Wernigerode am Harz: Eine schöne alte Stadt muß neue Wege im Tourismus finden

Von Rainer Schauer

Hinter dichten Nebelwänden verbirgt sich die Natur: der Brocken, der Berg der Hexen und der sowjetischen Radaranlagen; die von Forellenbächen durchflossenen farngrünen Schluchten; die großen Wälder, über die sich ein klarer Himmel wölben könnte. In den Prospekten steht, der Blick von der Terrasse des Schlosses würde auch "heute noch das Gemüt verwöhnen", ein Blick auf Hügel und Berge und eine kleine Stadt unten im Tal.

Aber jetzt fällt Rauchregen aus den Kaminen auf die Häuser im Nebel. Das Schwefeldioxid aus dem Hausbrand, der Braunkohle, setzt sich unsichtbar auf dem Fachwerk ab, frißt verbunden mit dem Regenwasser den Firnis, die Farbe, das Holz, den Stein und ätzt in den Lungen der Menschen. Kein schöner Land in dieser Zeit – Wernigerode am Nordrand des Harzes im neuen Bundesland Sachsen-Anhalt.

Andreas Fischer, der kommissarische Leiter des städtischen Fremdenverkehrsamts, sagt, wenn die Ferngasheizung komme, werde alles besser. Wann kommt sie? Irgendwann, aemnächst, vielleicht schon bald. Sicher ist nur, daß eine andere Plage die "bunte Stadt am Harz", wie sie der Heidedichter Hermann Löns nannte, einholen wird: das Autoabgas Kohlenmonoxid. "Die Stadt vor dem Erstickungstod unter drohenden Blechwogen" zu retten, bittet die Wernigeröder Allgemeine Zeitung fast flehentlich an einem Wochenende im März. Schon in ein paar Wochen wird die Invasion der Autokolonnen beginnen, die ungehindert bis ins Herz der Altstadt vordringen können. Am Ende des Jahres werden die Statistiker wie schon in den Jahren zuvor vermelden, zwei oder drei Millionen Tagestouristen hätten das traute Städtchen vor den großen Wäldern heimgesucht.

Deutsche und Ausländer zieht es in das fast tausendjährige Wernigerode, das seine alte Bausubstanz – gepflegte Fachwerkschönheit aus vier Jahrhunderten – nahezu unbeschadet als geschlossenes Ensemble in die Gegenwart retten konnte. Das ist eine der wenigen und überraschenden Ausnahmen in der ehemaligen DDR, wo die Renovierung einzelner Repräsentativbauten den Verfall ganzer Straßenzüge und Stadtviertel nur mühsam kaschieren konnte. Beispiele: Meißen oder das nahe gelegene Quedlinburg oder das zwanzig Kilometer entfernte Halberstadt. Der in Wernigerode aufgewachsene Schriftsteller Rolf Schneider schreibt, man könne zwischen Elbe und Oder getrost von einem "denkmalpflegerischen Notstand" sprechen. Zwar propagierten die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und das Politbüro als letzte Entscheidungsinstanz lautstark die Bewahrung des kulturhistorischen Bauerbes, aber gleichzeitig setzten sie die Abrißbirne bewußt als Mittel der sozialistischen Städtebaupolitik ein. Andererseits verhinderte in vielen DDR-Städten die öffentliche Armut im real existierenden Sozialismus die Kahlschlagpolitik des kapitalistischen Westens. "Voller Neid schauten wir in den sechziger und siebziger Jahren nach Goslar", erinnert sich Andreas Fischer, "als dort in der Altstadt große Kaufhäuser und andere moderne Bauten entstanden." Heute ist er "heilfroh", daß damals das Kapital und die Kapitalisten in Wernigerode fehlten, um die Schneisen für den Fortschritt in die Fachwerkfassaden zu schlagen.

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