Furore gemacht hat der englische, seit 1979 in den USA lehrende Historiker Geoff Eley zu Beginn der achtziger Jahre, als er, zusammen mit seinem Kollegen David Blackbourn, ein Taschenbuch unter dem Titel "Mythen deutscher Geschichtsschreibung" auf den Markt brachte. Die beiden jungen Wissenschaftler zogen in dieser Schrift gegen die These vom illiberalen "deutschen Sonderweg" zu Felde, bestritten die Vorherrschaft vorindustrieller Eliten im deutschen Kaiserreich und bescheinigten diesem einen bürgerlichen, ja ausgeprägt modernen Charakter. Obwohl Eley und Blackbourn sich als engagierte Linke fühlen, erhielten sie in Deutschland vor allem Beifall von "rechts". Der Applaus von der "falschen" Seite kam nicht von ungefähr. Denn zum einen entsprach das, was die beiden Autoren schrieben, weithin dem, was deutsche Konservative seit langem gefühlt und gedacht hatten, und zum anderen gehörten die von Eley und Blackbourn angegriffenen deutschen "Sonderwegshistoriker" durchweg dem sozialliberalen Lager an.

Ein gutes Jahrzehnt nach Beginn der neuen "Sonderwegsdebatte" legt Eley nun eine Sammlung von Aufsätzen vor, die sich fast alle auf das Thema dieser Auseinandersetzung beziehen. In den Vorbemerkungen zu den zwischen 1973 und 1988 entstandenen Arbeiten schwächt Eley hie und da zwar die Kritik an seinen deutschen Kollegen etwas ab. So attestiert er beispielsweise seiner Polemik gegen Hans Ulrich Wehlers Buch über das Deutsche Kaiserreich rückblickend "ein gewisses Maß an jugendlicher Übertreibung". Aber in allen wesentlichen Punkten beharrt er auf den früher bezogenen Positionen. Nur zwei der insgesamt neun Aufsätze wenden sich "neuen" Themen zu: Eine Abhandlung ist ein Forschungsbericht zu den Bereichen Geschichte der Arbeiterbewegung, Sozialgeschichte und Alltagsgeschichte; ein Beitrag versucht, den deutschen "Historikerstreit" von 198687 einem angelsächsischen Publikum verständlich zu machen.

Den größten Gewinn werden deutsche Leser aus jenen Aufsätzen ziehen, in denen Eley voll aus den Quellen schöpft. Die einschlägigen Arbeiten entstammen dem engeren oder weiteren Umkreis seines nur auf englisch vorliegenden Buches von 1980 über den Deutschen Flottenverein und seine Bedeutung für den radikalen Nationalismus der Wilhelminischen Zeit. Schärfer als die meisten Autoren vor ihm arbeitet Eley die Gegensätze zwischen der agrarisch bürgerlichen "Sammlungspolitik" des nationalliberalen preußischen Finanzministers Johannes von Miquel und der Flottenagitation des Staatssekretärs im Reichsmarineamt, Alfred von Tirpitz, heraus, die eine rein bürgerliche Variante von "Sammlungspolitik" darstellte. Die Flottenbewegung lief dann freilich rasch aus dem Ruder: Sie war weniger Instrument der Regierung als Vehikel eines neuen bürgerlichen Nationalismus, der sich mitunter auch antigouvernemental gebärden konnte. Eley spricht in diesem Zusammenhang vom "Populismus" des Flottenvereins - eine höchst fragwürdige Kennzeichnung, wenn man, wie der Autor es tut, "Populismus" aus radikaldemokratischen Traditionen ableitet. Unbestreitbar richtig ist hingegen sein Urteil, der Flottenverein habe einer "pseudodemokratischen Ideologie" angehangen.

Wie beim Deutschen Flottenverein sieht Eley auch beim Bund der Landwirte, der größten und erfolgreichsten landwirtschaftlichen Interessenorganisation, weniger Manipulation von oben als Mobilisierung von unten walten. Die Gründung des Verbandes im Jahre 1893, eine Initiative der ostelbischen Rittergutsbesitzer, sei eine Antwort auf die Radikalisierung der Landbevölkerung, nicht die Ursache der agrarischen Protestbewegung gewesen. Für den bäuerlichen Radikalismus bringt Eley eindrucksvolle Belege bei, aber er schießt auch hier, wie so häufig, über das Ziel hinaus. Im Hinblick auf den Antisemitismus des Bundes der Landwirte meint er, diese Ideen seien nicht in die Kreise des konservativen Parteiestablishments eingedrungen. Das ist schlankweg falsch. Bereits in den 1870er Jahren hatte die kampagnen gegen die Juden geführt, und das offen antisemitische "Tivoliprogramm" der Deutschkonservativen Partei von 1892, auf das Eley an anderer Stelle selbst ausführlich eingeht, war alles andere als eine vorübergehende Entgleisung.

Wo immer Eley die Gebiete verläßt, auf denen er selbst Quellenstudien betrieben hat, unterlaufen ihm erstaunliche Irrtümer. In dem Aufsatz über konservative und radikale Nationalisten zwischen 1912 und 1928 datiert er den Eintritt der Deutschnationalen Volkspartei in die Reichsregierung auf den November 1924. Tatsächlich beteiligte sich die DNVP erstmals im Januar 1925 an einem Kabinett der Weimarer Republik. Eley schreibt, der Linksrutsch bei den Reichstagswahlen von 1928 habe der Mitte Rechts Koalition mit Einschluß der Deutschnationalen den Boden entzogen. In Wirklichkeit war diese Regierung, das vierte Kabinett Marx, bereits im Februar 1928, drei Monate vor der Reichstagswahl auseinandergebrochen. Von dem zeitweiligen deutschnationalen Parteiführer, Kuno Graf Westarp, heißt es bei Eley, er habe 1929 aus Protest gegen den Kurs seines Nachfolgers, Alfred Hugenberg, die Partei verlassen. Das ist falsch. Westarp trat im Dezember 1929 lediglich von seinem Amt als Vorsitzender der deutschnationalen Reichstagsfraktion zurück. Aus der DNVP schied er erst im Juli 1930 aus. Der Aufsatz, der diese bemerkenswerte Liste von Fehlern enthält, nimmt in dem Buch einen sozusagen strategischen Platz ein. Ohne diesen Beitrag hätte sich weder die Aufnahme des Begriffs "Faschismus" in den Obertitel noch der Begriff "historische Kontinuität" im Untertitel des Bandes begründen lassen. Aber wie steht es mit der inhaltlichen Rechtfertigung des hohen Anspruchs, den der Autor damit erhebt? Zum Thema Faschismus" bietet Eley kaum mehr als einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die fortschreitende Radikalisierung des konservativen Lagers zwischen 1912 und 1928. Eine Erklärung für den Aufstieg des Nationalsozialismus zur Massenbewegung nach 1929 liefert er nicht. Es bedürfte wohl auch eines gründlicheren Studiums der Weimarer Republik, als Eley es sich bisher auferlegt hat, um über den gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand hinauszugelangen.

Für die Frage der Kontinuität in der deutschen Geschichte gilt Ähnliches. Eleys Blick ist viel zu ausschließlich auf die Wilhelminische Zeit fixiert, als daß er dieses Thema in den Griff bekommen könnte. Mit den Weichenstellungen der Reichsgründungszeit hat er sich offenbar kaum intensiver befaßt als mit der Zeit nach 1918. Auf die Entstehung des Bismarckreiches geht jener Gegensatz zwischen kultureller und wirtschaftlicher Modernität auf der einen und der Rückständigkeit des vorparlamentarischen Systems auf der anderen Seite zurück, den man als den Grundwiderspruch des Kaiserreichs bezeichnen kann. Eley erörtert ausführlich die Demokratisierungsschübe nach 1890; von dem wichtigsten Beitrag zur Demokratisierung, dem allgemeinen gleichen Wahlrecht für Männer, das Bismarck 1867 im Norddeutschen Bund und 1871 im Deutschen Reich einführte, ist bei ihm so gut wie keine Rede. Er betont die Radikalisierung des deutschen Nationalismus nach 1890, nimmt aber nicht zur Kenntnis, was er bei den von ihm gescholtenen "Sonderwegshistorikern" über den vorausgegangenen Funktionswandel des Nationalismus in den späten 1870er Jahren nachlesen könnte: Damals wurde die nationale Parole, die bislang ein Kampfruf der liberalen und linken Kräfte gewesen war, von der politischen Rechten "entdeckt" und als Waffe gegen die bisherigen Träger der nationalen Bewegung benutzt. Überhaupt leidet Eleys Auseinandersetzung mit den "Sonderwegshistorikern" daran, daß er ihre Forschungsergebnisse entweder nur unvollständig aufnimmt oder unzulässig vereinfacht. Für Eley scheint die These vom deutschen Sonderweg oder der deutschen Abweichung vom Westen im wesentlichen in der Behauptung zu bestehen, vorindustrielle Eliten wie Junkertum, Militär und Bürokratie hätten sich in Deutschland ungebührlich lange an der Macht behauptet, das Bewußtsein weiter Bevölkerungsschichten geprägt und damit die deutsche Katastrophe der Jahre 1933 bis 1945 ermöglicht. Tatsächlich war das politische Gewicht dieser Eliten bis 1933 viel größer, als Eley wahrhaben will. Aber neben der Bedeutung vorindustrieller Traditionen betonen die von ihm kritisierten Autoren die Modernisierung, die sich teils gegen, teils durch die alten Eliten vollzogen hat. Zur Machtübertragung an Hitler im Jahre 1933 haben die ostelbischen Agrarier, dank ihres direkten Zugangs zum Reichspräsidenten von Hindenburg, einen erheblichen Beitrag geleistet. Aber daß die Nationalsozialisten zur stärksten deutschen Partei aufsteigen konnten, hat auf andere Weise mit der vorrepublikanischen Vergangenheit Deutschlands zu tun. Als die Präsidialkabinette nach 1930 den Willen der Massen immer mehr ausschalteten, konnte die Partei Hitlers an beides appellieren: den seit Bismarck verbrieften Anspruch des Volkes auf politische Teilhabe und die Ressentiments gegenüber dem erst 1918 eingeführten, angeblich von den Siegern des Ersten Weltkrieges erzwungenen und darum "undeutschen" parlamentarischen System.

Im einzelnen läßt sich von Eley eine Menge lernen. Seine Forschungen zur Wilhelminischen Zeit haben die Diskussion belebt und werden weiter hin anregend wirken. Aber Eley hat Ehrgeizigeres im Sinn, nämlich eine Revision des deutschen Geschichtsbildes. Um dieses Ziel zu erreichen, hätte er weiter ausholen, bohrender fragen und gründlicher forschen müssen. So nützlich diese Aufsatzsammlung ist, den selbstgestellten hohen Anspruch des Verfassers löst sie noch nicht ein. Zur historischen Kontinuität in Deutschland; aus dem Englischen von Reinhart Kößler; Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1991; 333 S, 62 - DM