Die deutsche Papierproduktion gilt als vorbildlich – weltweit verursacht die Branche große Öko-Schäden

Von Fritz Vorholz

In deutschen Landen begann die Zivilisation mit achtzehn Stampfhämmern, zwei Wasserrädern und zwölf Arbeitern. Man schrieb den 24. Juni 1390. An diesem Tag notierte der Nürnberger Ratsherr, Freihändler und Patrizier Ulmann Stromer in sein Tagebuch, daß er als erster anfing, „Papier zu machen“. Der Stoff, verkünden die im Verband Deutscher Papierfabriken (VDP) zusammengeschlossenen Nachfahren Stromers heute, „wurde von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der menschlichen Kultur“.

Zwölf Millionen Tonnen dieser Errungenschaft der Zivilisation stoßen die knapp 400 in Deutschland installierten Papiermaschinen heute jährlich aus. Es sind technische Monster, jedes mehrere hundert Millionen Mark teuer und so groß wie eine Turnhalle. Mit Geschwindigkeiten von fast hundert Stundenkilometern jagen sie eine wässerige Lösung über Siebe, Pressen und Zylinder und lassen jenes Material entstehen, das so profan wie unentbehrlich ist: Ohne Papier würde keine Industrie funktionieren, keine Regierung regieren, keine Ausbildung stattfinden können. Mit über 3000 verschiedenen Sorten umgibt sich der moderne Mensch – von der Zeitung bis zum Teebeutel, vom Kassenbon bis zum Geldschein. Selbst der Einzug der Computer in die Büros hat den Papierhunger nicht bremsen können. 1960 kam jeder Westdeutsche noch mit 80 Kilogramm aus, 1970 – die Wiederaufbauphase war längst beendet – brachte er es auf 125 Kilogramm, und heute gibt er sich erst mit weit über 200 Kilogramm pro Jahr zufrieden – zur Freude der Fabrikanten, die an immerwährendes Wachstum glauben. Papier, frohlocken sie, bleibe „das grundlegende Instrument in der Wirtschaft“.

Doch zunehmend haftet dem Kulturgut, dem der Volksmund gerne Geduld und Unschuld attestiert, ein böser Makel an: Raubbau, Wasservergiftung, Müllerzeugung – Umweltfrevel! Endet der Papierhunger im Naturkollaps – so wie die Motorisierung im Verkehrsinfarkt und der unbändige Energieverbrauch in der Klimakatastrophe?

Die Papierhersteller haben die Gefährlichkeit des Themas erkannt und auf ihre Weise reagiert: Ihr Verband veranstaltet seit kurzem Umweltseminare für Papierverkäufer. Doch längst ist die Branche auch intern beim Öko-Thema zerstritten. Die Augsburger Haindl Papier GmbH – sie stellt Zeitungspapier mit hohem Altpapieranteil her – wirbt für den Recycling-Kreislauf mit diesem Argument: „Nur so kann der Wettlauf gegen das steigende Müllvolumen gewonnen und die Umwelt entlastet werden.“ Der Hamburger Gustav Schürfeld Presse-Papier KG dagegen, die Papier mit hohem Frischfaseranteil vertreibt, gefällt das ganz und gar nicht: „Zeitungspapierhersteller schießen doch ein Eigentor, wenn sie alte Zeitungen als umweltbelastend darstellen.“

Längst hat sich die Verunsicherung auch bei Verbrauchern breitgemacht. Die hiesige Niederlassung des japanischen Autokonzerns Toyota kündigte kürzlich ein Programm zum betriebsinternen Papierrecycling an: „Auf diese Weise“, haben die Manager ausrechnen lassen, „werden jährlich rund 44 000 Bäume vor dem Abholzen bewahrt.“ Neun namhafte Hersteller von Schulheften, Zeichen- und Collegeblöcken schlossen sich zur Vereinigung deutscher Hersteller für umweltschonende Lernmittel zusammen und versuchen, ihre meist junge Kundschaft mit dem Argument zu überzeugen, der Kauf ihrer Papierprodukte zerstöre nicht die tropischen Regenwälder. Horst Schubert, der Sprecher der Vereinigung: „Es ist besser, zu agieren als zu reagieren.“ Und die Dresdner Bank verbreitete in ihrer Hauspostille die Botschaft: „Um Papier herzustellen, müssen Bäume sterben. Und Bäume sind für uns lebensnotwendig.“ Ein Allerweltsprodukt gerät in Verruf.