Von Fritz J. Raddatz

Dieser Mann ist einer der aufregendsten Denker. Seine Thesen hat er in vielen, einander variierenden Büchern entwickelt: Das Macht- (und Verwüstungs-) Instrument der Moderne ist die Geschwindigkeit. Vom ersten Reiter, da bald das Pferd "Währungseinheit" war, eine Art bewegliches Geld wie das Salz, über jene 200 Paar Schuhe statt der benötigten 80 000, die die Intendanturen 1792 den "Nackt-Fuß-Truppen" nur liefern konnten und damit Gefechtsmärsche verhinderten, bis zu den "smart bombs" des schauerlichen Videokriegs dieser Tage – der Schnellere ist der Eroberer: "Nehmen wir das Beispiel der Maya: ... Anläßlich der Eroberung durch einen lächerlichen Haufen berittener Eindringlinge erfolgte eine beispiellose Katastrophe ... Ein Zeit- und Geschwindigkeitsvorsprung der Eroberer hat die Vernichtung einer Zivilisation durch ein paar Dutzend Berittene zur Folge. Der Einführung des Pferdes auf dem amerikanischen Kontinent ist wahrscheinlich die Auslöschung eines Volkes und einer Kultur zuzuschreiben, die sich den Eroberern zwar am selben Ort, aber mit einem anderen Zeitverständnis stellten."

Das ist Virilios Ausgangspunkt für eine Kulturmorphologie, deren verblüffend vielfache Belege zu der Konsequenz führen: "Siegen heißt Vorrücken"; ein Satz der alten chinesischen Strategen klingt alarmierend aktuell: "Eine Armee ist immer stark genug, wenn sie kommen und gehen, sich ausbreiten und zurückziehen kann, wie sie will und wann sie will." Wenn Virilio sagt: "Die Felder der Geschwindigkeitsexzesse sind von Opfern dieses Gefechts übersät", meint er damit keineswegs nur Krieg; vielmehr die Lähmung unserer Seelen, ob in der Concorde – die keine Entfernung mehr mißt, sondern die jeweils erreichte Geschwindigkeit – oder vor dem Bildschirm: Die Unsichtbarkeit von Geschwindigkeit hat uns die Fähigkeit zur Erinnerung genommen.

Die Alltagserfahrung ist obligat – jemand hat etwas im Fernsehen gesehen, weiß aber nicht mehr, was. Sehen nicht mehr als Begreifen und Wahrnehmung, sondern als Desinformation. Tempo als Ortlosigkeit. Virilio erzählt als Beispiel die Geschichte von vierzig Amerikanern, "die am 31. Dezember 1976 in Paris aus dem Flugzeug stiegen, eigens um da Silvester zu feiern, dann die Concorde zu besteigen und dort an Bord Silvester zu feiern, in Washington zu landen und in der französischen Botschaft Silvester zu feiern" – haben sie also überhaupt Silvester gefeiert? Wo? Wann? Ergreifender die Geschichte der Sarah Krasnoff (der er eines seiner Bücher gewidmet hat), "die 1971 auf der Flucht vor den Psychiatern praktisch ohne Unterbrechung fünf Monate lang in den Maschinen der KLM saß und über 160mal den Atlantik überquerte, bevor sie ruiniert und am Ende ihrer Kräfte im Zimmer 103 des Hotel Frommer in Amsterdam starb". Das ist die grausige Variante der Witzfrage, was wohl geschähe, wenn jemand ständig seinen Geburtstag per Zeitverschiebung im Überseeflugzeug verbrächte, damit "überspränge" – wird er nie älter?

Die Realität verschwindet durch Geschwindigkeit, die Landschaft im Rückspiegel des rasenden "Ferien"autos; die Rocky Mountains unter Fensterplatz 7 A der Boeing. Das Verschwinden, die Unkenntlichkeit wird schließlich Ziel der Geschwindigkeit: der Stealth-Bomber gilt als Gipfel der Militärtechnologie, weil er unsichtbar ist.

Faszinierend die Dialektik, mit der Virilio dieser Ästhetik des Verschwindens ihre politische Dimension einräumt ("Wo sind die Verschwundenen?" riefen die Frauen auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires), indem er ihr als notwendige Ergänzung die Technik der Täuschung anfügt. Der wichtige Satz von Merleau-Ponty: "Alles, was ich sehe, ist prinzipiell in meiner Reichweite ..., ist vermerkt auf der Karte des ‚Ich kann‘" ist Ausgang der Erkenntnistheorie; er erfährt seine militärische Perversion in dem Satz eines amerikanischen Militärs, grundsätzlich könne man alles, was man gesehen hat, auch zerstören. Also entsteht ein Wettlauf zwischen Geschwindigkeit und Verschwinden der Realität. Je beschleunigter die Bewegung, desto schneller vergeht die Zeit und um so bedeutungsloser wird die Umwelt. Sie wird abgelöst durch Simulation – kann demgemäß weder bedrohlich noch mitleidheischend mehr sein Sie ist verschwunden; nicht mehr Bomberpiloten sehen, was sie tun, sondern die in der Bombe installierte Fernsehkamera.

Das Erreichen des Ziels ist das Ende der Sendung: "Wie bei den neuen undurchsichtigen Cockpits, die die Kampfpiloten daran hindern, ihre Umgebung zu sehen, denn ‚sehen ist gefährlich‘, haben der Krieg und seine Technologien allmählich alle theatermäßigen und piktoralen Effekte in der Behandlung des Bildes der Schlacht abgeschafft; der totale Krieg und danach die Abschreckung tendieren dahin, den Szenarioeffekt in einem umhüllenden, permanenten, immateriellen technischen Effekt aufgehen zu lassen. Mit den neuen Mischsystemen verschwindet die Welt im Krieg, und der Krieg als Erscheinung entschwindet den Augen der Welt. Die Besatzungsmitglieder des Atomflugzeugträgers Nimitz erklärten kürzlich einem Journalisten: ‚Unsere Arbeit ist völlig unwirklich; es wäre gut, wenn von Zeit zu Zeit Fiktion und Realität mal wieder zusammenkämen, um uns unsere Anwesenheit hier schlagend und unwiderlegbar zu beweisen ...‘" Der moderne Soldat ist nicht nur in der Lage des Gefängnisinsassen, der nach Einfuhren von Fernsehgeräten in den Zellen resümierte, nun sei das Gefängnis noch härter, man sähe alles, was man verpaßt, worauf man kein Recht hat; der moderne Soldat ist auch in einer Kino-Doppelsituation: Er hat eine Rolle zu spielen, und er ist Zuschauer.

Eine von Virilios brillantesten Analysen gilt dem "filmisch-militärischen Komplex", der Verbindung – schon aus der Frühgeschichte der Photographie, etwa Nadar – von Kino-Illusion und Kriegs-Tarnung. Die Details sind verblüffend: 1832 läßt Samuel Colt seinen Trommelrevolver patentieren – er dient 1874 Janssen als Modell für seinen "Photorevolver" und wenig später Marey für seine "chronophotographische Flinte", Vorstufe der Kamera der Brüder Lumière; schon im Ersten Weltkrieg wurden Kameras über den Lauf der Maschinengewehre von Luftjägern montiert; Abel Gance drehte 1917 sein "J’accuse" mit verwundeten oder frontuntauglichen Soldaten als Komparserie (unter ihnen Blaise Cendrars), wie Huston und Litvak, auch Buñuel, ab 1942 Dokumentarfilme für die US-Army drehten.

Virilio gibt ein besonders informatives Beispiel: "Die Amerikaner bereiteten ihre künftigen Operationen im Pazifik vor, indem sie unter dem Vorwand von vorbereitenden Ortserkundungen und Aufnahmen für spätere Dreharbeiten Regisseure wie John Ford entsandten, der von einem Frachtschiff aus peinlich genau die Zugänge und die Verteidigungsanlagen der großen asiatischen Häfen filmte ..., und es war natürlich derselbe Ford, der einige Jahre später zum Leiter des OSS (Office of Strategie Service) ernannt werden sollte und praktisch die gleichen Gefahren wie die Kämpfenden auf sich nahm, um den Pazifikkrieg zu filmen (in der Schlacht bei den Midway-Inseln im Jahre 1942 verlor er ein Auge). Aus dieser militärischen Karriere bewahrte er sich unter anderem jene nahezu anthropomorphe Kameraführung, die bereits die optische Abtastung bei der Video-Überwachung vorwegnahm."

Den Plan für die Schlacht bei El Alamein, in der Montgomery über Rommel siegte, entwarfen ein Filmarchitekt und ein Zauberkünstler, die wörtlich Lehren aus "Macbeth" weitergaben: "... daß man die Armee nur auf die Art verstecken könne, wie es Malcolm in Birnam Wood getan hatte. Man mußte sich getarnt so langsam nach vorne schieben, daß der Gegner auch mit dem schärfsten Auge und dem besten Feldstecher keinerlei Bewegung wahrnehmen konnte." Zeitlupe als militärische Taktik.

In England war das Kino in den zwanziger Jahren die Unterabteilung der Behörde für "Öffentlichkeit und Erziehung", einer kolonialen Werbeabteilung unter dem hohen Beamten Stephen Tallents: Kolonialisierung, Erziehung, Propaganda und Werbung waren für die Herren des "Dominions’ Office", das bestimmte Filme finanzierte, dasselbe. Wenig später verloren republikanische Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg Schlachten, weil sie buchstäblich russische Revolutionsfilme nachstellten. Und die Shakespeare-Lektion für Montgomery heißt 1943 "Architektur der Tarnung" in der deutschen Zeitschrift Signal: "Heute macht der Krieg die Mimikry erforderlich; es handelt sich nicht nur darum, sich selbst einen Augenblick lang unsichtbar zu machen wie bei einem Spiel, sondern darüber hinaus, auf lange Dauer riesige Gegenstände, weite Bereiche zu verstecken."

Die Alliierten taten das (filmisch) Raffiniertere: Sie versteckten vor Hitlers Luftaufklärung weniger ihre Kriegsmaschinerie, als daß sie alle erdenklichen Vorspiegelungen und Fälschungen anboten: "In der entscheidenden Phase der alliierten Invasionsvorbereitungen ‚glich Ostengland einer gewaltigen Filmkulisse‘, schreibt Anthony Cave Brown. Die Landschaft war übersät mit fiktivem Gerät aus Pappmaché, Gummi und Kabeln, wie ein Hollywooddekor. Einfallsreiche Männer wie der Architekturprofessor Basil Spence planten unter Mitwirkung zahlreicher Künstler, Dichter, Bühnen- und Filmtechniker diese Produktion visueller Fehlinformation. Die Filmstudios von Shepperton bei London stellten Attrappen von Panzern und Landungsbooten her; ‚aus den Schornsteinen kringelte Rauch,. auf dem Wasser schwammen Ölflecke, Wäsche trocknete an der Takelung, auch die Mannschaften konnte die Aufklärung ausmachen: alte und kriegsuntaugliche Soldaten.‘" Dieser Essay ist acht Jahre alt – und aktueller als die Tagesschau; genau auf derlei Überexponierung sind die F-16 der US Air Force hereingefallen. Sie haben aufgeblasene Gummipanzer und in die Wüste gemalte Landebahnen "zerstört".

Es scheint, als sei Krieg auch magisches Schauspiel, das weniger die Körper als die Sinne des Gegners niederschlagen, ihn vor dem Tod in Todesschrecken versetzen soll: "Die Waffen sind Werkzeuge nicht nur der Zerstörung, sondern auch der Wahrnehmung. Sie sind Stimulatoren der Sinnesorgane und des zentralen Nervensystems." Anders ließen sich die atavistischen "Grüße", mit denen GIs ihre Bomben bepinseln, sowenig erklären wie die Blutbadprophetien Saddam Husseins – makabre Parallele zum Psychoterror von Schachgegnern oder Tennisspielern.

Virilio zitiert für den neu perfektionierten Zwang zur Täuschung einen anderen Militär mit dem Satz: "Alles, was man wahrgenommen hat, ist auch schon verloren", um seine These zu erhärten: Die Geschwindigkeit der Waffen wird gegebenenfalls unterlaufen durch die Geschwindigkeit ihrer Bildschirmrepräsentation. Darin besteht ihr Effekt. Tatsächlich sehen wir ja – Tausende von Kilometern entfernt – die Scud-Raketen über Tel Aviv, bevor sie einschlagen.

Auch hier die kinohafte Identifikation im Sinne des Scheinbaren: Von Clark Gable bis James Dean, von Jean Marlow bis zur Monroe sollte sich ja der Kinobesucher identifizieren mit dem ganz anderen und zugleich das ganz andere bleiben; eben Voyeur. Das ist der heutige Kriegsschauplatz-Betrachter am Fernsehschirm sowieso. Auf logisch verquere Weise, als Beobachter eigenen Tuns, ist es der moderne Krieger auch; verquer, aber deshalb, weil er sein eigenes Ziel ist, weil sein Verschwinden zu seiner Funktion gehört – wie metaphorisch verklärt oder blutig real immer: "Für den italienischen Faschisten, der direkt vom Sportrekord in den totalen Krieg überging, war der Rausch des Geschwindigkeitskörpers total, eben darin bestand die ‚Bomberpoesie‘ von Mussolini; für Marinetti ist nach d’Annunzio der ‚Dandy-Krieger‘ das ‚einzige Subjekt, das fähig ist, zu überleben und im Kampf die Macht vom metallischen Traum des menschlichen Körpers auszukosten’; die Vereinigung mit einem technischen Material ist kaum schwieriger als mit dem Pferd, dem alten metabolischen Vehikel der kriegerischen Eliten: Schnellboote oder ‚Torpedo‘-Boote, die von aristokratischen Froschmännern auf der Suche nach der englischen Flotte durchs Meer geritten werden. Die japanischen Kamikazes vollenden diesen synergetischen Traum der Militärelite im Raum, indem sie sich mitsamt ihrer Vehikel-Waffe freiwillig in einer pyrotechnischen Apotheose auflösen, denn die letzte Metapher des Gechwindigkeits-Körpers ist sein schließliches Aufgehen in den Flammen der Explosion."

Die Rapidität moderner Technologien hintertrifft die Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung; der Hochgeschwindigkeitszug verläßt die Realität – nicht nur, weil er fast nur noch durch Tunnels rast, sondern auch, weil er aus den winzigen sichtbaren Teilchen Wirklichkeit – ein paar Sekunden Werra-Tal! – eine Art Landschaft im Rhythmus der Fernbedienung macht. Der Betrachter ist der Getäuschte. Die Bilder der modernen Kriegspropaganda sind eine Art Studio-Bilder, sie verweigern jede echte Aussage – oder täuschen bewußt (wie die gesprochenen Nachrichten bar jeden Informationswertes sind). Verglichen mit der Nachrichtenpolitik im Golfkrieg war die Nazi-Wochenschau ein Dokumentarfilm.

Vor das auch nur mögliche Dokumentarische haben die Militärs eine rigorose Zensur geschaltet: "Als die Militärs begriffen, daß die Photographen, die aus der Tradition des Dokumentarismus kamen, nun Schlachten verloren, wurden die Bilderjäger erneut von den Kampfhandlungen ausgeschlossen. So zum Beispiel beim Falkland-Krieg – einem Krieg ohne Bilder – in Lateinamerika, in Pakistan, im Libanon etc.; die Vertreter von Presse und Fernsehen, nunmehr störende Zeugen, werden verhaftet oder vorsätzlich ermordet. Nach Robert Menard, dem Gründer von ‚Reporters sans frontieres‘, wurden 1987 auf der ganzen Welt 188 Journalisten verhaftet, 51 ausgewiesen, 34 ermordet und 10 entführt."

Den Nexus von "Geschwindigkeit und Politik" (wie eines seiner Bücher heißt) untersucht Virilio an mannigfachen Beispielen, die stets systemübergreifend sind: Den östlichen Diktaturen der Beweglichkeit, die ihre riesigen kinetischen Massen zu gymnastischen Ehrenfeldern gruppierten und die Dynamik der Menge zu kaleidoskopischen Dekorationen formten, entspricht spiegelverkehrt die Schnelligkeit, mit der die USA nach den Flächenbombardements über Nord-Vietnam aus ihrem Gegner ihren besten Kunden machten. Im 22. Stock des Hotels "Oberoi" im saudi-arabischen Damman – mitten im Bombenkrieg eine der begehrtesten Geschäftsadressen der Welt – verhandelten die Vertreter von Bechtel aus Kalifornien oder von Aramco schon über Riesenaufträge für den Wiederaufbau Kuwaits, als das noch exakt zur selben Zeit in Feuer und Asche versank.

Dabei löst sich der althergebrachte Begriff von Politik auf. Wie Kriege ja nicht mehr um eine "Beute" geführt werden, sondern um ein Maximieren von Zerstörung – so sind Regierungen auch nicht mehr Richtlinienweiser: "Bekanntlich war die Armee zu allen Zeiten der Ort, wo die reine Geschwindigkeit zur Anwendung kam, so in der Kavallerie – die besten Pferde gehörten selbstverständlich der Armee –, so in der Artillerie etc. Die Armee verwendet auch heute noch die höchsten Geschwindigkeiten, bei Raketen wie Flugzeugen. Ein Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung, die um das amerikanische Überschallflugzeug entstanden ist. Es ist nicht gebaut worden, denn für die Amerikaner war es ein heißes Eisen. Damit hätte man den Bau eines zivilen Überschallflugzeugs anlaufen lassen, das schneller gewesen wäre als die Militärflugzeuge ... Dabei entspricht die Militärklasse in gewissem Sinne der Feudalklasse in der früheren Gesellschaft. Es gibt keine politische Macht mehr, um die multinationalen Konzerne zu kontrollieren oder die Streitkräfte, deren Autonomie stetig wächst. Es gibt keine Macht, die ihnen übergeordnet wäre ... Nicht mehr eine politische Macht hat das Zentrum inne, sondern die Kapazität absoluter Vernichtung."

Aufgrund dieser Analysen, die zum Teil schon Jahre zurückliegen und frappanterweise da schon die Wüste als nächsten – weil für Hochgeschwindigkeitstechnologie am besten geeigneten – Kriegsschauplatz prognostizierten beziehungsweise die Idee eines "heiligen" oder "gerechten" Krieges als "Greuel und Verwüstung" denunzierten, konnte Paul Virilio auch derjenige sein, der Hintergründe wie Ereignisse des Golfkrieges am präzisesten kommentierte.

So hat er schon 1983 im Dialog-Buch "Der reine Krieg" die Apokalypse der totalen Vernichtung zurückgewiesen, die sich aus islamischen und israelischen Positionen als Konsequenz eines heiligen Krieges ergibt; es ist auch eine religiöse Konsequenz aus dem Konzept, nicht an den Tod zu glauben – letztlich eine Auflösung politischen Denkens. Dem setzt Virilio ein fast schlichtes Bekenntnis entgegen: "Ich als Christ tue das Gegenteil. Ich sage nein, denn es bedeutet Greuel und Verwüstung ...: Im Namen des Glaubens an ein Jenseits sollte nicht nur der heilige Krieg verboten werden – der zum Äußersten gesteigerte Krieg –, sondern sogar die Berechtigung, die Gerechtigkeit des Krieges zurückgewiesen werden. In dem Moment, wo im Libanon wieder der heilige Krieg einsetzt, wo er sich auf den Iran und den Irak ausdehnt, muß die Theologie eines gerechten Kriegs vom Papst aufgegeben werden. Denn durch die Technologie steigert sich der heilige Krieg heute zum Äußersten."

Das Erscheinungbild dieses Krieges – der "Fernsehserie", deren Geisel wir alle seit dem 2. August sind – hat niemand so treffend analysiert wie Paul Virilio. Schon in anderem Zusammenhang hat er einmal darauf hingewiesen, daß – etwa bei den Olympischen Spielen – nicht mehr die Akteure die Akteure sind, sondern die Milliarde Fernsehzuschauer, mit deren Hilfe (und Geld) das Fernsehen die Spiele kauft, inszeniert und realisiert; mit den paar Anwesenden ist das Stadion nur ausstaffiert, damit es nicht zu leer aussieht, und die Sportler haben sich bis ins Detail von Ortszeit, Unterbrechung, Wiederaufnahme des Spiels der Regie und der Macht der Abwesenden zu beugen: "Die im Stadion abwesend sind, haben immer recht, ökonomisch und als Masse."

Diese Verdrängung des öffentlichen Raums durch das veröffentlichte Bild findet im Augenblick statt; es ist eine Abstimmung durch Fernsehen. Wir alle leben im Golfkrieg in einer Art Informations-Schwerelosigkeit, hinter deren Einstellungen die möglichst hohe Auflösung der gesellschaftlichen Wirklichkeit vonstatten geht. Das System von CNN, die Echtzeit (live coverage) zur vorherrschenden Zeit zu machen, erlaubt keine kritische Distanz, keine Zeit, in der "vorher" und "nachher" unterschieden werden können: "Das Bild der Direktübertragung ist ein ‚Filter‘, nicht im räumlichen Sinne, durch die Bildeinstellung, sondern vor allem im zeitlichen Sinne: Es ist ein mono-chronischer Filter, der nur die Gegenwart passieren läßt ... Wir sind mit einer videoskopischen Technik konfrontiert, mit einer Logistik der Wahrnehmung, die uns alle aufs Korn nimmt und nach und nach vereinnahmt."

Nicht zufällig zitiert Virilio gerne Rudyard Kiplings Satz: "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit"; er verordnet auch selber: "Man darf seinen Augen nicht mehr trauen"; für ihn ist alles, wenn nicht getürkt, so doch von Regisseuren arrangiert – der gerissenste von ihnen CNN-Chef Ted Turner, der seit zehn Jahren das Theater der "Realzeit", des "Live" errichtet hat, das uns dazu bringt, für wahr zu halten, was man live sieht; in der Tat haben die "kleineren Regisseure", Präsident Bush wie Präsident Saddam Hussein, zuzugeben, daß sie ihre nächsten Züge in diesem Mörder-Schach erst nach CNN-Übertragungen machten. "Die Bedrohung ist die Fusion und die Konfusion. Eine Politik in Lichtgeschwindigkeit ist nicht möglich. Politik, das ist Zeit und Reflexion. Heute hat man keine Zeit mehr zum Nachdenken. Die Dinge, die man sieht, haben schon stattgefunden. Und es muß unmittelbar reagiert werden. Ist eine Politik in Realzeit möglich? Eine autoritäre ja. Aber wahre Demokratie ist Gewaltenteilung. Wenn keine Zeit mehr zum Teilen bleibt, was teilt man? Die Gefühle."