In der Schweiz ist der Abbruch der Schwangerschaft untersagt, Ausnahme ist nur die medizinische Indikation. Als Sonderregelung gibt es den Fall der "anderen schweren Notlage der Schwangeren". Unter dieser Marge kann aber der Richter nur die Strafe mildern und andere Indikationen berücksichtigen, sofern "achtungswerte Beweggründe" vorliegen.

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In Europas Frühzeit beschäftigten sich die griechischen Philosophen wohl als erste ausführlicher mit der Abtreibung. Der Rechtshistoriker Günter Jerouschek eröffnet seine geschichtliche Betrachtung deshalb mit dem griechischen Philosophen Platon: "Für Platon (waren) Abtreibung und Kindsaussetzung nicht nur selbstverständliche Irstrumente der Geburtenkontrolle – das fünfte Buch der ‚Politeia‘ liest sich geradezu wie ein Plädoyer für Abtreibung und Kindsaussetzung im Dienste der Aufzucht gesunden Nachwuchses ... (Auch) für Aristoteles war die möglichst früh vorzunehmende Abtreibung das Instrument, seine Idealvorstellung einer möglichst gleichbleibenden Bevölkerungszahl durchzusetzen, während für Platon die Kindsaussetzung im Vordergrund stand. Für die bedeutendsten Vertreter der griechischen Philosophie war die Abtreibung ein an sich ethisch neutrales Instrument der Bevölkerungspolitik."

Platons Schüler Aristoteles spielt in der Abtreibungsdiskussion eine wichtige Rolle bis in unser: Zeit hinein. Hat er doch als erster über die Stadien der Beseelung und Menschwerdung im Mutterleib nachgedacht. Aristoteles wollte die Abtreibung einschränken. Er setzte voraus, daß der zu beseitigende Fötus noch keine Empfindung und kein Leben besitzen dürfe. Wurde der Termin versäumt, zu dem diese Menschenqualität im Mutterleib einzog, fiel die Abtreibung als Bevölkerungsregulativ aus: "Denn nach dem Vorhandensein von Empfindung und Leben muß sich hier richten, was erlaubt und was nicht erlaubt ist."

Nach Aristoteles mischte sich bei der Zeugung der männliche Samen mit dem Menstruationsblut der Frau. Die Samenmixtur buk dann im Uterus der Frau so zusammen, daß zuerst eine Art pflanzliches Leben entstand. Daraus wurde dann tierisch-sensitives Leben. Das dritte Stadium war das Eintreten der menschlichen Vernunftseele in den Mutterleib. Von diesem Zeitpunkt an war die Abtreibung verboten. Nur, wann war der Zeitpunkt?

Die Sache wird noch komplizierter, weil der Philosoph glaubte, die weibliche Menschwerdung sei von der männlichen verschieden. Er, ein Kind seiner Zeit, konnte sich nicht vorstellen, daß Mann und Frau in gleicher Weise entstehen. Aristoteles sah die Frau als zufälliges, etwas verunglücktes Wesen, während der Mann das gelungene, notwendige, vollkommene Prinzip verkörpere: "So kam dieser Unterschied in der Embryonalentwicklung darin zum Ausdruck, daß der Reifungsvorgang beim weiblichen Fötus langsamer verlief als beim männlichen... Die (weibliche) Schwelle fötalen Empfindungsvermögens (wurde) erheblich später erreicht (als die des männlichen Fötus). Ein weiblicher Fötus mußte dementsprechend noch abgetrieben werden, wo ein männlicher längst davor gefeit war."

Das war immer noch ungenau, ohne konkrete Termine. Sie wurden in einer Aristoteles nur zugeschriebenen Schrift, "Geschichte der Lebewesen", nachgeliefert. Daß eine Empfängnis überhaupt stattgefunden hatte, glaubte man damals bereits nach sieben Tagen zu wissen. Nach der Empfängnis sei der Mensch eher eine ungeformte fleischartige Masse. Die Gliederung der männlichen Frucht beginne mit dem 40. Tag, die weibliche sei annähernd drei Monate ungegliedert. Erst im vierten Monat erschienen beide Arten von Föten als werdende Menschen gegliedert.