ARD, Montag, 4. März, 23.00 Uhr: "ES – von Zaren und Monstern", sowjetischer Spielfilm von 1989 in deutscher Erstaufführung

Eine grimmige Satire auf die russische Geschichte von Iwan dem Schrecklichen über die Oktoberrevolution bis zur Perestrojka – und eine virtuose Anthologie der Filmgeschichte von (angeblichen) Stummfilm-Fundstücken bis zur modernen Reportage. Die Geschichte einer russischen Stadt erweist sich hier als Wiederholung der immer gleichen Misere auf jeweils erweiterter Stufe; Saltykow-Schtschedrin hat die literarische Vorlage geliefert, Sergej Owtscharow (Buch und Regie) hat daraus eine verrückte Burleske gefertigt, eine verzweifelte Generalabrechnung mit der Geschichte seines Volkes, die erst am historischen Wendepunkt der Perestrojka möglich wurde.

Die Stummfilm-Archaik zeigt: So lange schon ist das her, aber außer den Kostümen und der Filmtechnik hat sich nicht viel geändert. Da stolpern ein paar Bäuerlein im flackernden Licht zu ihrem Herrn und Fürsten, der sich von ihnen abgewendet hat. Sie bitten ihn, die Herrschaft wiederaufzurichten über sie, sie könnten unregiert nicht leben. Damit fängt alles Übel an. Eine knarzende Fidel spielt die kleine Melodei, ein einfältiges, müdes Tänzchen, das uns den Film über begleiten wird: die Einfalt derer, die regiert sein wollen und es folglich nicht besser verdient haben.

Es? ES! Das Sklavenleben. Wer sich nicht selbst befehlen kann, wird stets ein Sklave sein – wer sagte das? Ein Russe. ES kommt über sie und zwischen sie, ES macht ihnen das Leben leicht und unerträglich. ES, das System, das Verhältnis zur Macht. Im Mikrokosmos des Städtchens, in der provinziellen Enge wird ES: als das, was Menschen trennt, um sie ans Zentrum zu binden.

Der Terror fährt im klapprigen Sil um die Ecken, flache Pistolenschüsse machen die Leute stumm. Das nachrevolutionäre Quartier, die Mehrparteienwohnung als Schauplatz einer ganzen Epoche: Hier wächst ES heran, wird groß und stark. Türenklappern, scheue Blicke, man huscht aneinander vorbei zu jenem Briefkasten, den der Genosse Vorsitzende für Denunzianten hat anbringen lassen. Mit verborgenem Gesicht huscht man durch den großen Gemeinschaftsflur zum Kasten, kein Blick, kein Wort, dann fällt wieder ein Schuß. ES lebt in diesem Flur, ES klopft, wenn einer geholt wird, und ES öffnet nicht, wenn einer in Not ist.

ES ist die Macht, die aus der Furcht erwächst, ES ist zerstörerisch. Der Genosse Vorsitzende preßt sich die Dorfschönheit zur Frau – da wird sie fett und häßlich; einer der nachfolgenden Genossen Vorsitzenden startet die Senf-Kampagne, fortan wird Senf-Brot und Senf-Wurst gegessen. ES liebt die Vergewaltigung. Der Film reagiert darauf mit einer Stilisierung zwischen Kaspertheater und Geschichtsfibel: eine Revue, in der es grobschlächtig zugeht wie in der Wirklichkeit. Nur ist der Ton ein gänzlich anderer, ein böses Lachen über sinnlose Qualen und Opfer, das man sich in der Realität kaum leisten konnte. Denn da wird auch im letzten Regenten – hieß er Warzenkerl oder Traurigman? – noch die neue, die bessere Zeit, die endlich angebrochene Zukunft Rußlands bejubelt.

Was geschieht mit Menschen, die ihren Blick aneinander vorbei auf ES gerichtet haben, das Rednerpult, das Standbild, das nächste pompöse Versprechen? In den letzten Bildern von Owtscharows Film wird die Herde in eine moderne Wüste geführt, eine postindustrielle Landschaft, vergiftet und verworfen. Man läßt sich in Plastik verpacken und taugt gerade noch, eine große Abfallgrube zu füllen. ES hat seinen Gang durch die Geschichte beendet und ist zu sich selbst gekommen.

Martin Ahrends