Von Günter Dahl

Bis ich die kleine Anzeige in der Zeitung gelesen hatte, war Sterben für mich kein Thema. Ich bin 67. Die Zeiger auf meiner Uhr drehen sich zwar schneller als noch vor einem Jahrzehnt, aber das erschreckt mich nicht, denn irgendwann muß es ja vorbei sein.

In der Zeitungsanzeige stellt sich eine Vereinigung namens „Omega – mit dem Sterben leben“ vor: „Betroffensein, Kontaktaufnahme, Nähe und der Wille zu helfen ermöglichen menschenwürdiges Sterben zu Hause, in Kliniken und Altenheimen“, heißt es im Text. Will sich da wer wichtig machen? Ich bin mißtrauisch und nehme doch zu Omega Kontakt auf und sitze schließlich in Hannoversch Münden der Ärztin Dr. Petra Muschaweck-Kürten gegenüber.

Sie ist eines jener attraktiven Geschöpfe, auf die das Klischee paßt: Die steht mitten im Leben. Was sehen sich eine sprühende Frau ums Sterben?

Sie weiß noch genau, was damals passiert war, als sie in jungen Jahren im Krankenhaus als Stationshilfe arbeitete. Jeden Morgen wurde sie von einem älteren Mann, der an Speiseröhrenkrebs litt, mit den Worten begrüßt: „Schön, daß du wieder da bist!“ Heute sagt sie: „Ich hatte keine Ahnung, was dieser Krebs bedeutete, aber ich spürte, daß wir einander nahe waren, wenn ich seine Bettdecke glattzog oder ihn füttern mußte. Ich hatte mehr Zeit als die Schwestern, Pfleger und Ärzte der Station, ihm zuzuhören und seine Resignation zu spüren. Ich erlebte sein Sterben innerhalb von vierzehn Tagen mit. Eines Morgens war er tot. Das Zimmer war leer, und ich sollte meiner gewohnten Stationsarbeit nachgehen. Gefühle der Trauer und Hilflosigkeit packten mich. Heute weiß ich, dieses Erlebnis war die Entscheidung, entweder nie mehr ein Krankenhaus zu betreten oder weiterzumachen und eine Aufgabe zum Beruf werden zu lassen.“

Sie spürte, daß sie am Bett von Sterbenden gebraucht wurde, vielleicht weil sie fähig war, Nähe und Zuwendung wortlos auf den Weg zu bringen. Sie ging ein Jahr nach England und lernte die Hospizbewegung kennen. Im Hospiz geht es nicht darum, Sterbende kurieren zu wollen, sondern ihre Schmerzen zu lindern und ihnen Liebe und Geborgenheit zu geben. In Deutschland steckt die Hospizbewegung noch in den Anfängen und hat es besonders schwer, denn die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen keine Betten für Menschen, die „austherapiert“ sind. So heißt das in Fachkreisen, wenn Mediziner mit ihrer Behandlung am Ende sind.

Aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus ließ die Beschäftigung mit dem Sterben und dem Tod Petra Muschaweck-Kürten nicht mehr los. Anfangs engagierte sie sich im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, aber Sterbehilfe bedeutet Hilfe zum Sterben, wohingegen Sterbebegleitung mitgehen beim Sterben heißt. „Sterbehilfe“, schreibt der Dortmunder Professor für Sozialphilosophie Franco Rest, der sich seit 1974 wissenschaftlich mit Sterbeerziehung befaßt, „will das Sterben selbst fördern und gegebenenfalls beschleunigen, ohne daß dies von dem Sterbenden gesteuert und veranlaßt wäre ... ‚Hilfe‘ ist immer fremdbestimmt; Sterbehelfer erwarten deshalb Dankbarkeit, wenn nicht vom Sterbenden selbst, so doch wenigstens von der Öffentlichkeit.“ Franco Rest und Petra Muschaweck-Kürten haben im Jahre 1985 die Omega-Vereinigung mitinitiiert, die Ärztin ist heute ihre Vorsitzende.