In Mahabad, der nordwestlichen iranischen Stadt im kurdischen Gebiet der Provinz Aserbeidschan, weht überall die kurdische Trikolore mit ihren Symbolen Sonne, Weizenähre und Schreibfeder. Der Car-Cira-Platz, der Vierlampenplatz, ist von Zehntausenden von Menschen in bunter kurdischer Nationaltracht gefüllt. Viele sind von weit her gekommen, auch von jenseits der Grenze zu Irak, vorab der legendäre Kurdenführer Mustafa el-Barsani. Doch der Held der Stunde ist ein anderer Kurde, Mullah Ghasi Mohammad. Er trägt zur sowjetischen Uniform einen weißen Turban. General und Gottesmann zugleich. Ghasi ist der Präsident der kurdischen Republik, die er soeben, auf einem Holzpodest stehend, ausgerufen hat.

An diesem Tag, dem 22. Januar 1946, ging ein alter Traum in Erfüllung: Der erste – und bis heute letzte – kurdische Staat war geboren. Bei der Geburt der kurdischen Republik standen die Sowjets Pate. Die Rote Armee saß noch im Norden des Irans, den sie während des Zweiten Weltkrieges besetzt hatte. Mit ihrer Hilfe hatten bereits die linksgerichteten Separatisten in Tebriz, der Hauptstadt des iranischen Aserbeidschan, die Macht ergriffen und die Trennung von Teheran angekündigt.

Ermutigt durch das aserbeidschanische Vorbild, sah Ghasi Mohammad, mittlerweile Führer der Demokratischen Partei Kurdistans, die historische Chance in greifbare Nähe gerückt. Er reiste nach Baku und bat die Sowjets um Hilfe. Der Kreml gab, nach einigem Hin und Her, dem sunnitischen Rechtsgelehrten das Versprechen, der kurdischen Sache beizustehen. Die Russen lieferten die Gewehre, Mustafa el-Barsani stellte dreitausend kampferprobte Krieger zur Verfügung. Die Partisanen el-Barsanis vertrieben die iranischen Truppen nach und nach aus den kurdischen Gebieten.

Bald stand dem kurdischen Nationalstaat nichts mehr im Wege. Der neuen Republik hatten die Sowjets Panzer und schwere Geschütze versprochen. Doch es kamen nur Druckmaschinen, mit denen man fortan kurdische Zeitungen, Bücher und Portraits Josef Stalins, den die Kurden als Schirmherrn und Freund betrachteten, druckte. Mit dem Kommunismus hatten die Führer der Republik, vorwiegend Feudalherren und religiöse Würdenträger, nichts im Sinn. So blieben im Gegensatz zur Republik Aserbeidschan, wo die Marxisten die Macht innehatten, die herkömmlichen und sozialen und wirtschaftlichen Strukturen in Mahabad unberührt.

Inzwischen hatte der junge Schah einen neuen Regierungschef, Mohammad Ghawam. Der persische Aristokrat, Lebemann und leidenschaftliche Pokerspieler erwies sich auch auf dem politischen Schachbrett als Meister. Er nahm einige Führer der Moskau-treuen kommunistischen Tudeh-Partei in sein Kabinett auf und reiste nach Moskau zu Stalin. Der „alte Fuchs“, wie er später allgemein tituliert wurde, versprach dem mächtigen Gastgeber die Bohrrechte für die nordiranischen Ölfelder, wenn die Sowjets die iranischen Gebiete räumten. Persischer Verheißung und amerikanischer Drohung gelang es, Stalin zum militärischen Rückzug zu bewegen.

Kaum waren die Sowjets aus dem Lande, setzte Teheran seine Truppen in Richtung Westen in Marsch. Zuerst fielen die Separatisten in Tebriz der russischen Untreue zum Opfer. Nur wenigen gelang es, sich über die Grenze in die Sowjetunion zu retten. Wenige Wochen später standen die iranischen Truppen vor den Toren Mahabads, um in Kurdistan „Parlamentswahlen zu sichern“, wie die offizielle Begründung der militärischen Offensive lautete.

Ghasi Mohammad erkannte sofort die ausweglose Lage. Er ließ die Stadt von den el-Barsani-Männern räumen und trat den iranischen Soldaten zur Begrüßung entgegen. Der bauernfängerische Regierungschef in Teheran hatte ihm Verhandlungen angeboten, falls die Sache unblutig ausgehe. Er, sein Bruder Sadre und sein Neffe, der Verteidigungsminister der kurdischen Republik Seif, wurden festgenommen. Sie wurden am 31. Mai 1947 zu nächtlicher Stunde auf dem Car-Cira-Platz, wo vierzehn Monate zuvor die Republik ausgerufen worden war, gehenkt. Mustafa el-Barsani, der militärische Befehlshaber in Mahabad, floh mit seinem gesamten Stamm in die Sowjetunion.

Die Russen indes warteten vergeblich auf das versprochene Öl. Die Forderung Stalins wurde im Majeis, dem iranischen Parlament, höhnisch abgewiesen. Gegen etwaige sowjetische Vergeltungsakte für die persische Hinterlist schützte die nukleare Schlagkraft der USA. Ghasi Mohammad, der sich weigerte, sein Volk im Stich zu lassen und zu fliehen, gilt bis heute weit über die iranischen Kurdengebiete hinaus als Held und Vorbild. Ahmad Taheri