Von Friederike Herrmann

Gesucht wird: ein spagatbegabtes Chamäleon mit Elefantenhaut. So oder ähnlich hätte man diese Stelle annoncieren müssen, um deren Einrichtung die Frankfurter Studentinnen seit 1973 stritten. Als der erste deutsche Lehrstuhl für Frauenforschung dann 1985 endlich ausgeschrieben wurde, beschlich die Aufmüpfigen böser Zweifel: War eine Gelehrte, die sich für eine C4-Stelle, für die höchstbezahlte Professur, qualifiziert hatte, am Ende den Herren der Forschung näher als den Frauen der Bewegung? Nicht minder mißtrauisch waren die Honoratioren: Eine Feministin auf dem Katheder? Dogmen in Lila? Das konnte ja heiter werden.

Ute Gerhard sieht nicht so aus, als liebe sie es, von zwei Seiten unter Beschuß zu geraten. Die kleine rothaarige Frau, die 1987 den Ruf auf den Frankfurter Lehrstuhl für Soziologie mit den Schwerpunkten Frauenarbeit und Frauenbewegung annahm, besitzt vielmehr eine Eigenschaft, die gemeinhin als weiblich gilt: Sie lächelt zu jedem ihrer Sätze. Ein verbindliches Lächeln, manchmal mündet es in ein kurzes Lachen. Niemals ist es schrill oder laut: "Das Aufschreien ist mir immer schwergefallen, weil ich gelernt habe, mich leise zu machen."

In keinem Land, sagt die Wissenschaftlerin, sei es so schwierig wie in Deutschland, von feministischer Forschung zu reden, ohne argwöhnisch beäugt zu werden. Denn hierzulande, wo sich die Anzahl feministischer Professorinnen an zwei Händen abzählen läßt, gelte Feminismus, ähnlich wie Quotierung, als "Reizwort, das mißverständlich und denunziatorisch gebraucht wird". Darum lehnten viele Frauen, die eigentlich ein feministisches Bewußtsein hätten, es ab, sich überhaupt Feministin zu nennen – "aus Furcht" – und hier senkt sich die Stimme zum verschwörerischen Flüsterton –, "aus Furcht, damit zu radikal zu erscheinen". Ute Gerhard sagt den Satz, der ihr Programm sein könnte: "Ich bemühe mich, die Schwierigkeit des Begriffes zu vermitteln."

Die Schwierigkeit ist groß. Denn so wenig wie den einen Feminismus gibt es die feministische Wissenschaft. Sicher ist nur: Der Wille, Wissenschaft als politische Kunst zu begreifen, eint die feministischen Akademikerinnen der Republik. Ihre Ansätze sind dabei so vielfältig wie die Fachbereiche, in denen die Forscherinnen sich tummeln: Manche Literaturwissenschaftlerinnen knüpfen an den Strukturalismus an, Historikerinnen an die Sozialgeschichtsschreibung, Soziologinnen an die kritische Theorie. Neu sind die Bewertungen der Inhalte, ja die Themen selber – von der Erforschung der Frauengeschichte bis zur (Wieder-)Entdeckung vergessener Schriftstellerinnen.

In den Gesellschaftswissenschaften ist man sich indes einig, daß das Leben von Männern und Frauen zu sehr miteinander verwoben ist, als daß man es getrennt analysieren könnte. Auch entlarvt die Frage nach dem Geschlecht bisherige Wissenschaft als Männerforschung: Der Herrenclub habe kurzerhand vom Menschen gesprochen, wo es eigentlich um den Mann ging. Frauen und Frauenthemen erschienen bestenfalls als "das andere", die Abweichung. So hatten etwa Soziologen, ärgert sich Ute Gerhard, wenn sie von Arbeit redeten, lange Zeit nur die Lohnarbeit im Kopf – als erforsche sich das bißchen Haushalt von alleine. Folgerichtig orientiere sich die Altersversorgung am "Normalfall" Mann – an einem Mann, der doch nur deswegen sein Leben lang ohne Unterbrechung acht Stunden täglich arbeiten und seine Rentenansprüche erwerben konnte, weil seine Frau zu Hause den Boden schrubbte und die Kinder aufzog – jene Kinder übrigens, die dann später in die Rentenkasse einzahlen, aus der Männer eine so viel höhere Rente beziehen als Frauen.

"Wir haben die Diskussion um die Krise der Arbeitsgesellschaft mit neuen Argumenten bedacht", resümiert die Professorin selbstbewußt. Beispielsweise mit dem Argument, daß das Geschlecht eine der zentralen Strukturkategorien, bedeutsam wie die Klasse oder Schicht, in der Wissenschaft sein muß. Ob jemand als Mann oder Frau geboren werde, bestimme schließlich sein Dasein wie kaum eine andere Bedingung. Was banal klingt, ist geeignet, ganze Forschungsgebäude ins Wanken zu bringen. Noch radikaler ans Eingemachte gehen Feministinnen, wenn sie die heiligsten Prinzipien der Akademiker in Frage stellen – beispielsweise die Abstraktion. Frauen fragen, ob die Abwertung von Emotionalität in der Wissenschaft nicht auch der Ausgrenzung von Frauen diene. Freilich: Solche geschlechtsbedingten Unterschiede, betont die Sozialwissenschaftlerin Ute Gerhard, seien nicht etwa natürliche, sondern sozialisationsbedingt.