir sind keine Kampfeinheit, sondern ein Dienstleistungsunternehmen.“

„Mit richtig grüßen gewinne ich keinen Krieg“, sagt der Hamburger Panzergrenadier Jörg Sturmhöbel, als Bürosoldat mit Papierkrieg beschäftigt. Seinen Unteroffizieren wünscht er ganz zivil „guten Tag“. Formalausbildung mit Marschieren und Herumbrüllen hat er eine Stunde pro Woche, „aber man nimmt auch nicht immer dran teil“.

Der Hamburger Major Gerhard Faustmann findet die Bundeswehr mit ihren Uniformen und den verbliebenen Ritualen „ehrlicher“ als die verschleierten Hierarchien der freien Wirtschaft, „wo auch alle wissen, wem sie die Tür aufhalten, und wo es Ärger gibt, wenn sich jemand auf den Parkplatz vom Chef stellt“. Einer seiner Leute sei kürzlich ausgeschieden, um bei einer Bank zu arbeiten. „Den haben sie als erstes zum Friseur geschickt und ihm dann gesagt: ‚Ein Lederschlips paßt nicht zum Image unseres Betriebes.‘“

Mag sich die Bundeswehr noch so zivil geben, sie bleibt ein Männerbetrieb. Wenn der Soldat auf Zeit Frank Artus nach drei Monaten Seefahrt aus seiner Kombüse steigt und zu seiner Freundin nach Hause kommt, dann kann es passieren, daß die sagt: „Frank, haste nicht mehr alle?“ – „Wieso, was hab ich denn getan?“ – „Du hast mich eben angebrüllt!“ – „Oh, Tschuldigung.“

„So was“, erklärt er, „versucht man dann schnell abzuschütteln.“

So müssen die Soldaten, bei aller Lockerheit, immer wieder umschalten – von zivil auf militärisch und zurück. Wie der Schütze Wuppertal, von dem man sich gut vorstellen kann, daß er zu Hause mit Eltern und Großmutter am Tisch sitzt, sehr manierlich ißt und sagt: „Wenn wir morgens antreten müssen, ist es immer sehr kalt, aber ich habe die dicken Socken an, und da ist es halb so schlimm.“ Auf der Heimfahrt ins Wochenende aber, im Intercity Hamburg-Düsseldorf, grölt er, eine Büchse Bier in der Rechten, unvermittelt durch den vollbesetzten Großraumwagen: „Ich will ficken!“ Riesengejohle. Schütze Wuppertal strahlt glücklich. Er weiß, worauf es ankommt.

Ein Sprecher der leidgeprüften Bundesbahn (eingetretene Türen, zerschlagene Fenster, aufgeschlitzte Sitze) vergleicht die Rekruten mit Fußballfans: Einzeln ganz liebe Kerle, zusammen ein wilder Haufen.

Aber kann man sich vorstellen, daß sie statt der zweiten Klasse den Irak verwüsten?

TÖTEN

Amerikanische Soldaten wissen, was von ihnen erwartet wird. „Kill, kill!“ schreien Marines, wenn sie die Kämpfer anfeuern, die den Nahkampf üben. „Wir sind ziemlich bestialisch“, sagte ein Ausbilder einem Reporter der New York Times, der die Szene beobachtete. „Du bist da, um zu lernen, deinen Feind zu zerstören.“ Frauen in der Army werden behutsamer an ihre Aufgabe herangeführt. Im Text eines Marschliedes lockt die Soldatin einen Vogel in ihre Stube, „und dann zerdrücke ich seinen kleinen Kopf“. Das Lied beschreibt weiter, was weibliche Marines mit ihren Katzen, Hunden und Fischen tun.

Ekkehard Lippert, Psychologe am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in München, hat solche Gesänge selbst gehört und „stand ein bißchen ratlos davor“. Streitkräfte, sagt er, „sind eben immer die Streitkräfte einer Gesellschaft“.

Wenn unsere Gesellschaft ihre Streitkräfte ausbildet, geht es zu wie im Schützenverein. Erst wird die Wirkung der Waffe erklärt, „aber nicht: so und so sieht die Wunde aus“, erzählt der Gefreite Lucas Hülsmann aus Braunschweig, sondern daß die Kugel ein zwanzig Zentimeter dickes Kantholz durchschlagen könne. Dann geht es auf den Schießstand, man zielt auf Scheiben, später auf Pappkameraden, Blechplatten mit den Umrissen von Menschen, die hinter Holzstößen Deckung suchen. Auch diese Zielscheiben sind in Ringe unterteilt – ein Angebot für Empfindsame. Wen die Vorstellung stört, jemandem ins Herz geschossen zu haben, der meldet: „Acht hoch rechts.“

Man bevorzuge eine sachlich-distanzierte Sprache, berichtet Hülsmann. Der Befehl „Zerfetz die fiese Russenfresse!“, den ihm der Unteroffizier Schulz bei der Schießausbildung erteilt habe, sei eine seltene Ausnahme gewesen und „ist uns allen irgendwie aufgestoßen“. Hat der Gefreite nun gelernt, einen Menschen zu erschießen? Die Vorstellung sei ihm fremd, sagt er. „Ich habe nur eine handwerkliche Technik erlernt.“

Töten im Industriezeitalter hat mit Handwerk nicht mehr viel zu tun. Besuch beim 37. Flugabwehrraketengeschwader in Cuxhaven, einer Einheit, wie sie jetzt in der Türkei stationiert worden ist: der Feuerleitstand eine finstere Kabine von der Größe eines Bauwagens, die Klimaanlage dröhnt. Fünf Soldaten, eingezwängt zwischen Schaltpulten, verständigen sich über Kopfhörer. Lämpchen flackern an den niedrigen Wänden, diffuses Schummerlicht.

Jedes Flugzeug in hundert Kilometer Umkreis ist als leuchtender Punkt auf einem Radarschirm zu sehen – „ein Flugziel“, wie man hier sagt. Der Feuerleitoffizier prüft, ob es das Kennsignal der befreundeten Mächte aussendet, „das geht relativ schnell“, sagt er. Höchstens fünfzehn Sekunden brauche er für seine Entscheidung: ein Druck auf den roten Knopf mit der Aufschrift „F“ – fire. Wäre dies keine Computersimulation, hätten die Insassen des Flugzeugs nur noch wenige Sekunden zu leben. Kurz nach dem Abschuß leuchtet über dem Radarschirm ein blaues Lämpchen auf. „Kill“ steht darauf – die Hawk-Raketen verleugnen ihre amerikanische Herkunft nicht.

Was denkt der Feuerleitoffizier Peter Schneider, wenn er den Druck auf den roten Knopf anordnet? „In dem Moment“, sagt er, „führe ich eine Tätigkeit durch.“

Mehr wird von einem Soldaten auch nicht erwartet. Die Frage „Wie denke ich über das Töten?“ spiele in der Ausbildung keine Rolle, erklärt der Kommandant des Geschwaders, Oberstleutnant Hans-Joachim Wiesenhavern. Das Thema werde „im Rahmen des allgemeinen Gesprächs“ behandelt. „Das reicht vom normalen Gespräch bis zum Biertischgespräch.“

Nicht allen Soldaten wird dabei das Ausbildungsziel klar. Sozialwissenschaftler des Münchner Bundeswehrinstituts baten 1300 Soldaten um eine Stellungnahme zu dem Satz, bei der Bundeswehr müsse man lernen, „wie man andere Leute tötet und verwundet“. Fast jeder fünfte kreuzte an: „Stimmt nicht“.

ERNSTFÄLLE

Der Hamburger Rekrut Jan Brockmüller würde seinen Kopf für Deutschland hinhalten. „Denn wenn ich an der Oder stehe und weiche zwei Schritt zurück, dann weiß ich: Da sind meine Eltern.“ Die Verteidigung Frankreichs im Rahmen der Nato könnte sich der Abiturient gerade noch vorstellen: „Da bin ich zweimal im Jahr. Man fährt da durch, spricht die Sprache. In der Türkei wäre das was anderes. Das ist schon Asien.“ Als deutscher Soldat „auf irgendwelchen Inseln im Pazifik“ für die neue Weltordnung zu kämpfen, das käme Jan Brockmüller überhaupt nicht in den Sinn.

Mit wem man in deutschen Kasernen in diesen Tagen auch spricht: Jedem Soldaten scheint der Ernstfall unlösbar mit dem eigenen Territorium verknüpft zu sein. Der Einsatz in der Türkei wird zwar akzeptiert, aber nur nach dem Motto: „Die Nato hat uns geholfen, jetzt müssen wir der Nato helfen.“ Eine Rolle spielt dabei die Angst vor dem nächsten Nato-Manöver, wo man sich als Deutscher sonst sagen lassen müsse, so der Oberleutnant zur See Hansjörn Butkereit: „Warum fahrt ihr eigentlich mit, wenn ihr euch nachher doch nicht beteiligt?“

Butkereit ist einer von 275 Mann auf dem Wilhelmshavener Zerstörer Bayern, der am 14. März ins Mittelmeer ausläuft, um vier Monate lang an der Südflanke des Bündnisses Flagge zu zeigen. Die Aufregung darüber bei Familien und Freunden führt Butkereit auf ein Mißverständnis zurück: „Man hätte den Leuten im Fernsehen mal deutlich sagen müssen: Wo ist das Mittelmeer? Wo ist der Golf?“ Hauptbootsmann Reinhard Jordan stimmt ihm zu: „Wir fahren nicht in den wirklichen Krieg, sondern nach Neapel, und machen dort unsere Übungen.“

Wie verhalten sich solche Übungen zum Ernstfall? „Wir trainieren Fähigkeiten, die bei eventuellen Kampfhandlungen gebraucht werden, aber wir wissen natürlich immer: Es schießt keiner auf uns“, sagt Fregattenkapitän Viktor Toyka, Berufssoldat seit 1966. „Ich habe 1968 bewußt miterlebt. Da sah ich noch eine andere militärische Bedrohung als heute. Aber auch damals habe ich nicht geglaubt, daß wir je würden kämpfen müssen.“

In der guten alten Zeit des Kalten Krieges kam die Bedrohung nur aus dem Osten; die atomare Abschreckung hinderte die Militärs am Krieg. Wer als erster schießt, wußten sie, stirbt als zweiter. Der unmögliche Schlagabtausch ließ die Rekruten Jahr um Jahr unwilliger werden: „Was kann ich zur Verteidigung des Landes beitragen, wenn ich mit dem Gewehr in der Lüneburger Heide herumlaufe?“ war eine beliebte Frage.

Die Sinnkrise seit 1980 mündete bald in eine „Gorbimanie“. Heute ist es eine „verrückte Tatsache“ (Egon Bahr), daß die Rote Armee in der Bundesrepublik steht, obwohl die Nato das immer verhindern wollte – und niemand ist deswegen beunruhigt.

Das Hamburger Panzergrenadierbataillon 72 sammelte im Dezember 2500 Mark für die Rußland-Hilfe. „Daran kann man sehen, daß wir kein Feindbild haben“, sagt stolz Kommandeur Günther Pusch. Das von der Marine herausgegebene Magazin Blaue Jungs gibt sich in einer Kriegsfilm-Kritik ganz ungezwungen: „Zwar ist der Held der Story wieder ein Amerikaner, aber endlich einmal werden die Sowjets nicht als kommunistische Monster dargestellt.“

In Nato-Manövern, die zusehends spärlicher werden, ist „Rot“ schon vor über einem Jahr durch „Goldland“ ersetzt worden. Nun, da es neuestens um schwarzes Gold geht, rücken andere Ernstfälle ins Blickfeld, an die nie jemand gedacht hatte. Die Bundeswehr – eine Änderung des Grundgesetzes angenommen – könnte erstmals in militärische Auseinandersetzungen verwickelt werden,

PFLICHTEN

Soldaten müssen der Bundesrepublik Deutschland treu dienen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten, ihre Ärmel aufkrempeln, wenn gutes Wetter befohlen ist, und ihre Hemden nach Maßgabe der Deutschen Industrienorm auf das Format A4 zusammenlegen.

All ihre Pflichten lassen sich zu einer zusammenfassen: Soldaten müssen gehorchen. Wenn ein Befehl nicht verfassungswidrig oder verbrecherisch ist, muß er vollständig und gewissenhaft ausgeführt werden – so steht es im Soldatengesetz. Ales andere ist Sache der Politik. Was die Politiker von den Soldaten wollen, haben sie, in diesem Punkt bis vor kurzem von seltener Einigkeit, immer wieder beteuert.

„In der Wehrmacht wurde man ausgebildet, nicht nur um fremde Angriffe zu verhindern, sondern vor allem auch, um selber Kriege führen zu können“, sagte Richard von Weizsäcker in einer Rede vor zwei Jahren. „Heute dagegen findet Wehrdienst seinen der Vernunft einsehbaren Zweck und seine sittliche Rechtfertigung allein in der Verhütung des Krieges ... Wird dieses Ziel verfehlt, ist der Dienst am Ende seiner Brauchbarkeit angelangt.“

Sätze, auf die sich deutsche Soldaten vielleicht bald nicht mehr berufen können. Denn inzwischen hat der Bundespräsident den Krieg am Golf zum Kampf „für die Grundwerte einer zivilisierten Weltgemeinschaft“ erhoben. Soldaten, die das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen gelobten, sollen nun einem fernen Verbündeten beistehen, von dessen Flugplätzen aus ein zweiter Verbündeter ein drittes Land bombardiert, das zuvor ein viertes überfallen hat.

Vierzig Prozent aller Bundesbürger, meldet das ZDF-Politbarometer, sind gegen den Krieg am Golf, unter ihnen vermutlich viele Soldaten. Doch wenn es ihnen befohlen würde, müßten sie an die Front. Soldaten werden nicht nach ihrer Meinung gefragt, sie können auch nicht kündigen; sie haben nicht einmal einen Arbeitsvertrag. Ihre Unterschrift verpflichtet sie zur Treue – unwiderruflich. Allenfalls wenn die Aufgaben der Bundeswehr im Grundgesetz erheblich ausgeweitet würden, sagen Juristen, könnten Soldaten versuchen, ihre Entlassung gerichtlich durchzusetzen.

Sonst bleibt ihnen nur ein Weg: die Verweigerung. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden, so steht es in der Verfassung. Doch das Nähere regelt ein Gesetz, demzufolge sich nur auf sein Gewissen berufen kann, wer sich jeder Waffenanwendung zwischen Staaten widersetzt – eine Haltung, die man bei einem Berufssoldaten eigentlich kaum vermuten sollte.

WERBEN

Wie bekommt man einen jungen Mann dazu, bei jedem Wetter durch die Gegend zu marschieren, sich im Schlamm zu wälzen, stundenlang ein Gewehr zu putzen – und das alles freiwillig? Rita Scholz-Villard, Referentin für Anzeigen und Publikationen im Bundesverteidigungsministerium, gehört zu denen, die auf solche Fragen Antworten finden müssen. „Früher hatten wir die Serie ‚Waffe und Mensch‘“, erzählt sie. „Später haben wir dann den Menschen in den Mittelpunkt gestellt.“ Man müsse ja „ab und zu mal was Neues machen“, findet die Werbereferentin. Das war auch dringend nötig. Im vergangenen Jahr hielten von zehn jungen Männern noch ganze vier die Bundeswehr für „wichtig“ oder „sehr wichtig“.

„Wir müssen die likes und dislikes unserer Zielgruppe kennen, ihre Sorgen, Nöte, Ängste“, sagt Hans Bernhard Graf Schweinitz, Leiter des Referats Nachwuchswerbung im Bundesverteidigungsministerium. Die Aussagen der Soziologie über die Zielgruppe sind eindeutig: Disziplin hat an Bedeutung verloren, Selbstverwirklichung und Sinnfragen sind angesagt. Dazu kommt, was Schweinitz „Gorbiismus“ nennt.

Schon lange hat man die Sprache der Werbung abgerüstet. Daß ein Soldat im Verteidigungsfall bereit sein muß, sein Leben einzusetzen, wurde zuletzt 1982 in einer Broschüre erwähnt. Die bunten Heftchen des sogenannten „Phase 1-Materials“, das bei Kindern und Jugendlichen Interesse fürs Militärische wecken soll, sehen wie Photoalben aus. Da wird ein Lagerfeuer gezeigt, der Panzergrenadier Martin, seine Freundin, der „Tom aus der 1.“, der gerade beim Bund seinen Führerschein gemacht hat und „bei den Mädchen eine tragende Rolle“ spielt. Dazu Soldatenhumor à la „ohne Mampf kein Kampf“ und „tagsüber fahr’ ich Marder, abends Ente“. Thomas von der Luftwaffe macht sich „über die Sandkastenspiele im Unteroffizierslehrgang“ lustig.

Informationen habe man „in das ‚Phase 2-Material‘ verlagert“, sagt Schweinitz. Im „Wegweiser durch die Bundeswehr“ stehen die Größe der Armee, die Zahl der Divisionen im Heer, das Kaliber der Panzerhaubitze M 109 A3 G, die Stufen der Karriereleiter. Sogar der Verteidigungsfall wird mehrfach erwähnt. Dazu Bilder von friedlicher Natur, zufriedenen Soldaten und Waffensystemen mit Namen wie aus dem Ikea-Katalog: Flugabwehrraketenfahrzeug Roland, Störsender Hummel, Mehrfachraketenwerfer Lars.

Sechzehn Millionen Mark, mehr als doppelt soviel wie 1984, gab die Bundeswehr im vergangenen Jahr für Nachswuchswerbung aus. Vier Millionen wurden zur Selbstverteidigung des Militärs verwandt, um klarzumachen, „daß wir weiterhin eine Bundeswehr brauchen“, wie Karl-Heinz Hilsheimer von der Werbeagentur McCann-Erickson sagt, welche die Kampagne entworfen hat. Die Agentur, die über Erfahrung in der Betonwerbung verfügt, entwickelte für die Bundeswehr die Parole: „Wir haben mitgeholfen, das Tor zu öffnen“ – eine überraschende Aussage, nachdem man jahrelang versichert hatte, sich in die inneren Verhältnisse Osteuropas nicht einmischen zu wollen. Graf Schweinitz erklärt das so: „Unter dem Schutz einer überspannenden und durch das Bündnis garantierten Sicherheitspolitik hat die Freiheitsbewegung in der DDR die Chance ihres Auftrittes gehabt.“ Standen die Leipziger Demonstranten also unter dem Schutz der Nato? Nein, sagt Schweinitz, aber die Allianz der freien Welt („Nato klingt immer so negativ“) habe dazu beigetragen, daß „Krieg als Mittel der Politik geächtet wurde. Auch der inneren.“

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Nun, da Nato-Mitglieder den Irak bombardieren, hat die Bundeswehr, aus „menschlichem Feingefühl“ (Schweinitz), erst mal alle Anzeigen gestoppt. „In einer Phase, in der Krieg geführt wird“, findet der Werbefachmann Hilsheimer, „können wir nicht eine heile Welt darstellen.“ Erstes Opfer dieser Erkenntnis wurde ein Aufkleber aus der Vorkriegszeit, der genau das zeigte – rote Dächer, grüne Bäume, blauen Himmel, gelbe Sonne und dazu die Worte: „Schön friedlich. Bundeswehr.“

KARRIEREN

Zufallsumfrage in einer Hamburger Fußgängerzone: „Welche Bundeswehr-Generale kennen Sie?“ Zuerst: viel Ratlosigkeit, Amüsement, was für eine merkwürdige Frage!

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, da jedes Schulkind eine eisenhaltig-deutsche Ahnentafel herunterbeten konnte: Guderian und Manstein, Wrangel und Scharnhorst, Ludendorff und von Seeckt. Welche Namen, welch ein Klang!

Dagegen heute? Die meisten Passanten kennen nur drei Namen, eine populäre Schnittmenge der deutschen Generalität: Bastian, Kießling, Schmähling. Ein schräges Trio.

Gert Bastian ließ sich 1980 in den einstweiligen Ruhestand versetzen, weil er den Nato-Doppelbeschluß nicht mittragen wollte; er motzte fortan als grüner Bundestagsabgeordneter gegen allzu stramme Vaterlandsverteidiger. Günter Kießling, Stellvertreter des Obersten Alliierten Oberbefehlshabers in Europa, mußte 1983 gehen, nachdem ihm sein Minister Homosexualität und damit Erpreßbarkeit angedichtet hatte. Der dritte, Elmar Schmähling, ist eigentlich Admiral und wurde 1990 als Chef des Amtes für Studien und Übungen der Bundeswehr zum Abtritt gezwungen, weil er zu laut und zu viel Abrüstung und Wehrdienstverkürzung gefordert hatte.

Und dann ist da natürlich Manfred Wörner, den kennt auch jeder, aber der ist ja kein General, nur Generalsekretär.

TSCHINGDARASSABUMM

Manches Offizierskasino heißt heute „Teilsozialgebäude“ – das klingt mehr nach städtischem Sanatorium als nach bierseligen Kameradschaftsabenden und Männlichkeitsritualen.

Als sei es das Klublokal des örtlichen Fußballvereins, hängen im Offizierheim der Rahlstedter Graf-Goltz-Kaserne Zinnteller und Wimpel über der Theke. Zum Fernsehen treffen sich die Soldaten im „Hörnerzimmer“, wo kapitale Zwölfender und Gemälde preußischer Adliger die Wände schmücken. Ein geschichtskundiger Offizier muß herbeigerufen werden, um den Namensgeber Graf Goltz als Rüdiger und Weltkrieg-I-General zu identifizieren. Ansonsten halten es die Soldaten wie Hauptmann Andreas Brandes: „Müßte ich mich in jeder Kaserne, in der ich stationiert bin, um den Namen kümmern, hätte ich viel zu tun.“

Die Auseinandersetzung um die Füssener Eduard-Dietl-Kaserne (benannt nach einem Wehrmachtsgeneral und Hitler-Verehrer) oder die Hamburger Lettow-Vorbeck-Kaserne (benannt nach einem Teilnehmer am Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik) – dieser Streit scheint sich überlebt zu haben. Überhaupt die ganze Traditionsdebatte, die dreißig Jahre lang Dauerthema war. Mitte der achtziger Jahre seien die letzten ehemaligen Wehrmachtsoffiziere pensioniert worden, sagt Oberstleutnant Herbert Kuhrt. Viel wichtiger sei doch jetzt, da die Bundeswehr älter sei als Wehrmacht und Reichswehr zusammen, die Wahrung der eigenen Tradition. Er nennt die „Innere Führung“, den „mitdenkenden Gehorsam“, „demokratische Mitwirkungsrechte“ und die „Fürsorge für den einfachen Soldaten“.

Wie eine Episode aus grauer Vorzeit erscheint es heute, daß Manfred Wörner 1976 den Wehrmachtsobersten und unverbesserlichen Nazi Hans-Ulrich Rudel einen „tapferen Mann“ nannte. Die forsche Geschichtslosigkeit ließ sich elf Jahre später nicht mehr in einem neuen Traditionserlaß festschreiben. Manfred Wörner scheiterte als Verteidigungsminister bei dem Versuch, „zahlreiche Beispiele menschlicher Bewährung und soldatischer Leistung“ in Hitlers Wehrmacht wieder für traditionswürdig zu erklären.

Die Bundeswehr reagierte gelassen, als vor einem halben Jahr an einer ehemaligen Kaserne in Göttingen ein „Deserteursdenkmal“ eingeweiht wurde. Die Gedenktafel ist jenen gewidmet, die „sich aus Gewissensgründen dem Kriegsdienst für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verweigert haben und dafür verfolgt, getötet und verleumdet wurden“.

Auch der Umgang mit dem 20. Juli hat sich entkrampft. Peinliche Auftritte von Kriegsteilnehmern, die in Stauffenbergs Attentat auf Hitler keine Leistung des Gewissens, sondern Verrat und Bruch des Soldateneides sehen wollen, werden rar. Heute ist der 20. Juli ein Tag in der Haupturlaubszeit der Offiziere.

Seit die westlichen Alliierten in Deutschland das Volk der Memmen geortet haben und britische Boulevardblätter Vermißtenanzeigen aufgeben (Wo stecken die Deutschen vom Kaliber eines Rommel?), sehen Konservative die Zeit gekommen, militärische Traditionen neu zu beleben. „Der Gesellschaft muß der Stellenwert der Armeewieder deutlich werden“, fordert der Wehrbeauftragte Alfred Biehle. „Man muß unsere Soldaten sehen und achten können.“ Gerne in Uniform, noch lieber mit klingendem Spiel beim Großen Zapfenstreich oder bei öffentlichen Gelöbnissen.

Deutschland, einig Vaterland – nicht denkbar ohne Tschingdarassabumm?

VISIONEN

Die Bundeswehr ist eine Reformarmee. Alles soll verändert werden: Auftrag, Truppenstärke, Strategie im Bündnis, innere Struktur, Ausrüstung, Ausbildung. Zur Jahrtausendwende wird die Bundeswehr eine andere Armee sein. So viel Reform war noch nie und gleichzeitig so wenig Kontroverse darüber.

Die Bundeswehr ist eine Schrumpfarmee. Im Augenblick dienen als vereinigte Bundes- und Volksarmisten 597 000 Mann. Bis Ende 1994 müssen es 370 000 Mann sein. Das steht so im Zweiplus-vier-Vertrag zwischen Deutschland und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges.

Die Bundeswehr ist eine Armee ohne Gegner, seit der Staatssozialismus implodierte. Bis Ende des Jahres soll eine neue Nato-Strategie vorliegen: ein „hochflexibles, netzartiges Verteidigungskonzept für Deutschland und Europa“. Der Gegner steht dann nicht mehr im Osten, sondern irgendwo.

Die Bundeswehr ist eine Armee vor neuen Aufgaben. Im vergangenen Jahr, als die Weltlage ewigen Frieden verhieß, war viel von Katastrophenschutz und Öko-Eingreiftruppe die Rede. Das sollte neue Akzeptanz in der Bevölkerung schaffen. Aber jetzt ist wieder Krieg.

Die Bundeswehr soll an Kriegen in anderen Erdteilen teilnehmen dürfen. Dafür müßte das Grundgesetz geändert werden. „Ergänzende Klarstellung“ nennt das die CDU-Fraktion, weil sie glaubt, daß die Bundeswehr schon jetzt mehr darf, als die SPD behauptet. Weil die Grundgesetzänderung der Zweidrittelmehrheit im Bundestag bedarf, ist wichtig, was die SPD will. Was die SPD aber will, weiß sie selbst nicht so genau. Beim Parteitag in Münster im August 1988 hat sie eine Änderung des Grundgesetzes abgelehnt. Jetzt, vermutet Willy Brandt, wäre zumindest die Beteiligung an Uno-Friedensmissionen wie auf Zypern „mehrheitsverdächtig“. Florian Gerster, SPD-Abgeordneter im Verteidigungsausschuß, ist sich sicher, daß „die gefühlspazifistische Stimmung abebben wird, die zur Zeit das Denken in der SPD vernebelt“. Dann will er eine „internationale Eingreiftruppe mit Bundeswehr-Beteiligung“ vorschlagen, vielleicht „so 200 000 Mann stark“.

Die Union will der „gewachsenen Verantwortung des vereinigten Deutschland“ gerecht werden. In ihren Reihen ist die Schaffung der internationalen Uno-Eingreiftruppe nicht umstritten, am besten „unter dem Dach der Westeuropäischen Union“, wie Volker Rühe findet. „Die Bundeswehr muß ihren Horizont erweitern“, fordert der CDU-Wehrexperte Bernd Wilz.

Die Bundeswehr wird deshalb bald keine reine Abschreckungsarmee für das Territorium der Bundesrepublik mehr sein. Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg, ansonsten der Fleisch gewordene Status quo, hat schon mal vorgedacht. Er möchte eine europäische Luftflotte von Großraumtransportern anschaffen. Schließlich müssen „Raketenwerfer, Kommandozentralen oder Sanitätsfahrzeuge“ transportiert werden; ein Vorschlag, der ihn vor zwei Jahren wegen der weltumspannenden Ambition bestimmt noch das Amt gekostet hätte. Damals wollten noch die meisten Bundestagsabgeordneten die Bewaffnung „auf Angriffsunfähigkeit hin optimieren“. Die mobile Welt-Wehr braucht aber anderes, modernes Gerät, weshalb der CDU-Wehrexperte Bernd Wilz jetzt „Rüstungsentscheidungen“ ankündigt. Neue High-Tech-Waffen erfordern gutausgebildete Elektronik-Soldaten. Zwölf Monate Dienstzeit reichen dafür nicht.

Die Bundeswehr ist aber eine Wehrpflicht-Armee. Die allgemeine Wehrpflicht gilt als Erbschaft der Französischen Revolution. Frankreich führte die levée en masse 1793 ein, als es seine Revolutionsheere mit jungen Männern aus dem ganzen Land auffüllte. Preußen folgte 1814, um billig ein Massenheer aufstellen zu können. Ist im Zeitalter relativ kleiner, elektronisch bewaffneter Weltpolizeien die Armee schlechtausgebildeter Wehrpflichtiger obsolet geworden? Soll die muffelige Bundeswehr, die sich in diesen Tagen als wahre Volksarmee entpuppt, durch wehrwillige und weltläufige Profis ersetzt werden? In Bonn traut sich mit derlei Vorschlägen niemand aus der Deckung. Trotzdem ist die Debatte da in den Gazetten. Namentlich gezeichnet sind nur die glühenden Plädoyers für die Wehrpflicht.

Parteiübergreifend berufen sich alle auf Theodor Heuss: „Die Wehrpflicht ist das legitime Kind der Demokratie.“ Eine Sentenz, in der das Trauma des demokratiefeindlichen 100 000-Mann-Berufsheeres der Weimarer Republik mitschwingt. So sind bei der anstehenden Reform allenfalls Mischformen chancenreich, wie sie Wolf Graf von Baudissin vorschlägt: eine Bundeswehr „auf Wehrpflichtigen-Basis, die aber im wesentlichen der Ausbildung dient“. Für die Welt-Wehr sei „aus dem Reservoir der Längerdienenden und Berufssoldaten“ zu schöpfen. Bei Baudissin heißen diese mobilen Kadertruppen „verwendungsbereite Verbände“.

Die Bundeswehr droht eine Zweiklassenarmee zu werden. Manfred Opel, Brigadegeneral und für die SPD im Bundestag, hat schon vor Monaten ein Szenario entwickelt: Die länger dienenden Technik-Spezialisten, die „gleichsam alleine militärisches Herrschaftswissen besitzen“, würden die „Grundwehrdienstleistenden immer mehr fachlich und professionell an den Rand drängen“. Die Rekruten könnten sich am Ende nicht mehr mit den „Einsatz-Streitkräften“ identifizieren. Die „professionelle Armee“ werde „trotz Wehrpflicht“ gesellschaftlich isoliert.

Eine mobile Eingreiftruppe verstärkt diese Tendenz. Wehrpflichtige taugen am Ende nur noch als Kasino-Ordonanzen. Konservative Militärs schlagen deshalb eine „kriegsnahe Ausbildung“ vor – auf daß die Kluft zwischen Profis und Wehrpflichtigen nicht zu groß werde. Oberst Dieter Farwick, Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 17, nennt die Stichworte des Rollback: „Erziehung zur Härte“, „Fitness“, „Schlafentzug“, „realistisches Schießtraining“.

„Aus Angst, die Gesellschaft zu militarisieren“, sagt Farwick, „haben wir das Militär zivilisiert.“ Das soll jetzt wieder anders werden. •