Das kurze Leben der „Autonomen Pfalz“ und die lange Verdrängung

Von Gerhard Gräber und Matthias Spindler

München, um die Jahreswende 1923/24. In einer Amtsstube der bayerischen Staatsregierung brüten einige Herren über Kartenmaterial von Speyer und Umgebung: Ein Attentat wird vorbereitet.

Der Hintergrund: Die Pfalz, Bayerns linksrheinische Provinz, seit 1816 aber ohne eine Landverbindung zum Königreich und späteren Freistaat, befindet sich in Feindeshand. Nicht genug, daß Frankreich sie im Vollzug des Versailler Friedensvertrages auf fünfzehn Jahre besetzt hält. Mitte November 1923 hat sich in der Kreishauptstadt Speyer eine Putschregierung eingenistet, die bayerischen Verwaltungsbeamten vertrieben und die „Autonome Pfalz“ ausgerufen. Das neue Staatsgebilde fühlt sich dem „Verbände der Rheinischen Republik“ zugehörig und damit auch nicht mehr als Teil des gesamtdeutschen Reichsverbandes.

Von einer heimlichen Visite der Pfalz bei Ausbruch der Unruhen kehrte der federführende Amtmann Walter Antz mit dem Eindruck zurück, die Bevölkerung zeige keine Bereitschaft, sich der unbefugten Machthaber gewaltsam zu entledigen. Nicht nur, weil die Franzosen ihre schützende Hand über diese hielten: Die Arbeiter, „durch die Vorgänge in München mißtrauisch“ gestimmt, seien zu Massenkundgebungen gegen die Autonomisten nicht zu bewegen. In München ist nämlich am 9. November 1923 der Hitler-Putsch zwar gescheitert, hat aber die Zweifel an der demokratischen Zuverlässigkeit des Bayernlandes nachhaltig bestärkt. So blieb als scheinbar letzte Möglichkeit zur Rettung der Pfalz, der „separatistischen Hydra“ die Köpfe abzuschlagen.

Bayern deckt Terroristen

Mit ausgeheckt hat das Mordvorhaben der pfälzische „Kampfbund“, eine infolge französischen Zugriffs arg dezimierte Untergrundorganisation, die aus dem konservativen Lager gespeist wird; etliche ihrer Mitglieder stammen aus der Parteijugend der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP). Die Gruppe hält Kontakt zu verdeckt operierenden Agenten der Reichswehr, denn das eigentliche Ziel ist die Befreiung der Pfalz von französischen Truppen auf dem Wege einer militärischen Rückeroberung. Schützenhelfer für das geplante Attentat sind in München schnell gefunden. Nach der Niederwerfung der linksradikalen Räterepublik im Mai 1919 ist die Stadt zur Zufluchtsstätte von Rechtsextremisten aus dem ganzen Reich geworden, darunter viele ehemalige Freikorpssoldaten, die den Kampf um Deutschlands Größe nun als Privatkrieg gegen die Berliner „Novemberverbrecher“ und „Erfüllungspolitiker“ weiterführen.