Von Karsten Witte

Ein Dichter des Reisens, ein Poet des auferlegten Exils, ein Handelsvertreter der Firma Vermittlung zwischen Paris und Berlin, Cuba und New York – Goll, der vielgewandt und umgetrieben schrieb, war ein Rastloser, der seinen Aufenthalt in der europäischen Literatur im Transitraum nahm. So ging er, französischer Jude und zweisprachiger Schriftsteller, dem öffentlichen Gedächtnis fast verloren. „Allein stets und trunken / von der Unendlichkeit / durchwandert er die Welt / ein ewig Ausgeschlossener.“ In den dreißiger Jahren von Berlin nach Paris verjagt und ausgebürgert, entdeckt Goll sein poetisches Alter ego, „Johann Ohneland“, als dessen Weggefährte er sich fortan begreift.

In Saint-Die, einer Kleinstadt in den seit 1871 deutsch besetzten Vogesen, wird Ivan Goll am 29. März 1891 als Sohn eines Tuchfabrikanten und Weinbergbesitzers geboren. „Durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet“, mit diesem Vermerk wird er sich später, in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“, den eigenen Paß ausstellen. Als Student zieht er an die Universitäten Strasbourg und München. Zum Doktor der Rechtswissenschaften wird er mit einer Untersuchung über Heimarbeiterinnen promoviert. Seine erste Veröffentlichung im Jahr 1912 sind die „Lothringischen Volkslieder“. Im Berliner Verlag der Expressionistischen Hefte folgt die Gedichtsammlung „Films“. Das ist ein Zeugnis der Faszination für das damals noch anrüchige Medium, dem Goll verfallen war. Seine Kinodichtung „Die Chapliniade“ aus dem Jahr 1920 war der Versuch, den Schock der zuckenden Bewegung auf der Leinwand als ein Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs zu begreifen.

Bei Ausbruch des Weltkrieges emigriert Goll in die Schweiz. Die Idee des Weltfriedens liegt ihm näher als der Chauvinismus auf beiden Seiten des Rheins. Im Mai 1940 wird der Pazifist von 1914 freilich auch patriotischen Kitsch verfassen, wie im Zyklus „Johann Ohneland“ nachzulesen ist: „Jeanne d’Arc in ihrem groben Rock / die unter Himbeerranken sitzt / bereitet eine Marmelade / aus dem Blut von Kürassieren.“

In Genf lernt Goll 1917 die deutsche Schriftstellerin Claire Studer kennen. An seiner Seite wird sie zu einer französisch schreibenden Autorin und nach seinem Tod zur schrillen Sängerin der angeblich unzertrennlichen Liebe dieses Traumpaares. Ihr Alltag war weniger traumhaft.

Das Ehepaar schlingerte in journalistischer Fronarbeit. Claire berichtete über Tanz und Mode, Ivan über Film und Malerei. Seine Visitenkarte war das, was heute treffend business card heißt: „Ivan Goll, Literatur- und Theaterkorrespondent des Berliner Börsen-Courier, Neuen Wiener Journal, Hamburger Anzeiger, Prager Tageblatt, Frankfurter Generalanzeiger, Münchener Neue Nachrichten“. Als Adresse diente die Rue Raffet, immerhin im feinsten, im 16. Pariser Bezirk. Wer unter Künstlern und Literaten der zwanziger Jahre Paris besuchte, kreuzte bei den Gölls auf, um dort Malraux oder die Delaunays zu treffen. Die Essays der Golls, in den zitierten Blättern verstreut, liegen bis heute nicht gesammelt vor. Sieht man allein auf die Maler, die die Bücher der Golls illustrierten: Jawlensky, Annenkow, Chagall, Léger, Robert Delaunay, Kokoschka, Matisse und Picasso, ahnt man, was in den Pappschachteln des Archivs der Stadtbibliothek von Saint-Die noch alles ruhen muß.

Die Zeit der ununterscheidbaren Poesie-Produktion des Paares Claire und Ivan geht in den dreißiger Jahren zu Ende, als sich beide neuen Liebschaften und der ätzenden Prosa autobiographischer Romane zuwenden. Leider überspringt der Briefband „Meiner Seele Töne“ die Korrespondenz der beiden in den heftigen Jahren zwischen 1927 und 1930. Die Romane, Ivans „Sodom Berlin“ und Claires „Der Neger Jupiter erobert Europa“, liegen jetzt auch auf deutsch vor.

Als deutsche Truppen ein zweites Mal die Vogesen besetzen, flieht das Paar erst nach Havanna, dann nach New York. „Johann Ohneland auf Kuba“ ist eine wunderbare Reportage, zwischen Elegie und Vision: „Dies also sind die letzten Republiken, / die Inselwelt der süßen Nichtigkeit, / wo man die Staats-Orange redlich teilt, / und wo die Freiheit langsam älter wird.“

In New York wird Goll die Musikalität von Harlem entdecken, den Schauplatz einer „Negerphantasie“, der das Europa in den zwanziger Jahren verfallen war. Je gründlicher der Poet Goll das Terrain durchstreift, desto phantastischer wird sein Bericht, den er in „Johann Ohneland“ niederlegt.

Als der Weg zur Rückkehr frei wird, ist Ivan Goll bereits von der beginnenden Leukämie gezeichnet. In Paris beendet er den Lebens-Zyklus. Wenige Gedichte überträgt er selbst ins Deutsche. In Paris kennt ihn keiner mehr. Sartre ist der Held des Tages.

Am 27. Februar 1950 stirbt Goll im American Hospital von Neuilly.„Laissezmoi seul avec ma mort!“, „Lassen Sie mich mit meinem Tod allein“, soll er den Ärzten zugerufen haben. Auf dem Friedhof Père Lachaise, gegenüber dem Grab von Chopin, wird er bestattet. Das Grabrelief nach einer Zeichnung von Chagall gestaltet Jean Longuet, ein Urenkel von Marx. Auf dem Stein ist zu lesen: „Ich werde nicht länger gedauert haben/als Schaum von Wellenlippen auf dem Strand. / Mir schien kein Stern, kein Mond bei der Geburt. / Nur ein vergänglicher Seufzer war mein Name.“

Als in Frankreich die Volksfront regierte, begann Goll einen Zyklus, dem dieses Zitat entnommen ist: „Jean Sans Terre“. Eine historische Begebenheit wird darin zur Legende. John Lackland, ein englischer König im Mittelalter (und Bruder des Richard Löwenherz), verlor seine Länder und Lehen in Nordfrankreich, als er einen Konkurrenten in der Thronfolge ermorden ließ. Goll entthront den König und schickt ihn als Bettler auf die Straße und in den Krieg: China, Guernica. In Johann Ohneland lebt der jüdische Mythos von der ewigen Wanderschaft: „Eines Tages trifft Jean Ahasver / den eigentlichen Bruder / des alten Universums.“

Gölls Gedichte „Jean Sans Terre“, hier zum ersten Mal vollständig versammelt und in zwei Sprachen präsentiert, lesen sich wie ein Itinerar des Exils. Der Reisende pendelt zwischen Allmacht der Gedanken und Nichtigkeit der Existenz. Der Dichter wird zum rasenden Reporter ungestillter Sehnsucht und ausschweifender Sinnlichkeit. Seine Niederschrift scheint vom Paradox diktiert, das lyrische Kleingeld, das auf der Straße liegt, aufzuheben, um es der großen Vision zu opfern. „Jean Sans Terre“ stellt die poetisch nicht lösbare Frage: Kann man eine Erleuchtung photographieren?

Gölls lakonische Vierzeiler, in schlichte Kreuzreime gefaßt, zügeln das alte expressionistische Feuer. Witz, Heiterkeit und Nonchalance halten die Phantasien eines Prometheus in Schach. Denkt man den Hochmut eines Heinrich Heine und die Demut eines Paul Verlaine in eins, dann blitzte an der Kreuzung das Kennzeichen Gölls auf. Es ist die Melancholie, die gegen das Grauen der Kriege ansingt: „Ich bin der einzige Sohn von Einsamkeit / und Herrn Vergessen, der war Fürst der Strände, / Ritter vom Schaum und Admiral der Nebel; / die Muscheln singen alle seinen Namen.“

  • Ivan Goll:

Jean Sans Terre. Johann Ohneland

Gesamtausgabe nach den Erstdrucken und Handschriften. Französisch-deutsch. Textedition von Kristian Wachinger; aus dem Französischen von Monika Fahrenbach-Wachendorff; Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 1990; 327 S., 42,– DM