Max Frisch, ein Album – Seite 1

Wirkliche und imaginäre Bilder eines Schriftstellerlebens: zum Tod des großen Schweizer Dichters

Von Volker Hage

Hier ist er in Zürich, September 1982. Ein Photo, das er besonders liebte. Der Blick in die Ferne gerichtet, die Pfeife noch nicht entzündet. Die Hände im Begriff, wie tausendmal geübt, die nötigen Vorbereitungen zu treffen: das Streichholzheftchen zwischen den Fingern. Er schaut dem Licht entgegen, die weißen Haare leuchten in der Sonne. Sein Kopf im Profil, der Kopf eines Siebzigjährigen. Da steht er: einerseits wie selbstvergessen, andererseits gespannt und wachsam, Gelassenheit und Neugier in den Gesichtszügen – nicht auch leichte Wehmut und Melancholie? Wieviel Zeit bleibt noch? Wenn einer ein Bild von sich besonders mag, heißt es, daß er viele andere nicht mag. Er hatte eine leichte Lähmung der Augenlider. Er war eitel. Wenn ein Buch über ihn erschien, nahm er gern Einfluß: auf die Auswahl der Photos, bis zuletzt, noch wenige Wochen vor seinem Tod.

Hier hört man ihn: "In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die andern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser des andern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage." Eigentlich liest man nur: im ersten Tagebuch, 1950 erschienen (Stichwort: "Du sollst dir kein Bildnis machen"). Man liest – aber eben: Man hört ihn.

Hier geht er ins Gebirge. Nein, das ist nicht er selbst, sondern eine seiner Figuren. Weder Stiller noch Gantenbein, noch Faber, Geiser heißt er, nahezu ein Unbekannter. Er ist eingeschlossen in seinem Tessiner Tal, das Dorf nach einem Unwetter von der Umwelt abgeschnitten. Herr Geiser, bald 74 Jahre alt, gibt nicht auf. Er kennt einen Weg über die Paßhöhe, einen Weg, den er vor langer Zeit einmal gegangen ist. Er will es sich beweisen: Es gibt einen Weg aus diesem Tal, einen Ausweg. Ein Aufbruch im Morgengrauen: "Im Anfang ist es ein steiler Weg; der Hang ist steil, aber der Weg beinahe horizontal, teilweise mit Platten belegt, ein sicherer Weg auch bei Nebel, wenn man den Wasserfall nicht sehen kann, dessen Rauschen man hört."

Der Weg hinauf! Der Weg aus der Enge heraus! Noch einmal: vorbei an Abgründen, an Weggabelungen, wo die richtige Entscheidung wichtig ist, über einen Fluß, obwohl die Brücke fehlt. Ein paar Seiten nur in einer ohnehin kurzen, bisher kaum wahrgenommenen Erzählung. Kein aufdringliches Lebensgleichnis, einfach nur der karg und genau gezeichnete Weg über die Paßhöhe. "Plötzlich geht es nur noch mit Glück." Aber: "Der Plan ist durchführbar." Herr Geiser schafft auch den Abstieg und kommt heil auf der anderen Seite an. Dort gibt es eine Postbusstation: die Rettung. Der Wanderer aber kehrt einfach um und geht zurück. "Was soll Herr Geiser in Basel?"

Hier ist er noch ein Kind, er sitzt neben der Mutter, mit kurzen Hosen und weißem Hemdkragen, ein rundes, freundliches Gesicht. Die Mutter ist wichtig für ihn, wichtiger als der Vater, ein Architekt. Später wird sie (die 1966 im Alter von 91 Jahren stirbt) dem erwachsenen Sohn, der dann Mitte fünfzig ist, den verblüffenden Satz sagen: "Du solltest nicht immer über Frauen schreiben, denn du verstehst sie nicht."

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Hier macht er ein Feuer (nein, davon gibt es kein Bild): Er ist 26 oder 27 Jahre alt und hat beschlossen, mit der Schriftstellerei aufzuhören, endgültig und für immer. Er hat das Gefühl: Es reicht nicht. Viele Jahre später wird er die Szene in seinem "Tagebuch 1946 – 1949" beschreiben: "Ich mußte zweimal in den Wald hinaufgehen, so viele Bündel gab es, und es war, ich erinnere mich, ein regnerischer Tag, wo das Feuer immer wieder in der Nässe erstickte, ich brauchte eine ganze Schachtel voller Streichhölzer, bis ich mit dem Gefühl der Erleichterung, auch der Leere weitergehen konnte."

Die Erinnerung mag stimmen – trotzdem: eine Legende. Eine Unterbrechung der literarischen Arbeit gibt es nicht: Von 1934 an veröffentlicht er – er ist 23 Jahre alt, als der Debütroman "Jürg Reinhart" erscheint – in erstaunlicher Regelmäßigkeit alle drei bis vier Jahre ein Prosabuch (von Arbeiten für das Theater abgesehen), und zwar bis weit in die fünfziger Jahre hinein: Erst nach dem Roman "Homo faber" (1957) entsteht eine Lücke von sieben Jahren. Und doch: Nach seinem zweiten Roman "Antwort aus der Stille" (1937) muß das Gefühl des Versagens und Scheiterns besonders stark sein, das ihn sein Leben lang nie mehr völlig verlassen wird.

Er beginnt Mitte der dreißiger Jahre noch einmal zu studieren (ein Germanistikstudium hat er nach dem frühen Tod des Vaters abgebrochen): Architektur. Er will, wie er es 1936 in einem Brief an Hermann Hesse formuliert, "einen anderen und sozusagen weltgerechten Beruf" hinzulernen.

Hier ein bekanntes Bild: mit Bertolt Brecht auf der Baustelle. Er ist wirklich Architekt geworden, und was da errichtet wird, nach dem Krieg: ein Freibad in Zürich. Er ist auch inzwischen verheiratet und Vater. Brecht lobt ihn: Er habe einen ehrlichen Beruf. Doch der Architekt schreibt wieder, immer noch. Er gibt dem anderen ein Stück zu lesen, das mit der Bemerkung zurückkommt: Dem Theater als Institution werde mit diesem Stück (es wird später "Als der Krieg zu Ende war" heißen) zuwenig zugemutet.

Eine Begegnung mit Widerhaken, doch folgenreich. Er bewundert an Brecht: "Eine schöpferische Geduld, wieder von vorn anzufangen, Meinungen zu vergessen, Erfahrungen zu sammeln und zu befragen, ohne ihnen die Antwort aufzudrängen." Damit beschreibt er zugleich sich selbst. Er kommt oft auf Brecht zurück, auch Jahrzehnte später, im Gespräch: "Ich war für ihn ein maßlos untrainierter Sozialist. Ich bin der politischen Diskussion ausgewichen. Er hat mich nicht ideologisieren können, aber mir politische Verhältnisse deutlich gemacht."

Ein Photo, das es nicht geben kann: im Gespräch mit Thomas Mann. "Dabei wohnte er ja nur über den See. Ich mochte ihn nicht sehr. Für mich kein Anregeautor, sondern ein Respektautor." Der Respektautor kam sogar einmal zu einer Theaterpremiere: 1953, zur ersten Aufführung von Frischs Stück "Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie". Der Jüngere ließ sich weder an diesem Abend noch später bei ihm blicken. Drei Jahre später war Thomas Mann gestorben, wenige Wochen nach dem achtzigsten Geburtstag. Versäumte Begegnungen.

Hier auf dem Titelbild des Spiegel, 7. Oktober 1953. "Logenplatz im Welttheater" heißt die Bildlegende. "Schweizer in dieser Zeit: Max Frisch (siehe ,Schriftsteller‘)". Seine große Zeit beginnt, der Aufstieg zum Weltautor. Die Theaterstücke machen ihn bekannt und reich (1958 hat "Biedermann und die Brandstifter", 1961 "Andorra" Premiere), doch zu Ruhm gelangt er als Romancier, als Verfasser von "Stiller" (1954), "Homo faber" (1957), "Mein Name sei Gantenbein" (1964).

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Auf diesem Bild ist er nicht zu sehen, da steht er hinter der Kamera: Ingeborg Bachmann hält eine Schallplatte in der Hand, ein Lampenschirm ist zu sehen, ein Plattenspieler. Aufgenommen in ihrer gemeinsamen Wohnung in Rom, Anfang der sechziger Jahre – ein leicht verschwommenes Photo. Eine Schriftstellerliebe: Das geht nicht gut. Sie hält nicht lange. Aber zwei Bücher wären nicht – oder nicht so – entstanden ohne diese Liebe: ihr Roman "Malina", sein "Gantenbein"-Roman.

Das Photo lag ihm am Herzen. Als er es mir zwanzig Jahre später auslieh für die kleine Biographie, die über ihn entstehen sollte, rief er schon wenige Tage danach an: Ob es auch nicht verloren sei, das einzige Exemplar?

Da steht er mit Christa Wolf an der Reling des Wolgaschiffes (dieses Photo könnte es geben). Eine frühe Begegnung, Juni 1968. Ein Bild, das sich im Kopf festgesetzt hat, obgleich die Szene (so ähnlich) nur beschrieben ist im zweiten Tagebuch – in seinem unverkennbar lapidaren, knappen, pointierten Stil: "Gespräch mit Christa Wolf und ihrem Mann bis vier Uhr morgens, draußen die helle Nacht über Wolga und Land. Labsal: daß man Widerspruch gelten lassen kann. Lange Zeit saß ein sowjetischer Genosse dabei, der zuhörte, aber mich nicht störte. Er scheint berichtet zu haben: heute wissen meine Funktionäre, daß es ein sehr interessantes Gespräch gewesen sein soll, das wir geführt haben."

Darin wird ihn auch in Zukunft kaum jemand übertreffen: Wie er mit wenigen Worten ins Zentrum trifft, obwohl er doch nur das Nötigste sagt – der Kommentar ergänzt sich im Kopf des Lesers von allein. Daß einer so unbefangen ich sagen kann, hat seine Kollegen in der ehemaligen DDR fasziniert und ihnen Mut gemacht. So ließ er es nach langer Überlegung zu, daß seine Tagebücher dort zensiert erschienen, in den siebziger und achtziger Jahren. "Ich habe lange in Berlin gelebt", erklärte er mir 1981 im Gespräch. "Da habe ich die Leute mehr kennengelernt und habe erfahren, daß mein striktes Nein kontraproduktiv ist. Die DDR-Schriftsteller sagten mir: ‚Wir haben die Bücher eh in der Originalausgabe. Aber daß es gedruckt wird, hilft uns. Sie als Ausländer können dabei helfen, wie weit man gehen kann, etwa in der Ich-Beschäftigung.‘ Aber es bleibt ambivalent, Auslassungen zuzustimmen; es ist zweischneidig."

Im Sommer 1990 sagte er mir am Telephon, als wir über den Streit um Christa Wolf und ihre Erzählung "Was bleibt" sprachen: "Ich habe ihr gesagt: ‚Was wollen Sie? Sie waren ein Denkmal, und zu einem Denkmal gibt es nur zwei Haltungen: Man kniet vor ihm, oder man stürzt es!‘"

Das ist in New York, Mitte der siebziger Jahre. Diese Stadt hat er oft besucht, in dieser Stadt hat er lange Zeit gelebt, gewohnt, diese Stadt hat er in seinen Romanen portraitiert. Hier wäre er vielleicht geblieben, wäre er denn Architekt geblieben. Dieses Mal, 1974, übergibt ihm der amerikanische Kollege Philip Roth ein Exemplar des gerade erschienenen Romans "My Life as a Man", ihm, dem geachteten Schweizer Schriftsteller, der auf der Fahrt ins Wochenende ist, auf dem Weg an die Spitze der Halbinsel Long Island, zu einem Ort namens Montauk.

Dort wird der Besucher aus Europa, barfuß am Strand, der Frage nachsinnen, warum das für ihn kein Buchtitel sein könnte ("Mein Leben als Mann"). Und später wird er über dieses Wochenende schreiben, wie er da barfuß am Strand ging, Fragen über sein Leben als Mann im Kopf – eine autobiographische Erzählung, die er dann "Montauk" nennt und die zum Besten gehört, was in den vergangenen zwanzig Jahren in deutscher Sprache geschrieben worden ist.

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In "Montauk" stehen überraschende Sätze: "Ich habe mir mein Leben verschwiegen. Ich habe irgendeine Öffentlichkeit bedient mit Geschichten. Ich habe mich in diesen Geschichten entblößt, ich weiß, bis zur Unkenntlichkeit." Ein Alterswerk (dabei ist er erst Mitte sechzig), eine erste Summe: "Es stimmt nicht einmal, daß ich immer nur mich selbst beschrieben habe. Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten." Und der Satz: "Sowie eine Frau mir gefällt, komme ich mir jetzt als Zumutung vor."

Das ist 1977, der SPD-Parteitag in Hamburg, er am Pult hinter Mikrophonen. Er hat sich nie entzogen, wenn die Politik rief, und jetzt gibt er den Sozialdemokraten zu verstehen: "Ich kann mir nicht denken, daß Politik ohne die lästige Assistenz der Intellektuellen eine geschichtliche Chance hat." Später wird er noch skeptischer sein, am Ende sich fragen, ob es überhaupt noch eine geschichtliche Chance gibt – mit oder ohne lästige Assistenz. Und schon früh, 1964, vermied er es, seine Rolle in der Politik zu überschätzen: "Bin ich dadurch, daß ich mich vor anderen Mitbürgern auszeichne am Schreibtisch, berufen oder auch nur befugt, Staatsmännern schreibend die Aufgabe zu stellen, der ich mich dann selbst entziehe?"

Wir er je ein politischer Schriftsteller? Nicht, wenn man darunter versteht, daß er beim Schreiben Rücksichten nahm, um einer Idee zu nützen, um etwas zu propagieren. Er war ein politisch denkender Mensch, einer, der komplizierte Zusammenhänge mit einer raschen Wendung, einer Frage, einer Paradoxie erhellen konnte – aber die Domäne der Literatur war und blieb für ihn etwas anderes. "Fast wage ich zu sagen: das Private. Was die Soziologie nicht erfaßt, was die Biologie nicht erfaßt: das Einzelwesen, das Ich, nicht mein Ich, aber ein Ich: die Person, die diese Welt erfährt als Ich, die stirbt als Ich ..."

Das machte ihn zum Anwalt von Lesern, die die trotzige Hoffnung nicht aufgeben wollen, daß das Ich, ihr kleines Ich, doch vielleicht eine Rolle spielt, daß nicht alles völlig gleichgültig ist. Er machte keine leeren Versprechen, aber er zeigte: daß es möglich ist, sich selbst wahrzunehmen.

Es war ein Wunder und ist wohl einzigartig in der Weltliteratur, daß ein Schriftsteller von dieser Bedeutung beliebt sein konnte bei Kollegen und der Kritik, anerkannt vom Publikum und der Wissenschaft, akzeptiert von Lehrern und Schülern – das nun schon in der zweiten Generation.

Die Wirkung, die Faszination seiner Prosa (vor allem) läßt nicht nach. Was macht diese Sätze so musikalisch und so klar? Was gibt ihnen diesen Rhythmus, der ein Denkrhythmus ist? Nur ein Wort an einem anderen Platz, und jener Satz würde nicht mehr klingen, den man – im ersten Tagebuch – so oft gelesen hat. "Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen." Ihn lesen aber heißt: in seinem Rhythmus plötzlich die eigene Biographie neu und vielleicht erstmals zu erfahren.

Und endlich mit Dürrenmatt. Da müßte es eigentlich viele Photos geben. Auf diesem hier sieht man beide vor dem Eingang des Basler Theaters, das mag in den sechziger Jahren sein: Er, sitzend, hat die Pfeife gerade entzündet, das Streichholz noch in der Hand, eine Rauchwolke steigt auf; Dürrenmatt, stehend, blickt mürrisch auf ihn herab.

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Das mag für beide nicht immer einfach gewesen sein: Sie waren sich gleichzeitig Weggefährten und Konkurrenten, Freunde und Störenfriede; am Schluß gingen sie sich aus dem Weg – und traten doch merkwürdig synchron von der Bühne ihres Landes ab, auf der sie einst gemeinsam aufgetreten waren. In einem der letzten Interviews hat Dürrenmatt, der Jüngere, der vor ihm starb, auf den entscheidenden Unterschied aufmerksam gemacht, als leichte Rüge vorgebracht: "Private Schwierigkeiten soll man mit sich ausmachen. Der Frisch hatte immer viele Frauengeschichten, und jedesmal hat er geschworen, das sei seine letzte. Ein hoffnungsloser Romantiker in dieser Hinsicht." Und über die Leser: "Er ist der Schriftsteller der Intellektuellen. Sie glauben, seine Eheprobleme und Identitätskrisen auch haben zu müssen." Da hat der andere, Dürrenmatt, etwas gesehen. Da scheiden sich die Geister.

"Man sollte nie über einen Menschen spotten", schrieb er (da war er Anfang zwanzig) schon in seinem ersten Roman, "man weiß nicht, ob man ihn nicht eines Tages heiratet." Das ist sein Thema geblieben bis hin zum späten Prosastück "Blaubart" (1982). Dort sagt ein Zeuge vor Gericht: "Schauen Sie, ich bin vierundzwanzig Jahre verheiratet, das ist eine Frage des Humors, das kann einer nicht, wenn er keinen Humor hat..."

Er wurde uns als Sucher nach der Identität verkauft, dabei ist er immer auf der Suche nach dem Geheimnis der Liebe, des Sexus, der Lust gewesen – darum sind ihm so viele gefolgt, nicht nur die Intellektuellen, die vielleicht am wenigsten.

Hier gehen wir gemeinsam durch Zürich. Ein Gespräch über Dinge, die nicht in die Biographie gehören, nach seiner Meinung. Er erzählt. Er staunt, daß es der jüngeren Generation so einfach möglich ist, über Sexualität zu sprechen. "Im Elternhaus wurde darüber nicht gesprochen: gar nichts. Jeder mußte sehen, wie er mit seinem Trieb hinkommt. Wir gingen in die ersten Liebesbeziehungen hinein und mußten das alles von A bis Z lernen. Keine Anleitung. Die einzige Kommunikation war die Zote. Beim Militärdienst: Manches habe ich gar nicht verstanden. Dabei haben die Männer gar nichts von sich verraten. Damals hat man über das Sexualverhalten der anderen Männer durch die Frauen erfahren. Wenn eine Frau dankbar auf etwas reagierte, mußte ich schließen, daß andere Männer anderes praktizierten. Männer haben sich Erfahrungen vorgespielt und eigentlich wahnsinnige Angst gehabt: blöde, dumme Lügereien." Viel habe sich da verändert. Allerdings: "Die große Wonne der Wartezeit, der Werbezeit, die war schön." Andererseits: "Ich bin nur sehr langsam aus diesem puritanischen Schuldgefühl herausgekommen. Bis man gelernt hat, daß die Frau den Beischlaf auch will... Ich hatte immer das Gefühl: Jetzt habe ich das Mädchen so wahnsinnig gern, wie eine Prinzessin – wenn sie mein Ansinnen wüßte, sie würde entsetzt sein!" Er lacht und spricht dann über den Schock, wenn eine Frau aktiv und einladend wirkt. Warum gibt es in seinem Werk nur sehr dezente Darstellungen der Sexualität? Warum hat er es nie anders versucht? "Ich habe es natürlich versucht. Aber es ist ganz merkwürdig: Ich komme nicht an meine Erfahrungen heran, schreibend."

Hier telephoniert er. Eben noch hat man mit ihm Hochdeutsch geredet, nun spricht er mit einem Landsmann Schweizerdeutsch. Ein anderer Mensch. Ich habe das Gefühl, eine Intimität zu belauschen, obschon ich kein Wort verstehe. Die Mundart, heißt es in seiner Rede "Die Schweiz als Heimat", halte "das Bewußtsein in uns wach, daß Sprache, wenn wir schreiben, immer ein Kunst-Material ist".

Hier hält er das kleine Büchlein in der Hand, seine Biographie. "Ich habe es inzwischen auch gelesen, nicht ohne eine Flasche Wein dazu." Es folgen ein paar freundliche Worte und die Bemerkung, daß es ihm so leicht wie möglich gemacht werde, seine eigene Vergangenheit zu betrachten. "Daß ich mir dabei sehr gefalle, kann ich nicht behaupten. Sie erraten natürlich die gemischten Gefühle, die man an meiner Stelle hat: Das kleine Bändchen ist abgeschlossen – und was mache ich jetzt?" Eben: ein Klassiker zu Lebzeiten.

Dieses Bild wird es also nie geben: Er hält seine Dankrede in Stockholm. Er ist nicht der einzige, den die Nobeljury vergessen hat, gewiß nicht. Immerhin: Bei einer Umfrage unter deutschen Literaturkritikern, wer den Literatur-Nobelpreis verdiene, stand er im vergangenen Herbst einsam an der Spitze. Für immer: zu spät.

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Hier ein Satz aus "Montauk". "Es ist an der Zeit", heißt es da 1975, "nicht bloß an den Tod zu denken, sondern davon zu reden." Er hat schon viel früher davon gesprochen, gleich nach dem Krieg, in seinem ersten Tagebuch. Der Mensch im Gegensatz zum Tier, das den Tod als zeitloses Ganzes in sich trage – "wir leben und sterben jeden Augenblick, beides zugleich, nur daß das Leben geringer ist als das andere, seltener, und da wir nur leben können, indem wir zugleich sterben, verbrauchen wir es, wie eine Sonne ihre Glut verbraucht; wir spüren dieses immerwährende Gefälle zum Nichtsein, und darum denken wir an den Tod, wo immer wir ein Gefälle sehen ... Erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, daß wir leben."

Hier sieht man ihn, Herrn Geiser, auf dem Rückmarsch. Noch einmal der Aufstieg, noch einmal das Gefälle. Was er auf dem Hinweg schon gesehen hat, sieht er nun von der anderen Seite, manches ist gut zu erkennen, anderes sieht anders aus, an manches erinnert er sich schon nicht mehr. Fast verschätzt sich Herr Geiser. Aber: "Ein Weg ist auch ein Weg in der Nacht." Unterwegs verliert er den Schirm, doch nicht die Taschenlampe, die ist wichtiger. "Solange man geht, ist Erschöpfung fast ein Wohlgefühl in den Adern, und Herr Geiser hat gewußt, daß er sich nicht mehr setzen darf; nachher kommt man nicht mehr auf die Beine." Er schafft es noch einmal, er kommt an, daheim; niemand hat ihn gesehen.

Vor zwanzig Jahren, im "Tagebuch 1966 - 1971", hat er geschrieben: "Es gibt Alterswerke, die mehr sind als nur eine Verlängerung in die Perfektion (Matisse). Sie sind selten." Die letzten Bücher haben diese Perfektion, und sie haben dieses Mehr, es ist nur noch nicht recht wahrgenommen worden. Nicht allein "Montauk", auch "Der Mensch erscheint im Holozän", die Geschichte des Herrn Geiser, ist ein Meisterwerk. Aussparung, Montage, Skizze: Immer sparsamer werden Texte, leiser, scheinbar entrückt.

Hier noch einmal das Photo: Er im Profil, die weißen Haare. Aus dem Programmheft zur Uraufführung von "Jonas und sein Veteran" (der Bühnenfassung des kleinen Buches "Schweiz ohne Armee?"). Er hat es geschickt und an den Rand geschrieben: "Foto so berühmt – ,von einem unbekannten Meister‘, so kommt’s in die Kunst..." Als nach diesem letzten Werk – "Schweiz ohne Armee?" – im vergangenen Jahr noch eine Sammlung all seiner Texte zum Thema Schweiz erschien, sollte es dieses Photo auf dem Titelbild sein und kein anderes. "Schweiz als Heimat?" versammelt Arbeiten aus fünfzig Jahren, Dokumente einer Heimatliebe, die das Land ernst nimmt, weil sie nichts hinnimmt. Am Ende, nicht mehr in diesem Buch, der Satz: "Was mich mit diesem Staat heute noch verbindet: ein Reisepaß." Geschrieben im März 1991.

"Bilder, wahr nur als Bilder": Er, Max Frisch, hat zu zeigen versucht, daß man anders als in Entwürfen und im Spiel der Einbildung ein Leben nicht fassen kann. Er warnte davor, sich ein Bildnis zu machen, von sich und von den anderen. Aber er wußte auch: selbst die Skizze ist eine Festlegung – man kann nur immer wieder versuchen, dem Bild und der Wiederholung zu entfliehen, noch einmal neu anzusetzen.

"Was also kann, so gesehen, eine Biographie überhaupt besagen?" wird in seinem Theaterstück "Biographie: Ein Spiel" gefragt. "Ob eine bessere oder schlechtere Biografie, darum geht es nicht. Ich weigere mich nur, daß wir allem, was einmal geschehen ist – weil es geschehen ist, weil es Geschichte geworden ist und somit unwiderruflich – einen Sinn unterstellen, der ihm nicht zukommt." Max Frisch ist am 4. April in Zürich gestorben, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag.

BOTHO STRAUSS

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Max Frisch gehört nicht zu den Erzählern, die aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit schöpfen, er ist der Epiker der persönlichen Lebenszeit, wie sie mit Eintritt ins Mannesalter zum Problem wird. Ohne dem Augenblick zuviel Ehre zu erweisen, hat er den Stil und die Technik eines besonderen Gewärtigens entwickelt: Wer jemand wann unter Umständen ist oder sein könnte. Ein solches zeitliches Plasma muß man mit möglichst wenigen, möglichst genauen Treffern erwischen, es läßt sich nicht suchen und finden, umkreisen oder beschwören wie die sogenannte Vergangenheit. Unvermeidlich ist es das Schicksal des Gegenwartsautors, daß er und sein Gegenstand nicht gemeinsam altern. Das Eigenleben der einmal von ihm geschaffenen Formen und das schnell veränderliche, allgemein für Gegenwart gehaltene Gebild verlieren irgendwann die wenigen Berührungs- und haftenden Stellen und streben auseinander.

Das Stoffliche und das Problematische: Der (einst) moderne Mensch zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen technischer Rationalität und dem "Irrationalen" – dergleichen Gegensätze haben sich mittlerweile in ein höheres Problematisches aufgelöst. Der engagierte Autor erscheint nicht mehr so sehr weit entfernt vom geistigen Biedermann und die Parabel von diesem selbst kommt offenkundig aus einem literarisch vorkybernetischen Zeitalter der szenischen Modellbauer und Mechaniker. Nein, nicht der Gegenwartsautor wächst, sondern der Autor von Gegenwart. Wenn die große Speichermaschine, die sich uns immer tiefer einbildet, mit den Zeiten umspringt, als wären nicht Tote von den Lebenden getrennt, wenn das Hier und Jetzt gänzlich unsicher und vom Archiv nicht zu unterscheiden ist, dann wird dieser Erzähler von Biographie allein schon "historisch" verblüffen und vielleicht den Künftigen behilflich sein bei der Suche nach ihrer Gegenwart.

HELMUT SCHMIDT

Heutzutage müssen Regierungschefs vielerlei Auslandsreisen absolvieren. Wenn es sich nicht um kurze Arbeitsbesuche handelt, sondern am Besuchsort etwas Zeit zur Verfügung steht oder wenn gar außerdem der Flug lange dauert und man deshalb die Chance zu ruhigen Gesprächen hat, so lädt man gern einige Freunde ein – allerdings nicht nur, um von ihnen zu lernen, sondern auch, um den Gastgebern das eigene Land wesentlich breiter darzustellen als nur durch die eigene Person und die begleitenden Beamten. Deshalb habe ich oft herausragende Unternehmer und Gewerkschafter eingeladen und ebenso hervorragende Geister unseres Volkes.

Es war 1975 nicht gerade konsequent, zu einer Reise zu Mao und Deng nach Peking einen Schweizer einzuladen. Aber ich hatte Max Frisch in den dreißig Jahren seit Kriegsende immer als einen deutschen Schriftsteller empfunden, hatte einige seiner Romane gelesen und einige Aufführungen seiner Theaterstücke miterlebt, ich verdankte ihm Anregung, Belehrung und Unterhaltung zugleich. Ich erinnerte mich an einen seiner Titel, nämlich "Die chinesische Mauer", und dachte, es werde ihm Freude machen, diesseits der Metapher die reale, historische Mauer zu sehen. Auf dieser Reise – gemeinsam mit dem Physiker-Philosophen von Weizsäcker, dem Bayer-Chef Grünewald und dem Gewerkschaftsvorsitzenden Sperner – haben wir etwas von China, vom Befehlskommunismus der blauen Ameisen und ebenso von der enormen, Respekt gebietenden Kulturgeschichte des Reiches der Mitte begriffen. Und auf Hin- und Rückflug haben wir miteinander über China und die Welt, über Gott und die Literatur geredet.

Ich fühlte mich zu Frisch hingezogen, es entstand eine Freundschaft aus der Distanz zwischen dem humanitären Moralisten, dem Schreiber Frisch, der ein idealistischer, wenngleich resignativ gestimmter Sozialist war, und dem praktisch handelnden sozialdemokratischen Bundeskanzler. Frisch war ein unerbittlicher Kritiker von "bürgerlicher" Selbstzufriedenheit, von Anmaßung, von Organisation und Bürokratie, von Zwang und Vermassung, ein Kritiker der Unvollkommenheiten demokratischer Politik – ein Individualist. Ein wenig später bewog ich Willy Brandt und meine Kollegen in der sozialdemokratischen Parteiführung, Frisch als Gastredner zu unserem Bundesparteitag einzuladen. Er gab uns – jenseits von jedweder ideologischen Fixation – Akzente und Nuancen, wie sie seit Carlo Schmid auf Parteitagen der SPD kaum mehr vorkommen.

Ansonsten hat es danach nur noch flüchtige Grüße und Briefe gegeben – mit einer mir unvergeßlichen Ausnahme. Während der Entführung von Hanns-Martin Schleyer und eines Lufthansa-Flugzeugs voller Menschen durch die Terroristen der sich selbst so nennenden Rote-Armee-Fraktion und inmitten aufgebrachter, aufgeregter und aufwühlender öffentlicher und parlamentarischer Diskussion gab es eines Nachmittags im Kanzler-Bungalow ein langes privates Gespräch. Es drehte sich um die gesellschaftlichen und die seelischen Ursachen der Entgleisung junger, ideologisch verblendeter Extremisten in das organisierte Verbrechen. Versammelt waren Frisch, Böll, Lenz, Grass, Unseld und zwei meiner Ministerkollegen. Ich hatte wenig Schlaf gehabt, meine Nerven waren angespannt wie nie zuvor; denn Bundesregierung und Oppositionsführung hatten an diesem Tage gemeinsam die letzten Vorbereitungen zu treffen für den Befreiungsversuch, der dann in der Nacht des gleichen Tages unter Wischnewskis Führung in Mogadischu/Somalia zum Erfolg führte.

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Natürlich durfte ich meinen Gästen davon nichts sagen oder andeuten. Wir führten also unser Gespräch in einer kontemplativen Pause – so mußte es wohl den Schriftstellern scheinen; der Gastgeber selbst aber war innerlich zutiefst nervös und hatte mittags noch erwogen, das schon seit einigen Tagen verabredete Treffen abzusagen. Aber dann brachte mich unsere Diskussion schrittweise zur Ruhe; die Schriftsteller sprachen behutsam, zum Teil in Ergänzung und zum Teil im Widerspruch zueinander.

Am stärksten hat mich an jenem Tage Max Frisch beeindruckt. Er hat wenig gesagt; aber ich habe – vielleicht nur zwischen den Zeilen seiner Beiträge – von ihm verstanden, daß man erkennen muß: Es gibt zwischen unseren Hoffnungen, unseren Sehnsüchten, unseren Plänen und Zielen einerseits und andererseits der Realität einen Gegensatz, den wir nicht beheben können. Wir müssen bereit sein, den Gegensatz zu ertragen und mit dem Widerspruch zu leben. Frisch konnte nicht wissen, wie sehr sein eher abstrakter Zuspruch mir in meiner konkreten Situation hilfreich war.

Als ich später sein Buch "Montauk" las, mit all der Traurigkeit über Verlust und Ende, habe ich gedacht: Max Frisch, deine Maxime bleibt richtig, sie ist aber kein Grund zur Resignation. Und kein Grund zur Einsamkeit, denn deine Freunde bleiben dir.

Doppelter Max: So heißt eine Radierung, die Mitte der siebziger Jahre entstand. Vorher hatte ich rasch, weil ungewiß, wie lange er stillhalten würde, Max Frisch skizziert, ihn, der Bildnisse scheute und sie gleichwohl machte, um sie durch Gegenbildnisse aufzuheben. Wie bei den Skizzen konzentrierte sich im Format der Kupferplatte der Strich auf das Dreieck Augen, Nase, Mund, in dem die streng- und schwergefaßte Brille den Blick vor Annäherungen zu schützen hatte; und auch die Pfeife sollte vom Mund und der kurzen, gestülpten Nase ablenken.

GÜNTER GRASS

So viel Vorsicht und Bedürfnis nach Distanz. Das Ich zentralgesetzt und zurückgenommen. Doch keine Abwehr half. Das verfremdete Dreieck zwang mich zum Hinsehen und bot mir gleichzeitig auflösende Spielversuche an: Um seinem Thema, der fraglichen Identität, zu genügen, gab ich der einen, fest mit ihm verwachsenen Pfeife freischwebend die andere dazu. Als Max Frisch – damals zeitweilig wohnhaft in Berlin-Friedenau – meine Werkstatt besuchte, um den ersten Andruck der Ätzradierung zu sehen, nahm er das Blatt zur Kenntnis, mehr nicht. (Später aßen wir gut in Ossie Wieners "Exil" und tranken und redeten viel.)

Das war eine seiner Vorbedingungen für freundschaftlichen Umgang: die mit ihm geteilte, schonungslose, nie zu befriedigende Lust an Fragesätzen. Und das bis gegen Schluß, als ihm, dem unerbittlichen Demokraten, die Demokratie fragwürdig wurde, weil sie, zum Dogma erstarrt, nur ihren Besitzstand noch repräsentierte, unfähig geworden, sich den Problemen unserer Zeit, das heißt Fragesätzen zu stellen.

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Mitte der fünfziger Jahre begegnete ich Max Frisch in Zürich. Mit meinen 26 Jahren war ich unverschämt genug, ihm sogleich Szenen aus einem Theaterstück vorzulesen. Daß wir dennoch im Gespräch blieben, erklärt sich zum Teil aus seiner nicht zu irritierenden Kollegialität, die den Altersunterschied aufhob und Respekt nur in Form sachbezogener Kritik akzeptierte. Der andere Teil mag sich aus wechselseitiger Neugierde auf den jeweils fremd bleibend anderen ergeben haben. So konnte zeitweilig Nähe entstehen. Einander treffen, das schloß den Aufprall nicht aus: in Berzona und Zürich, wo er latent aggressiv die Schweiz ertrug; in Berlin, wo er sich von der Schweiz erholte, ohne sie aus dem Blick zu lassen. Zur praktischen Nutzung orientierte Fluchtpunkte. Vorsätzlich unterwegs. Ein sich selbst vertreibender Flüchtling mit Neigung zur Seßhaftigkeit.

Der doppelte Max. Die eine Seite ist bekannt, weil er sie preisgegeben hat: seine Strenge, seine das Handwerk betonende Arbeitsmoral, gültig bewiesen auf hell ausgeleuchteter Schreibfläche, seine lebenslange Widerrede gegen den wendesüchtigen Zeitgeist, seine Bücher und Stücke, die meiner Generation unumgänglich gewesen sind. Die andere Seite, die hinter Requisiten verborgen bleiben sollte, war dennoch (gelegentlich) zu erkennen. Der Tagträumer, plötzlich aufspringend: als Mann mit der Axt. Der das Wort Freundschaft scheuende Freund. Der Zuhörer in Notzeiten. (Ich vermute, daß niemand so geduldig und liebevoll dem kranken Uwe Johnson zur Verfügung gewesen ist wie Max Frisch.) Mir hat er, neben vielem, aus langer Rede einen leicht stotternd, deshalb wiederholt gesprochenen Satz als Rat hinterlassen: nicht weise werden, zornig bleiben.

MARTIN WALSER

Als ich einmal in den achtziger Jahren in Klothen in der DC 10 endlich bei meinem Sitz ankam, sah ich, daß eine Reihe vor mir Max Frisch sitzen würde. Samt Alice. Während ich noch lauter und naiver, als ich wollte, den Zufall pries, merkte ich an Max Frischs geradezu asiatischem Lächeln, daß er der Meister dieses Zufalls war. Er hatte im Verlag erfahren, daß wir beide mit derselben Maschine nach New York fliegen würden, dann hat er uns von der Swiss Air in die Zweierreihe hintereinander setzen lassen. Ich fand mich gleich an den Anfang des Schriftstellerdaseins zurückversetzt, als ich noch glaubte, Schriftsteller seien besonders freundschaftsfähige Menschen. Max Frisch gelangen öfter solche Überraschungsgesten. Vielleicht mußte er auch sich selbst beweisen, daß er zu Freundschaftshandlungen imstande war. Wer wie Max Frisch falsche Töne weder produzierte noch akzeptierte, kann nicht ununterbrochen freundschaftlich sein. Aber acht Stunden lang schon. Frischs Ausstrahlung: Bitte, nichts Direktes. Wenn Empfindung, dann eine, die durch Gegentonbeimischung vor wohliger Genießbarkeit sicher war. Was er sagte, sagte er, als prüfe er, ob man das so sagen könne. Er war das Gegenteil von geistreich oder schlagfertig. Aber er produzierte andauernd Geistesgegenwart. Das ist eine Art Seinsschärfe. Ein Anspruch. Formal, nicht inhaltlich. Ich fürchte, er konnte auch Bewunderung nur auf seinem eigenen Genauigkeitsniveau akzeptieren. Nicht abschließend und positiv, sondern experimentell. Ein Gespräch wurde dann zu einem Sprach-Schachspiel. Also alles andere als direkt. Aber nie systematisch. Am liebsten riskant. Auf diese Art kam man ziemlich weit. Zum Beispiel von Zürich nach New York.

LUCIUS BURCKHARDT

In einem Zeitraum von nur vier Monaten hat die Schweiz ihre zwei großen Mentoren verloren. Beide waren sie notwendig für die geistige Hygiene ihres Landes, der betont unpolitische Friedrich Dürrenmatt und der immer politische Max Frisch. Die Schweiz steckt bekanntlich in einer moralischen Krise, die ausgelöst worden ist durch die Entdeckung, daß die Landesregierung insgeheim ein gutes Fünftel der aktiven Bevölkerung als potentielle Landesverräter registrieren und beobachten ließ. Der Inhalt von Frischs Karteikarte ist inzwischen bekannt; sie enthält Informationen, die nur durch das Anzapfen von Telephonleitungen zu bekommen waren, andererseits aber auch Offenkundiges: So ist die Annahme des Friedenspreises in der Paulskirche zu Frankfurt aufgelistet, als sei sie ein Akt des Landesverrats.

Mitten in dieser Geheimdienst-Misere soll nun 1991 freudig das 700jährige Jubiläum der ältesten Demokratie gefeiert werden. Die Zumutung, bei diesen Feiern mitzuwirken, lehnte jeder der beiden Dichter auf seine Weise ab: Dürrenmatt in stolzer Defensive, indem er verlauten ließ, er engagiere sich ohnehin nirgendwo, weder bei den Feiernden noch bei jenen, die die Feier boykottierten. Frisch aber solidarisierte sich mit den Verweigerern und benützte den Anlaß für eine Auseinandersetzung mit einer Heimat, die ihn seit nunmehr 35 Jahren bespitzelt. Das erinnert an eine Begebenheit, die ebenfalls 35 Jahre zurückliegt. Damals leitete der Schweizerische Bundesrat erste Schritte ein zur Planung einer Landesausstellung, die im Jahre 1964 stattfinden sollte. Zwei damals Junge, Markus Kutter und ich, wollten demgegenüber vorschlagen, daß man anstelle einer schweizerischen Landesausstellung einen Akt der Raumordnung tun solle und, als Alternative zur vorstädtischen Zersiedelung, eine neue Stadt gründe. Natürlich trugen wir diesen Gedanken unseren beiden älteren Freunden und Vorbildern vor, und Dürrenmatts belustigte Reaktion war: Die Schweizer, die eine Stadt bauen; was ist doch das für ein schöner Stoff für ein Lustspiel!

Frisch aber ging auf uns ein und sagte: Eure Idee ist gut; aber was ihr da geschrieben habt, das wird kein Mensch lesen. Gib mal her! – und er entschwand mit dem dicken Konvolut, dem ich ein ganzes Semester geopfert hatte. Nach wenigen Wochen hatte er dann ein Manuskript verfaßt, das wir 1955 unter dem Titel "achtung: die Schweiz" gemeinsam veröffentlichten. Das kleine Buch schlug sogleich große Wellen. Frisch hatte bewirkt, daß in der Schweiz, die direkt und ungebrochen von der kriegsbedingten Zensur zum Konformismus des Kalten Krieges des Eisenhower-Adenauer-Jahrzehnts übergegangen war, wieder über Sinn und Inhalte staatlicher Tätigkeit, über Politik also, geredet und geschrieben wurde.