Er ist "ein Dichter". Franz Fühmann rühmte ihn zu Recht. Er zählt unterdessen, behaupte ich, zu den bedeutendsten Dichtern deutscher Sprache: Wolfgang Hilbig, aus Meuselwitz in Thüringen, einem Braunkohlegebiet an der sächsischen Grenze, aus einer Landschaft, die sich in seinen Gedichten, seinen Geschichten zur Literaturlandschaft formt.

"Alte Abdeckerei", seine neue Erzählung, beschwört diese Landschaft in düsteren, faszinierend schönen Bildern, entsetzlichen Visionen, schrecklichen Alpträumen. Die Natur selbst wird durchsichtig auf ihre (und seine) Geschichte "Ich besann mich auf ein Flüßchen hinter der Stadt, ein seltsam schimmerndes, an manchen Tagen fast milchfarbenes Gewässer, das ich kilometerweit verfolgt habe, einen Herbst lang oder noch länger, vielleicht nur, um einmal hinauszukommen aus einem Territorium, das, wenn ich es endgültig sagen soll, von den Grenzen meiner Müdigkeit eingeschlossen war "

Was hier, am Anfang, noch preziös klingen mag - "die Grenzen der Müdigkeit" , erweist sich im Fortgang der Erzählung als ein Schritt für Schritt genau ausgemessenes Terrain. Bei Hilbig ist kein Flaneur zugange, der genießerisch durch die Gassen und Straßen streift, eher, wie bei Peter Handke ein Wanderer, den es aus der Stadt hinaus ins (emphatisch so empfundene) Freie zieht. Hilbigs Ich Erzähler, der dem Autor sehr ähnlich sieht, streunt in der Gegend herum, scheinbar absichtslos.

Dem Spaziergang verdankt sich, könnte man meinen, das Buch. Gleichsam naturgemäß folgt es dem ziellosen Gang dessen, der geht, um zu gehen. Auf seinen "Streifzügen" wechselt er zuweilen die "Richtung", da "von Zielen nicht die Rede sein konnte". Oder doch? Während Handke (in "Nachmittag eines Schriftstellers" zum Beispiel) in der Umgebung Salzburgs bereits die Vorzeichen einer universellen Versöhnung an den Randerscheinungen des Weges ablesen möchte, wiewohl er den "Haß auf die Landschaftsmaler", also die unversöhnte, brutale Wirklichkeit, keineswegs verkennt, verläuft sich bei Hilbig das Kind, der Jugendliche mit schweren Beinen auf dem Gelände zwischen Bahndamm, Fluß und Mühle bis zu jenem Zaun, hinter dem für ihn "der Osten" begann.

Das Kind flielit aus dem Städtchen heraus in eine Natur, die düster, geheimnisvoll, angsterregend ist, immer neue Drohungen bereithält, dort, wo überwucherte Schienenstränge überraschend an einer Rampe enden, wo unter dem Gestrüpp Betonmauern durchschimmern, wo durch das Gebüsch hindurch verfallene Gebäude zu erahnen sind, eine Mühle, eine Abdeckerei.

"Von jedermann waren andere Geschichten zu hören, die davon abrieten, der Mühle zu nah zu kommen: die finsterste besagte, es hätten sich in dem verlassenen Anwesen die Fremden eingenistet, Leute aus Osteuropa, die hier den Krieg überstanden hätten und ihr Versteck auch danach nicht mehr aufgegeben Die Flucht des Kindes aus der Stadt führt also keineswegs in die heile Natur, sondern in jene Nachkriegslandschaft, die noch die Spuren des Unheils trägt und, wie es dem Kind erscheint, die Mythen der damaligen Zeit in sich aufgesogen hat ("je östlicher, desto gefährlicher der Menschenschlag, so wußte man"). Suchmeldungen hieß damals eine von vielen regelmäßig gehörte Radiosendung.

"Endlose Reihen von Namen in alphabetischer Folge", "gesucht wird Schiller, Frank . Schiller, Franz Schiller, Franz Heinrich" und so weiter, und so weiter. Dann, zu Hause, hinter vorgehaltener Hand, die dem Kind unbegreifliche Mitteilung, daß jemand "verschwunden" sei; "ich begriff es noch weniger, als ich- bemerkte, daß in den offiziellen Meldungen, die diese Vorkommnisse betrafen, niemals von Verschwundenen die Rede war: darin hießen sie die Gesuchten "