Unter dem Eindruck des nicht abreißen wollenden Flüchtlingsstroms hat sich die Uno am vergangenen Wochenende schließlich zu einer Verurteilung der „Unterdrückung der irakischen Zivilbevölkerung“ durchgerungen. Der Massenexodus bedrohe „den internationalen Frieden und die Sicherheit in der Region“, so die Begründung, mit der der Sicherheitsrat die Nichteinmischungsklausel der Uno-Charta umschiffte, ohne sie zu brechen, und – ein Präzedenzfall in seiner Geschichte – zu inneren Angelegenheiten eines Mitgliedstaates Stellung bezog.

Beißende Kritik einflußreicher amerikanischer Kolumnisten, allen voran des konservativen New York Times-Essayisten William Safire, der Bush „moralisches Versagen“ vorwarf, hat inzwischen auch den amerikanischen Präsidenten bewogen, Flagge zu zeigen: „Falls Saddam die Uno-Entschließung ignorieren sollte – und davon gehen wir aus –, könnten wir einzelne Gebiete zu Sicherheitszonen für Flüchtlinge erklären und ihm jede militärische Aktion in diesen Gebieten untersagen“, ließ ein hoher US-amerikanischer Regierungsbeamter im Anschluß an die Verabschiedung der Uno-Entschließung verlauten. „Sollten sie dennoch weiterhin angreifen, dann pusten wir sie weg.“ Schutzgebiete unter Aufsicht der Uno im Norden des Irak, so auch der Vorschlag des britischen Premierministers John Major an die Europäische Gemeinschaft, sollten notfalls mit Waffengewalt gegen den irakischen Diktator ertrotzt werden.

Von allen Seiten bedrängt und in die Enge getrieben, haben sich zwei Alliierte gefunden, die seit Jahrzehnten gespalten und verfeindet waren. Die irakische Kurdistan-Front und die türkische PKK. „Sie meinen, die Revolution ist am Ende?“ fragt ein türkischer Kurde, dessen Bruder, ein Widerstandskämpfer im Irak, sich das Leben nahm, um nicht heranrückenden regierungstreuen Truppen in die Hände zu fallen. „Aber sie beginnt doch erst. Wir müssen die getöteten Kinder rächen. Und was ist ein Leben ohne Land?“

Gemeinsame Guerillaaktionen zwischen Abdullah Öcalans Truppen und den irakischen Peschmergas sind angelaufen. Erste Hilfsaktionen für die kurdischen Flüchtlinge wurden von ihnen organisiert. Hatte der ehemalige türkische Ministerpräsident und Sozialdemokrat Bülent Ecevit noch vor einem Jahr zynisch gefordert, die kurdische Guerrilla „wie eine Fliege auszumerzen, um einen zweiten Libanon zu verhindern“, so kommen solche Rezepte jetzt offenbar zu spät. Die kurdische Libanisierung hat bereits begonnen. •

Mitarbeit: Ömer Erzeren,

Kuno Kruse und Beate Seel