Unbemerkt, am 5. Januar, ist er gestorben. Ist (hoffentlich) „glücklich angekommen auf der anderen Welt“. Seine Gedichte sind bei uns vergriffen, vergessen. Der letzte Band erschien vor zwölf Jahren. Doch Vasko Popa war ein bedeutender Lyriker. In dem Lyrikband „Wolfserde“ heißt ein Gedicht „Die andere Welt“ und beginnt so: „Die Großmutter stellt auf kleine Bretter / Kuchen mit angezündeten Kerzen / Sie flüstert über ihnen Botschaften / Für tote Männer und Frauen unseres Blutes / Und läßt sie den Karasch hinuntertreiben / Die Brettlein gleiten über das schwarze Wasser / Die Kerzen dringen durch die Abenddämmerung / Und verschwinden hinter der Flußbiegung / Die Großmutter verkündet / Sie seien glücklich angekommen / Auf der anderen Welt“.

Vasko Popa wurde vor neunundsechzig Jahren in einem jugoslawischen Dorf geboren, hat später den Österreichischen Staatspreis erhalten, ist in den PEN eingetreten. Doch in seinen Gedichten ist er bei den Gegenständen seiner banatischen Vorkriegskindheit geblieben, bei der Kastanie im Hals, den roten Totenstiefeln im Sarg – bei dem normal unheimlichen Kram einer lang verlorenen Zeit, in der die alten Frauen noch mit den Wölfen verkehrten und am Abend Kuchen mit Kerzen für die Toten auf kleine Bretter stellten. Popa erzählt von den Dingen des Dorfes mit den knappen, kargen Gesten eines dünnhäutigen Großstadtmenschen, der es gewohnt ist, mit dem Nachtzug nach Paris zu fahren, um seinen surrealistischen Dichterfreunden von den Wolfsmenschen und ihrem großen Geheul zu berichten. Sein Ton ist einfach, böse und hell: Die Wölfe haben immer das letzte Wort, sie sind wild am Tage und hymnisch in der Nacht. In den Haßgedichten aus dem Zyklus „Gib mir meinen Kram zurück“ heult der Dichter als liebeskranker Steppenwolf seine „junge Wölfin“ an: „Komm du mir nur in den Sinn / Meine Gedanken zerkratzen dir das Gesicht“. In den Gedichten über das KZ, das „Todeshaus“, in dem Popa 1943 war, wird der Schmerz zum lachenden Gewinsel des kleinen Jowitza Agbaba, der eine Handvoll Kirschen ins Lager geschmuggelt hat: „Wir fragen ihn wohin er die Kerne spuckt / Er schluckt sie / Um schneller satt zu werden / Wir glotzen die roten Früchte / Auf dem Kirschbaum an / Der aus seinem Bauch gewachsen ist / Und brechen alle drei zugleich / In Gelächter aus“.

Auf die Frage, was er mit seinen Gedichten erreichen wolle, gab Popa eine bissige Dichter-Antwort: Nichts. „Sie sind hymnische Stellungnahmen gegenüber der Natur ... Wenn jemand eine Frau küßt, fragt man auch nicht, was er damit erreichen will.“

Gelächter aus dem Wolfsmaul. Vasko Popa muß wieder entdeckt werden.

Iris Radisch