ARD, Mittwoch, 10. April, 20.15 Uhr: "Die Väter des Nardino"

Sommernacht ist hinterm Fenster, die Grillen sind zu hören und ein Hund. Pasquale schläft nicht; so alt ist er geworden mit dem Unrecht, so lang hat er es mit sich geschleppt, und nun ist es ihm fast zu schwer geworden. Er wischt sich den Schweiß, er richtet sich auf und kramt seine Herzpillen hervor. Er spült sie mit Schnaps hinunter und legt sich wieder hin, gräbt sich umständlich ein in sein Deckzeug und löscht das Licht – er wird nicht schlafen.

Hilmar Thate spielt den alten Pasquale, einen sizilianischen Bauern. Er spielt ihn mit der grämlichen Unruhe dessen, der nicht unversöhnt aus der Welt gehen will. Der nachts wach liegt, weil man den anderen, der an ihm schuldig wurde, eben zu Grabe trug.

Es ist eine wunderbare Geschichte von Schuld und Sühne und von einer Männerfreundschaft. Der Film ist auf eine leichte Art mythenschwer, das Mythische wächst ihm mühelos zu, weil er Sizilien und die Sizilianer so genau schildert. Und weil die großen Geschichten naheliegen, wo das Leben so schlicht und so roh zugeht. Der Regisseur Wolf Gaudlitz hat acht Jahre in Palermo gelebt, es ist seinem ersten Spielfilm zugute gekommen.

Bei der Beerdigungszeremonie des Virgilio, bei diesem sizilianischen Ritual, das so viel Wissen um den Tod in sich trägt, nimmt es nicht Wunder, wenn der Verblichene sich ruhelos räkelt, sich aufrichtet und Ausschau nach dem anderen hält, nach Pasquale, der ihm Erleichterung schaffen könnte. Natürlich nimmt das niemand wahr außer uns Zuschauern. Aber Pasquale treibt es ziellos umher, er durchstreift das Dorf, in dem er und Virgilio aufwuchsen und Freunde waren. Sein Herz ist so schwer wie die Seele des anderen.

Als Virgilio einst in Palermo studierte, hat Pasquale ihn besucht, beide besuchten sie ein Mädchen, Virgilio zum Spaß, Pasquale ganz im Ernst. Pasquale wird gefoppt: mit einem Kissen unterm Bauch, mit einem Mädchen, das ihn weinend auslacht, als er ihr einen Heiratsantrag macht. Wird gefoppt auch von seinem Freund, der ihm das Kind – von ihm? von irgendwem? – unter das Fenster stellt. Pasquale ist blamiert und wandert aus, Virgilios Ehe bleibt kinderlos – gestraft beide, als lachender Dritter wächst heran ihr Sohn Nardino, ein munterer Hampelmann.

Der Film zeigt, was wichtig ist in jedem Männerleben, sogar in dem der allermächtigsten Sizilianer: Frauen und Kinder nämlich. Er zeigt, was am Ende bleibt, wenn es dies nicht gab – ein Häuflein ungesühnte, unvergebene Schuld, ein fremdes Kind, das immer fremd geblieben ist, und eine Frau, die noch mit ihren Tränen heuchelt. Gezeigt wird aber auch, daß das Schwere leicht werden kann, wenn man, sei es am Rand des Todes, sei es auch auf dem Totenbett, den Stimmen folgt.