Die Geschichte der Ida Löw, die oft selbst nicht wußte, wer sie war

Von Miriam Gebhardt

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar starben in Tel Aviv vier Frauen und ein kleines Mädchen. Sie kamen, so meldeten es tags darauf die Nachrichtenagenturen, "vermutlich beim Anlegen der Gasmasken ums Leben". In dieser Nacht hatte Saddam Husseins Armee zum zweiten Mal Scud-Raketen auf Israel abgefeuert. Eine der Frauen hat eine besondere Geschichte. Ihr Name war Ida Löw. Wenigstens hieß sie die letzten 45 Jahre so. Es gab Zeiten, da wußte die in Polen geborene Jüdin selbst nicht mehr, wie sie hieß, noch wer sie war.

Ihre Eltern hatten im Herbst 1941 beschlossen, Ida müsse sich als ukrainisches Bauernmädchen verkleiden und nach Deutschland durchschlagen, irgendwohin, wo sie keiner kannte und wo der Krieg noch weit entfernt schien. Wenigstens ein Mitglied der Familie Blutreich sollte überleben. Tauba, die älteste Tochter, hatte die SS schon erwischt und ins Lager Belzec gesteckt. Jeden Moment konnten in dem Städtchen Hrebenko wieder die SS-Männer mit ihren Lastwagen auftauchen.

Ida war damals achtzehn Jahre alt. "Sehr jüdisch sah ich nie aus. Ich hatte rote Wangen, war sehr gesund und konnte leicht als Ukrainerin durchgehen." Sie flocht die Zöpfe zu einem Kranz um den Kopf, legte ein Kruzifix um. Die gefälschten Papiere, die sie als Katarina Leszczyszyn aus dem Dorf Werchrata auswiesen, vervollkommneten ihre Verwandlung. Von nun an war sie das schlichte, katholische Bauernmädchen Katja. Zum Abschied rief ihr die Mutter noch nach: "Lebe, Ida, lebe!"

Ein Berechtigungsschein für den Arbeitseinsatz außerhalb Polens wurde ihr Freibrief fürs Leben. Über Przemysl und Krakau kam sie nach Linz. Immer wieder wurde ihr Körper auf seine Einsatzfähigkeit fürs Deutsche Reich hin untersucht, bis Ida schließlich der wohlgestellten Linzer Familie Eberhardt als Hausmädchen zugeteilt wurde. Der Mann war Major bei der SS-Reserve.

Die Eberhardts hatten ihre Freude an dieser "Perle" von Dienstbotin. Das anfangs ungeschickte ukrainische Bauernmädchen entpuppte sich bald als echte Trouvaille. Wer hatte schon ein Dienstmädchen, das mehrere Sprachen beherrscht und in der Freizeit sogar Bücher liest?