ARD, Donnerstag, 21. März: "Leipzig"

Recht tun sie, all die tüchtigen Teams, die derzeit durch die "neuen Bundesländer" streifen, um Anblicke einzufangen und bekannt zu machen, um Leute anzuhalten und auszufragen, um ein Bild zu produzieren vom harten, erschütternden Umbruch. Nichts geht die Öffentlichkeit so nah an, denn sie ist täglich mit den Folgen konfrontiert, ob die nun Steuerlüge, Westwanderung oder Arbeitslosigkeit heißen. Nichts erzeugt im Volke so viel neue Vorurteile, Ängste und gemischte Affekte. Fernsehen als ein Medium, das auch Stimmungen und Mentalitäten prägt, ist geradezu berufen, deutschdeutsche Gehässigkeit durch Verständnis zu stoppen.

"Bundi go home" steht in Leipzig an der Wand, und wer wollte da nicht unterschreiben, wenn er die schrägen Vögel aus dem Westen sieht, die ausgerechnet in der ehemaligen Stasi-Zentrale ein Bumslokal aufziehen wollen?

Uns Bundis scheint das vielleicht eine passende Verwendung, die Ossis aber sind empfindlich und dichten: "Wenn der Wessi mit der Stasi auf die Disco geht". Ein reifer Maurermeister hat die Faxen dicke von der Arroganz Marke West: Die sollten hier mal ohne ihre schicken Maschinen ranklotzen müssen, einbrechen würden sie alle miteinander. Von seinen vier Söhnen ist keiner rüber, sind alle beim Bau und Leipzig treu: lebender Beweis dafür, daß sie eine böswillige Legende ist, die östliche Unfähigkeit zu mauern.

Auch die junge Biochemikerin, die um ihren Job fürchtet – "jetzt wird ‚evaluiert‘, das heißt aus Festanstellungen rausgekündigt" – hängt an ihrer Wahlheimat: "Es ist ’ne ehrliche Stadt; sie zeigt ihre Wunden." Pro-Leipzig heißt der neue Architektenbund, trotz des Sanierungsgebietes "Schlammhausen" und der verschandelten Innenstadt – ja gerade deswegen. Ein bockiger Stolz läßt die Leipziger zusammen- und dagegenhalten. "Das Flair dieser Stadt": Es ist zu retten.

Die bürgerliche Urbanität hat man verrotten lassen, die sozialistische Trostlosigkeit verfällt von selbst – eine dritte Zerstörungswelle soll vermieden werden: Daß in Leipzig mehr stehenblieb als im Westen, ist die Chance der Messestadt. Zwar kürzt das Realitätsprinzip, sprich Geldmangel, den Traum von der Wiedergeburt, aber geträumt wird er: Der Nordflügel des historischen städtischen Kaufhauses soll wieder aufgebaut werden, die Passagen und Auerbachs Keller; dann kommen Siemens, Quelle, der Mitteldeutsche Rundfunk und irgendwann "die alte Pracht".

Bundi, herein? Ja doch, wenn er was Gutes mitbringt. Ein Landshuter Freiwilliger berät die meistaufgesuchten aller Bürokraten: die Kollegen vom Arbeitsamt. Er erklärt, daß die Banken einen Zinsschnitt machen, wenn sie die Abschläge verzögert auszahlen, und wünscht, er könnte mehr für seine Klienten tun, die in hellen Scharen den Zugang zu seinem Büro verstopfen.