Von Ilma Rakusa

Zu den großen Meriten der sowjetischen Kultur-Perestrojka gehört es unter anderem, daß sie Hunderte von Büchern aus dem Vergessen geholt oder erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Das Spektrum reicht von Nabokov bis Solschenizyn („Archipel Gulag“), von Samjatin bis Orwell („1984“), von Rosanow bis Wassilij Grossman („Leben und Schicksal“), unter Einschluß zahlreicher Lagerromane und Memoiren. Vergangenheitsbewältigung ist jetzt erst möglich geworden, desgleichen die Erkundung lange verpönter „dekadenter“, lies modernistisch-experimenteller Schreibweisen.

Jurij Dombrowskijs Roman „Die Fakultät unnützer Dinge“ fügt sich in die mittlerweile beachtliche Reihe von Büchern ein, die mit der Stalinzeit abrechnen. 1964 bis 1975 entstanden, erschien er 1978 in Paris, schließlich 1988 in Moskau. In ihm spiegelt sich zu einem Teil die Biographie des Autors: 1909 als Sohn eines Anwalts in Moskau geboren, widmete sich Dombrowskij zunächst Literaturstudien, wurde jedoch 1933 nach Alma-Ata verbannt, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Museum tätig war. Ab 1936 litt er unter Repressionen und wurde mehrmals wegen sogenannter antisowjetischer Agitation verurteilt. Teils im Gefängnis entstanden die Romane „Derschawin“ und „Der Affe kommt, seinen Schädel zu holen“. Ende der fünfziger Jahre konnte Dombrowskij nach Moskau zurückkehren. Hier schrieb er seine bedeutendsten Werke – „Der Altertumshüter“ und „Die Fakultät unnützer Dinge“. Er starb 1978.

„Die Fakultät unnützer Dinge“ spielt im stalinistischen Terrorjahr 1937, in Alma-Ata. Georgij Nikolajewitsch Sybin, Alter ego des Autors, leitet archäologische Ausgrabungen im Zentralmuseum Kasachstans. Daß weder er (als Historiker) noch sein Team archäologisch geschult sind und der Direktor ein reiner Apparatschik ist, zeigt die Bedenklichkeit des Wissenschaftsbetriebs unter Stalin. Eines Tages erhält Sybin aus heiterem Himmel eine Vorladung des NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, alias Staatssicherheitsdienst). Man beschuldigt ihn, ausgegrabenes Gold entwendet zu haben, wirft ihm eine leichtsinnige Lebensführung und antisowjetische Äußerungen vor. Die gigantische Lügenmaschine setzt sich in Gang. Sybin, der entlassen und erneut vorgeladen wird, lebt plötzlich wie auf Abruf, unter der Glasglocke der Angst. Ausgerechnet während eines Ausflugs in die Steppe wird er festgenommen und diesmal definitiv zur Untersuchungshaft ins „Graue Haus“ gebracht.

Dombrowskij beschreibt die Perversion der manipulierten Verhöre, das abgekartete Spiel unter den Untersuchungsrichtern, den psychischen Terror der Fangfragen und zur Unterschrift vorbereiteten (fingierten) Schuldbekenntnisse, die Einschüchterungsversuche der NKWD-Funktionäre, Sybins Appell an Recht und Gerechtigkeit und die allmähliche Auflösung dieser Kategorien in seinem Bewußtsein, während Hungerstreik und Karzer. Das Schicksal Sybins bildet gewissermaßen den Kristallisationspunkt des Romangeschehens. Um dieses Schicksal gruppieren sich andere Schicksale, etwa das des Archäologen Kornilow, der ebenfalls in die Fänge des NKWD gerät. Kornilow wird nicht nur in der Affäre Sybin, sondern auch in der eines ehemaligen Popen vorgeladen, mit dem er nächtelang diskutiert und getrunken hat.

Ausführlich schildert Dombrowskij diese Gespräche, wobei er dem häretischen Expriester eine höchst originelle, auf biblischen Apokryphen beruhende Deutung von Jesu Ende – namentlich dem Verrat durch Judas und einen zweiten, stummen Zeugen sowie der Auslieferung durch Pilatus – in den Mund legt, mithin die von Dostojewskij („Legende vom Großinquisitor“) und Bulgakow („Der Meister und Margarita“) geführte Auseinandersetzung um den Antagonismus zwischen Staat und Christentum, zwischen weltlicher und geistlicher Macht, unter einem neuen Gesichtspunkt fortsetzt: dem der gegenseitigen Abhängigkeit der beiden Mächte. Das Paradox illustriert sich selbst, wird doch der nämliche Pope zum Verräter seines Entlastungszeugen Kornilow, der sich seinerseits vom NKWD anheuern läßt. Zwei Verräter – und jeder tappt in die Falle.

Nicht zufällig stellt das Judaskapitel die kompositorische Mitte des fünfteiligen Romans dar. Hier kulminiert die Diskussion über die Dialektik von Opfer und Täter, die das Buch bis in die feinsten Verästelungen hinein durchzieht. Was Wunder, daß Sybin, der als Hauptfigur für einen groß inszenierten Alma-Ataer Schauprozeß vorgesehen war, am Schluß freikommt, während der Volkskommissar und mehrere Untersuchungsrichter von oben gefeuert, das heißt „weggesäubert“ werden. Unter ihnen der Jude Nejman, dessen junger Nichte der Fall Sybin aus psychologisch-taktischen Gründen übergeben worden war und die – o Zartheit der Henkerseelen – der emotionalen Belastung nicht standhielt.