Von Helga Hirsch

Weit über hundert Menschen drängten sich im Berliner Literaturhaus. Sie waren gekommen, um Hanna Krall kennenzulernen und ihre Reportagen aus dem "Legoland" zu hören. Dieser Ende letzten Jahres auf deutsch erschienene Sammelband eroberte im Januar gleich den Platz eins der Bestenliste des Südwestfunks. Bis vor kurzem war die Warschauer Autorin nur einem kleinen Kreis von Leuten, die Polen lieben, bekannt. Nun aber scheinen ihre schwermütigen Erzählungen über das Leben vor dem Untergang und das Leben der noch einmal Davongekommenen manchem Deutschen aufgrund aktueller Ereignisse sehr nahe zu sein. Vor allem 25- bis 50jährige waren ins Literaturhaus gekommen, um die Geschichte des ewig wandernden Juden Rosenfeld zu hören, der, vom Antisemitismus aus Polen vertrieben, auch in Israel keine Heimat findet; oder die Geschichte von Gretchens Tochter, deren Identität ins Wanken gerät, als sie erfährt, daß ihre polnischen Eltern nicht die leiblichen sind, sondern eine Deutsche sie bei Kriegsende in Polen zurückließ.

Fast alle. Geschichten von Hanna Krall kreisen um den Zweiten Weltkrieg. "Der Krieg war eine Extremsituation für Opfer und Täter", sagt sie, "ein großes, grausiges Theater, in dem bestimmte Rollen verteilt wurden. Der eine kollaborierte, der andere leistete Widerstand, der dritte verriet seinen Nachbarn. Der Krieg war eine große Lektion für die Menschheit." Er interessiert als Extremsituation, um Grundstrukturen menschlicher Reaktionen aufzuzeigen: "Auf weniger dramatisch zugespitzte Weise spielen wir weiter diese Rollen, denn in der menschlichen Natur ist ein bestimmtes Verhalten verankert." In dieser Überzeugung fühlte sie sich im kommunistischen Volkspolen nur bestätigt: Auf Opposition stand zwar nicht mehr der Tod, aber immerhin jahrelanges Gefängnis oder zumindest ununterbrochene Bespitzelung und Einschüchterung.

Für ihre fast obsessive Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg gibt es aber noch eine ganz persönliche Erklärung. Als jüdisches Mädchen konnte sie selbst nur überleben, weil sie sich bei polnischen Familien versteckt hielt. Fast nie konnte sie an die frische Luft gehen – und wenn, dann nur im Dunkeln, mit Kopftuch und gesenktem Blick. Von der Angst, der Kränkung und der Demütigung hat sie sich bis heute nicht gelöst, und so fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen. Als eine junge Berlinerin in schuldbewußtem und unterwürfigem Tonfall, aber mit aufrichtigem Interesse die Frage wagte, ob die Autorin bereit sei, über die Andeutungen in ihren Texten hinaus Auskunft über die eigene Biographie zu geben, konterte Hanna Krall schnell mit einem brüsken und ablehnenden "Selbstverständlichnicht". Einige Zuhörer zuckten zusammen.

Doch was arrogant erschien, war der Versuch, sich vor Verletzung zu schützen. Hanna Krall befürchtet, daß ihr Menschen nähertreten, als sie ihnen in ihren Büchern erlaubt. Nur wenn sie selbst bestimmt, was sie von sich preisgibt und wie sie es preisgibt, riskiert sie nicht, die Fassung zu verlieren.

Ihr Vater kam mit seinen drei Schwestern im Konzentrationslager Majdanek um; vermutlich am 5. Mai 1942, wie ihr die Mutter später erzählte. Die Großmutter, zu schwach für den Abtransport, wurde schon auf dem Weg ins KZ erschlagen. Und Hannas Mutter überlebte nur, weil sie mit blonden Haaren und gefälschten Papieren als Polin durchging und in einer deutschen Fabrik Knöpfe an Wehrmachtsuniformen nähte. Warum an das rühren, was noch immer schmerzt? Als Hanna Krall Christian Graf von Krockows "Zeit der Frauen" las – es ist die Geschichte der Flucht seiner Familie aus Pommern –, bemerkte sie als erstes, wie nah ihr die Mutter des Autors sei. Diese preußische Adlige weinte nur zweimal in ihrem Leben: als der eine Sohn in Rußland fiel und als ihr im Krieg ein Enkel geboren wurde. Am schlimmsten ist es, meint Hanna, wenn man die Fassung verliert.