Von Eberhard Schmidt

Am Ende der schmalen, schlechtgepflasterten Via delle Vigne steht ein Tor aus grauem Stein. Dahinter liegt der jüdische Friedhof von Ferrara. Wer ihn betritt, sieht sich einer weiten, grasbewachsenen Fläche mit hohen Bäumen und wenigen, verstreuten Grabsteinen gegenüber. Auf den weißen Marmorplatten finden sich viele Namen, die dem sehr vertraut klingen, der sich auf der Suche nach den Spuren der Finzi-Contini befindet, jener Familie aus dem Großbürgertum Ferraras, der Giorgio Bassani in seinem berühmten Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“ ein so einzigartiges Denkmal gesetzt hat.

Obwohl Bassani keinen Schlüsselroman über seine Heimatstadt verfaßt hat, lädt die präzise Topographie zu einer literarischen Entdeckungsreise ein.

Unser Gang durch Ferrara, der am israelitischen Friedhof begonnen hat, führt uns nun durch die staubige Via Montebello über den breiten Corso Giovecca zurück ins Zentrum der Stadt. Wir erreichen die Via Mazzini. Sie hat heute den Charakter einer Geschäftsstraße, wie viele andere auch, und unterschiede sich nicht von benachbarten Straßen, gäbe es da nicht, zwischen Via Vignatagliata und Via delle Scienze, unübersehbar, wie einen erratischen Block, die alte Synagoge. Auf den beiden großen Marmortafeln an ihrer Stirnseite neben dem Eingangsportal sind in gut lesbaren Lettern eine Gedenkinschrift und die Namen von 96 aus Ferrara deportierten Juden eingetragen, unter ihnen auch einige Mitglieder der Familie Bassani.

Die Synagoge, im warmen, braunroten Ziegelton, für den Ferrara berühmt ist, bildet den Mittelpunkt des bis heute als bauliches Ensemble erhaltenen Ghettos. Die einst blühende jüdische Gemeinde, die noch in den zwanziger Jahren fast tausend Mitglieder zählte, ist jedoch auf wenige Seelen zusammengeschrumpft. Nach der teilweisen Zerstörung und Plünderung durch fanatische Mitglieder der faschistischen Partei Anfang der vierziger Jahre wurden die sakralen Räume der Synagoge wieder instand gesetzt.

Ein paar Schritte von hier, treffen wir in der stillen Via Vignatagliata (Nummer 79) auf das Gebäude, in dem sich die Schule des Ghettos befand und in der Bassani von 1938 bis 1943 unterrichtete. Heute ist hier eine Schreinerei untergebracht. Aber hinter den mit Papier verhangenen Wänden zeigt der Schreiner noch die alten Inschriften, Listen von Spendern zum Beispiel, wie sie sich auch auf Marmortafeln im Flur des ehemaligen jüdischen Altersheims in der benachbarten Via Vittoria (Nummer 39) finden. Die vornehmsten Namen des jüdischen Patriziats von Ferrara liest man da nebst genauer Nennung der Summe, die sie für die wohltätige Einrichtung gestiftet hatten.

Ferrara war seit dem Mittelalter ein Zentrum des italienischen Judentums gewesen. Dank der großzügigen Protektion durch das Geschlecht der Este, das die Zuwanderung spagnolischer, portugiesischer und deutscher Juden gegen päpstliches Widerstreben förderte, wuchs die jüdische Gemeinde in Ferrara im 16. Jahrhundert auf über zweitausend Personen an. Zehn Synagogen und das rabbinische Tribunal hatten in der Stadt, die damals fast 50 000 Menschen bewohnten, ihren Sitz. Als die letzten Herren aus dem Geschlecht der Este 1598 die Stadt verlassen mußten und Ferrara an den Kirchenstaat fiel, setzten die ersten Judenverfolgungen ein. Die Juden mußten als Erkennungszeichen einen gelben Schal tragen und durften keine Grundstücke oder Häuser mehr erwerben. Sieben der zehn Synagogen mußten schließen. 1627 wurde das Ghetto mit fünf eisernen Toren versehen, die nur tagsüber geöffnet waren. Die vergitterten und vermauerten Fenster in den Obergeschossen der Via Contrari, einer, der Begrenzungsstraßen des Ghettos, zeugen noch heute davon.