Von Kornelia Dietrich

Mitten in Bremervörde erhebt sich seit einigen Wochen eine Pyramide. Doch trotz der mystischen Form ist ihr Zweck ganz praktisch und bodenständig: Sie will Besucher für das Thema Naturschutz und umweltfreundliches Bauen interessieren. Aus der Verbindung einer alten Gebäudeform mit moderner Technik entstand ein Prototyp für umweltgerechte Architektur, der zum Nachdenken und zum Nachahmen reizen soll.

Die Bremervörder Pyramide ist das Herzstück der zweiten Landesausstellung „Natur im Städtebau“. Im Zentrum der Stadt, nur drei Minuten zu Fuß vom Rathaus entfernt, entsteht derzeit auf einem 7000 Quadratmeter großen Areal eine Ausstellung, die städtebauliche und landschaftliche Lösungen aus der ökologischen Krise zeigen will. Von der Eröffnung am 19. April bis Mitte Oktober dieses Jahres finden insgesamt 600 Veranstaltungen zu diesem Themenkreis statt.

Die Umweltpyramide hat jedoch bereits vor der Ausstellungseröffnung Furore gemacht: Niedersachsens Umweltministerin Monika Griefahn zeichnete das Projekt mit dem Umweltpreis 1990 in Höhe von 30 000 Mark aus. Anläßlich der Preisverleihung sagte sie: „Es gehört zum ökologischen Umbau, daß umweltbelastendes Verhalten teurer wird und umweltfreundliches Verhalten belohnt wird.“

Für dieses Ziel hat der Naturschutzbund als Bauherr eine Menge getan. Beim Entwurf der Pyramide hat er streng darauf geachtet, nur Materialien zu verwenden, die wenig belastend und recyclefähig sind. So besteht das Gebäude hauptsächlich aus Holz als nachwachsendem Rohstoff und aus Glas. Als Dämmaterial dient gepreßtes Altpapier, das hervorragend isoliert, wie schon unsere Großeltern wußten, die im Winter Zeitungen vor die Fenster legten, ehe es Isolierglasscheiben gab. Auf der Südseite des Hauses sammeln Solarkollektoren die Sonnenenergie und sichern damit einen großen Teil des Energiebedarfs. Die Form der Pyramide hat praktische Vorteile: Ein optimales Verhältnis zwischen Außenfläche und Volumen macht das Gebäude zu einem „Niedrigenergiehaus“, in dem alle Möglichkeiten der Energieeinsparung ausgeschöpft werden. Mit Erfolg, der Verbrauch liegt um sechzig Prozent niedriger als bei herkömmlicher Versorgung. Besonders stolz ist Hans-Jörg Helm, der Vorsitzende des Naturschutzbundes in Bremervörde, auf die getrennten Leitungssysteme für Trink- und Nutzwasser. Das Regenwasser wird aufgefangen und beispielsweise für die Toilettenspülung genutzt. Der Wasserverbrauch konnte dadurch um siebzig Prozent gesenkt werden.

Auch bei der Innenausstattung haben die Bremervörder Rohstoffe bevorzugt, deren Herstellung und Verarbeitung wenig Energie kosten. Bei Farben und Bodenbelägen verzichteten die Bauherren völlig auf Materialien mit schädlichen Emissionen wie Asbest, Dioxin oder Formaldehyd. Darin sieht Hans-Jörg Helm den unmittelbaren praktischen Nutzen des Projekts: „Wir zeigen Methoden, die jeder beim Renovieren oder Neubauen ohne großen Aufwand nachmachen kann.“ Auch nach dem Ende der Ausstellung dient die Pyramide als Anschauungsobjekt dafür, daß umweltfreundliches Bauen und ästhetische Gestaltung einander nicht ausschließen.

Als Zielgruppe hat der Naturschutzbund dabei nicht in erster Linie die Interessierten im Auge, die ohnehin schon ein geschärftes Umweltbewußtsein haben; er will vielmehr all jene erreichen, „die zwar mal etwas davon gehört haben, sich aber noch nicht so gut auskennen“. Diesem Zweck kommt der Standort der Umweltbildungsstätte mitten in der Stadt zugute. Direkt am Vorder See gelegen, lädt die Ausstellung ein zu einem Kurzbesuch während des Stadtbummels oder zwischen den Besorgungen. Gezeigt wird außerdem, daß aktiver Umweltschutz im großen Stil nicht nur im Grünen am Rande eines Naturschutzgebietes, sondern mitten in einem Stadtgebiet möglich ist.