Von Carl. D. Goerdeler

Fünfuhrtee im Hotel „Tropical“: Washington Pereira kommt mit Hühnerteilen, setzt den blutigen Bottich neben den Hackklotz und schneidet das Fleisch zurecht. Glühende Augen starren herüber, Pantherfell drückt sich gegen Eisenstäbe. Washington nimmt den Futtertrog und schiebt ihn in den Leopardenkäfig des Mini-Zoos. Drüben am Pool spielt die Combo Aquarelas do Brasil, die Kellner schleppen Champagnerkübel. Sonnengebräunte Hände langen nach Cocktailgläsern. Happy hour für unterschiedliche Spezies: Großkatzen und betuchte Gäste logieren nebeneinander unter dem Dach des Hotels „Tropical“ von Manaus.

Es gibt ja kein anderes standesgemäßes Hotel im Umkreis von mehreren tausend Kilometern: zwischen Caracas und Rio de Janeiro, Lima und Belem – nichts, nur die grüne Hölle und das Hotel „Tropical Manaus“. Deutsche Lehrer, amerikanische Pensionäre, italienische Industrielle – früher oder später landen sie alle auf dem Aeroporto Eduardo Gomes nahe der Amazonas-Metropole, von wo sie schnellstens in die kühle Klimazone des „Tropical“ verfrachtet werden. Das Luxushotel beherbergt 18 000 Gäste in den Spitzenmonaten April, Juli und August, achtzig Prozent von ihnen reisen mit ausländischen Pässen und pauschal. Für die brasilianische Fluggesellschaft Varig, der das Haus gehört, ist es eine Goldgrube.

Sechshundert Zimmer und Suiten, Restaurants und Coffee-Shops, Wellenbad und Tennisplätze, Shopping-Center, Schönheitssalon, Sauna und einen eigenen Pier am Rio Negro besitzt das „Tropical“. An Rio-Palisander und poliertem Granit wurde nicht gespart. Ein wenig Casa Grande, ein bißchen Gutshausstil – die Reisenden sollen sich fühlen wie die Kautschukbarone jener Tage, als Caruso in der Oper von Manaus sang. Maximal 1400 Gästen bietet die Herberge Platz, für jeden Besucher steht ein Angestellter bereit. Chefkoch, Sommelier, Einkaufsleiter, Prokurist, Personalchef – die Manager des Hotels kommen, wie die meisten Kunden, aus dem Ausland. Für die untergeordneten Tätigkeiten hat man sich auf dem lokalen Arbeitsmarkt umgesehen. „Wir finden keine qualifizierten Leute“, klagt der Personalchef. Erst im Vormonat seien 400 Angestellte wegen Streiks entlassen worden, flüstert das Zimmermädchen.

Mehr Sorgen als das Personal bereiten dem Management die hohen Kosten für Transport und Energie. „Abgesehen von einigen regionalen Früchten und Fischen, wie Tambaqui und Prirarucu, die wir in Manaus kaufen, werden sämtliche Speisen und Getränke aus São Paulo eingeflogen (Entfernung: 4500 Kilometer). Wir haben einfach keine zuverlässigen Lieferanten mit gleichbleibend guter Ware hier in der Umgebung“, heißt es in der Direktion. Dabei sollte das „Tropical Hotel Manaus“ einmal der Ausgangspunkt für die Zivilisierung Amazoniens sein. So steht es jedenfalls auf der Bronzetafel im Foyer, die anläßlich der Eröffnung im Jahre 1976 angebracht wurde.

Manaus war vor fünfzehn Jahren ein verschlafenes Nest am Rio Negro. Im Teatro Amazonas hielten die Ratten Pfeifkonzerte. Die goldenen Jahre Ende des vergangenen Jahrhunderts, als der Kautschukboom der Stadt Reichtum und Wohlstand brachte, schienen für immer vorüber. Doch dann zog gleichzeitig mit dem „Tropical“ die Steuerfreiheit ein. Kraftwerke, Fabriken und ein neuer Flughafen wurden gebaut. Rauchfahnen stehen seither über dem Dschungel, und Schwermetalle fließen ungefiltert in den Fluß.

Für die gewöhnlichen Brasilianer zählt Manaus hauptsächlich als Ziel von Hamsterfahrten. Zollfrei japanische Videorekorder, amerikanischen Whiskey und französisches Parfüm einzukaufen, dafür lohnt sich sogar ein Vierstundenflug quer über den Kontinent. Ins „Tropical“ verirren sich die „Butterfahrer“ selten, es bleibt einer kleinen, betuchten Elite vorbehalten. Sie besitzen die Statussymbole der happy few bereits, was jetzt noch fehlt, ist das Erlebnis Natur. Der Mini-Zoo im Hotelpark mag manchem Ferntouristen schon genügen. Brüllaffen und Wildkatzen muß man ja nicht unbedingt unter freiem Himmel erleben. Es reicht die Bullenhitze draußen vor der Bar. Selbst vor Mückenstichen sei man ja’-nicht sicher, hört man sagen.

Zwei oder drei Tage halten sich die meisten Gäste im Hotel „Tropical“ auf, dann fahren sie weiter auf ihren organisierten Routen: Abenteuer Amazonien! verheißen die Prospekte. Also eine Bootsfahrt buchen, den Rio Negro hinauf- und wieder herunterschippern, den Zusammenfluß von Rio Negro – schwarz – und Solimoes – braun – in den Amazonas photographieren, mittags unterm Palmendach speisen, einmal wie Tarzan mit der Liane schaukeln; der übliche Ausflug führt dreihundert Meter in den Regenwald hinein. „Das Hotel sollte dafür sorgen, daß gekühlte Getränke mitgeführt werden“, kritisiert eine Italienerin hernach die schweißtreibende Tour. Diverse Videokameras haben das Abenteuer für die Daheimgebliebenen auf Zelluloid gebannt. Dann entschädigt der Gin-Tonic an der Hotelbar für vergossenen Schweiß.

Wie eine Festung schirmt sich das „Tropical“ nach außen ab. Vor den Toren liegt der Strand von Ponta Negra, ein turbulenter Badeplatz der Menschen aus den Bretterbuden von Manaus. Von ihnen kommt keiner an der streng bewachten Pforte vorbei. Bewaffnete Objektschützer patrouillieren um das 450 000 Quadratmeter große Hotelareal. Gärtnerbataillone stauben die Palmen ab und stutzen den Rasen. Gepflegt gedeiht der Dschungel hinter Mauern, draußen lauert die Gefahr.

In der sicheren Enklave des Hotel „Tropical“ haben schon Staatsmänner Südamerikas getagt. Klaus Kinski hatte während der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ in der Präsidentensuite gehaust. Die Reparaturkosten übernahm dann die Münchner Filmproduktionsfirma. Ein geistesgestörter Franzose wollte unbedingt im Tapirkäfig schlafen, und einer Amerikanerin wurde ein Finger von einem Piranha abgebissen. Aber die meiste Arbeit entsteht durch die Flugtermine der Touristen, die sich über Tag und Nacht erstrecken. Mitten in der Nacht um zwei, halb drei reisen Gruppen an und ab. Der permanente Lakenwechsel rund um die Uhr fördert den Umsatz, den Hotelangestellten geht er an die Nerven. Da mag ein Streik um die Arbeitsbedingungen verständlich sein.

Wo sonst soll man sich treffen am Amazonas, wenn nicht im „Tropical“? Incentive-Tours multinationaler Konzerne, Marketingseminare der Autohändler, Modenschau und Galakonzert – der große Renner im Kongreßzentrum des „Tropical“ sind aber Umweltkonferenzen. An Ort und Stelle, mitten in Amazonien, läßt sich vortrefflich über Regenwald und angepaßte Technologie diskutieren. Jedenfalls dann, wenn die Klimaanlage auf Hochtouren arbeitet.