Der neueste Therapietrend aus Amerika: Schreiben Sie Tagebuch! Lesen Sie Bomane!

Wir haben es immer vermutet. Literatur dient der Erbauung. Romane sind Seelennahrung. Oft genug haben wir uns mit einem Buch zurückgezogen, um uns am Spiel von Form und Sprache zu ergötzen – und unversehens fühlten wir uns angesprochen, durch das Schicksal der Romanhelden, durch deren Ansichten und Erfahrungen, kurz: durch den Inhalt! Wir fanden etwas wieder, was wir selbst erlebt und erlitten hatten, ja, wir fühlten uns im Lesesessel plötzlich wohler als draußen im Leben, fühlten uns erkannt und verstanden. Endlich einmal! Durfte das sein?

Und manchmal, wir gestehen es, wenn auch das nichts half, wenn die Rüge des Chefs, die Unfreundlichkeit eines Kunden, die Ermahnung des Ehepartners, die Selbstanklage (wieder zuwenig Zeit für das Kind!) nicht aus dem Kopf wollten, haben wir das Tagebuch hervorgeholt und dem treuen Begleiter aus Adoleszenztagen alles anvertraut. Auch das tat gut. Darf man das?

Man darf – und liegt sogar einmal voll im Trend.

In Amerika wurde soeben eine sensationelle Entdeckung gemacht: Lesen und Schreiben ist die beste Therapie. Vergessen Sie den Psychoanalytiker! Kaufen Sie sich ein Buch mit leeren Seiten oder einen Skizzenblock – rät Lucia Capacchione, die in Kalifornien Kurse über das „Kreative Tagebuch“ anbietet und auch ein Werk unter diesem Titel veröffentlicht hat.

Während einer langen Krankheit war sie an die Tagebücher von Anaïs Nin geraten und schwärmt noch heute davon. „Es hat mein Leben gerettet. Ich wußte nichts über mich. Ich fragte mich ständig: Was will ich eigentlich auf diesem Planeten? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen?“ Und sie erkannte: „Tagebuchschreiben, die Idee, über das eigene Leben zu reflektieren, ist äußerst wertvoll.“

Lucia Capacchione steht nicht allein. Amerika im Tagebuchrausch. Landauf, landab werden Wochenendseminare und Fernkurse angeboten, die vorgeben, den richtigen Weg zur Selbsterkenntnis und Selbsttherapie zu weisen. Einer der ersten, die solche Seminare veranstalteten, war Ira Progoff, ein Schüler – wie er betont – von C. G. Jung. Seit Mitte der sechziger Jahre, so behauptet er, hätten mehr als eine viertel Million Amerikaner sein „Intensiv-Tagebuch-Verfahren“ kennengelernt. Er hat diesen Namen („Intensive Journal Process“) als Warenzeichen registrieren lassen.