Von Friedhelm Gröteke

Am 3. April um 7.30 Uhr nahmen zwei Patrouillen der Mailänder Stadtpolizei, insgesamt acht Mann, ihren Ordnungsdienst in der Nähe des Hauptzollamtes auf. Gegen Mittag fuhren sieben von ihnen mit Blaulicht davon – auf Notpritschen ins Krankenhaus. Der Befund im Hospital der Barmherzigen Brüder lautete: Vergiftungserscheinungen durch Einatmen von Autoabgasen. Übelkeit, Augenbrennen und Gleichgewichtsstörungen brachten den am meisten lädierten Ordnungshüter für eine Stunde ans Sauerstoffgerät.

Schon vor zwei Jahren hatte die Mailänder Verkehrspolizei Alarm geschlagen. Untersuchungen bei 400 Stadtpolizisten hatten ergeben, daß fast alle einen übermäßig hohen Anteil von Blei im Blut hatten. Die Ärzte stellten außerdem fest, daß vor allem viele Beamte, die an Kreuzungen und Absperrungen den Verkehr regeln, unter Atembeschwerden und Schwerhörigkeit leiden. Doch die Mailänder Stadtverwaltung hat bisher nichts getan, um die Arbeitsbedingungen der Verkehrshüter zu bessern.

Die Giftgase in der Mailänder Luft sind ein alltägliches Phänomen. Sie bewirken, daß jeder zweite Mailänder an Beschwerden der Atmungsorgane leidet und daß Erkältungen häufig chronisch werden. Und sie sind vielleicht ein Grund dafür, daß die Bewohner der Stadt überdurchschnittlich häufig an Krebs erkranken.

Während andere Metropolen wie etwa London den Smog in den vergangenen Jahren zurückdrängten, nimmt Mailand – immerhin eine der reichsten Städte der Europäischen Gemeinschaft – den Kampf gegen die Luftverpestung erst jetzt auf. Erst seit kurzem wird der Anteil von Kohlenmonoxid und Stickoxid an verschiedenen Stellen der Innenstadt überhaupt gemessen. Bis dahin hatte man die durchschnittlich 800 Nebelstunden im Jahr und die damit verbundene Mixtur von Verkehrs- und Fabrikabgasen, von Heizungs- und Kraftwerksemissionen als schicksalhaftes Los hingenommen. Nun wissen die Mailänder wenigstens, daß ihre dicke Luft zum Übelsten gehört, was Stadtbewohner zwischen Los Angeles und dem Kohlenpott atmen müssen. Verkehrsabgase sind zur Hälfte daran schuld.

Der italienische Staat hat bis jetzt weder für die Lärmbelästigung noch für die Luftverschmutzung verbindliche Grenzwerte festgelegt. Die Region Lombardei, deren Hauptstadt Mailand ist, füllte diese Lücken inzwischen mit eigenen Anordnungen aus. Als Alarmgrenze bei Lärm gelten danach siebzig Dezibel. Sie werden in den engen hohen Straßen des Zentrums freilich fast jeden Tag überschritten. Gegen Störenfriede geht die Polizei gleichwohl äußerst selten vor. Selbst die Stadtverwaltung reagierte nicht, als sich Bewohner der City in einer gemeinsamen Eingabe darüber beschwerten, daß die Schleifwagen der U-Bahn gewohnheitsmäßig zwischen ein Uhr nachts und fünf Uhr früh mit Höllenlärm die Schienen entlangquietschen.

Gegen die Luftverschmutzung kämpfen die lombardischen Politiker seit einigen Monaten mit den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation an. Danach ist die erste Alarmstufe erreicht, wenn die "Prüfstellen für Schutz und Hygiene" 10 Mikrogramm Kohlenmonoxid, 250 Mikrogramm Schwefeldioxid und 200 Mikrogramm Stickoxid in einem Kubikmeter Luft registrieren. Diese Werte wurden in den vergangenen Monaten im Stadtgebiet einige Male um das Doppelte und Dreifache überschritten. Kein Wunder, denn bis jetzt ist der Katalysator für Mittel- und Kleinwagen in Italien noch nicht eingeführt.

Abhilfe versprach sich die Verwaltung von einem Verkehrssplitting innerhalb des Stadtgebiets. Dreimal verordnete sie während des vergangenen Winters, daß täglich abwechselnd entweder nur Autos mit gerader oder ungerader Nummer fahren durften. Viele Italiener torpedierten freilich die Umweltschutzmaßnahme. Findige Fahrer überklebten einfach alle zwei Tage die letzte Ziffer. Ins Zentrum der Stadt dürfen seit langem sowieso nur noch Autos fahren, die entweder eine Sondererlaubnis haben, aus dem Ausland oder aus anderen Regionen Italiens kommen. Doch auch das wissen lombardische Autobesitzer zu umgehen. Hinter vorgehaltener Hand tauschen sie Informationen darüber aus, ob es billiger sei, sich in Neapel oder in Genua eine neue Zulassung zu besorgen.

Unbeschadet der zahlreichen Tricks fließt der Verkehr im abgesperrten Stadtzentrum Mailands reibungsloser. Die allgemeine Verkehrsbeschränkung verringerte wenigstens in zwei der drei vergangenen Smogperioden die Luftvergiftung. Aber ein Grundübel bleibt: Die Stadt ist durch parkende Autos chronisch verstopft. Mailand hat fast keine Parkhäuser und unterirdische Parkgaragen. Täglich strömen zusätzlich zum lokalen Verkehr aber eine Viertelmillion Autos in die Stadt. Sie besetzen, seit sie aus dem Zentrum verbannt wurden, die Gehsteige und Straßen der Außenbezirke. Infrastruktur und Leistung der öffentlichen Verkehrsmittel aber hinken mindestens ein Jahrzehnt hinter dem Bedarf zurück. Von einer Million Pendler sind deshalb viele auf das Auto angewiesen.

Die Verkehrsmisere war vorauszusehen. Daß sie Mailand jetzt zu ersticken droht, hat auch politische Gründe. Im Jahrzehnt des Linksextremismus zwischen 1970 und 1980 hatte der politische Druck auf die Stadtverwaltung und die Wirtschaftsinstitutionen zum Ziel, möglichst alle, auch die unrentablen industriellen Arbeitsplätze in den Randbezirken Mailands zu erhalten. Dort sollte ein mächtiges Proletariat, eine linke Säule der "arbeitenden Klasse", unter allen Umständen weiterbestehen. Dagegen legte die sozialkommunistische Herrschaft der Stadt keinen besonderen Wert auf eine Entwicklung der City als italienisches Finanzzentrum. Börse, Messe, Banken, Versicherungen oder Public-Relations-Büros galten als liberale Faktoren, die möglichst nicht noch verstärkt werden sollten. Da allerdings Mailand als die "internationalste" Stadt Italiens und als Wirtschaftsmetropole des Landes eine natürliche Anziehungskraft auf diese Dienstleistungsbereiche ausübte, eroberten Banken und Börsianer die Innenstadt spontan durch ihre Finanzkraft. Die Schäden dieses Wildwuchses sind unübersehbar.

Obwohl nun der politische Wind grundsätzlich anders weht und die sozialistische Partei inzwischen mit den Grünen eine Koalition eingegangen ist, wird das Chaos nicht gebannt. Auch die Umweltschützer sperren sich gegen den so lange vernachlässigten Bau von Tiefgaragen im Stadtzentrum. Ihr Argument: Je mehr Parkplätze die Innenstadt biete, desto mehr Autos kämen herein.

Die Stadtregierung, die in diesen Tagen recht wacklig geworden ist, will wichtigste Dienstleistungszentren an den Stadtrand und ins Umland verlegen, um so die Lebensqualität in der Metropole zu verbessern. So soll der Flugplatz Mailand-Linate, nur sieben Kilometer von der Stadt entfernt, künftig alle internationalen Flüge an den Flughafen Malpensa abgeben, der 45 Kilometer nördlich von Mailand liegt. Linate zählt jährlich acht Millionen Passagiere. Malpensa wird als internationale Drehscheibe Norditaliens zwölf Millionen Fluggäste im Jahr haben. Dieser Flugplatz liegt außerhalb der Nebelzone und soll von 1993 an Linate entlasten.

Das Datum fällt mit dem Beginn des europäischen Binnenmarktes zusammen. Bis dahin soll auch das Hauptzollamt aus dem Stadtgebiet verlegt werden. Da in Mailand vierzig Prozent aller Ein- und Ausfuhren Italiens verzollt werden und dafür täglich tausend Lastwagen in die Stadt rollen, stellt das Zollamt eine besondere Belastung für den Stadtverkehr dar. Vor 35 Jahren war der erste Plan zur Verlegung dieser Behörde fertig. Aber keine Gemeinde im Umland will den Zoll aufnehmen. Es fehlt noch immer eine institutionelle Zusammenarbeit zwischen Mailand und den Gemeinden im Einzugsbereich der Stadt.

Die Stadt Mailand zählt heute 1,5 Millionen Einwohner, 300 000 weniger als noch vor zwanzig Jahren. Wer kann, entflieht auch dem äußeren Dunstkreis der Stadt und siedelt sich mindestens sechzig Kilometer weit nördlich, außerhalb der Smog- und Dunstzone, an, die das "italienische Ruhrgebiet" mit seinen sechs Millionen Einwohnern fast ständig überdeckt. Gelingt es dem einzelnen, wenigstens in der Freizeit bessere Luft zu atmen – die Umweltnöte dieses Industriezentrums am Rand der Alpen lassen sich so nicht lösen. Die Region versucht deshalb gerade jetzt wieder einmal, die Gemeindeverwaltungen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenzubringen. Staatliche Regeln dafür sind vor kurzem verabschiedet worden.

Bisher haben die Lockrufe der Regionalregierung freilich nichts genützt. Die Bürgermeister des Umlandes, die vorwiegend christdemokratische Lokalverwaltungen repräsentieren, wehren sich gegen den "roten" Koloß in ihrer Mitte. Eine Gruppe von Gemeinden im Süden der Provinz Mailand unter Führung des historischen Erzfeindes, der Stadt Lodi, hat bereits die Abspaltung einer eigenen Provinz durchgesetzt. Im Norden sind derzeit dreißig Gemeinden dabei, eine weitere neue Provinz Olonia auszurufen.

Das Flüßchen Olona, das durch diese Zone fließt, ist neben dem ähnlich unscheinbaren Lambro die größte fließende Kloake des Landes, noch ehe sie überhaupt Mailand erreicht. Auch die Metropole selbst hat immer noch keine Kläranlage.

Der Unrat von Millionen Haushalten und Hunderttausenden von Betrieben wird teils in Branddeponien außerhalb der Stadtgrenzen abgeladen, teils mit der Olona und dem Lambro in den Po und damit in die Adria gespült – wie in den Stadtungetümen der Dritten Welt.

Zwar gibt es seit mehreren Jahren ein großes Sanierungsprogramm für den Lambro. Dabei sollen sieben Milliarden Mark investiert werden. Die Aufträge aber werden nach politischen Gesichtspunkten vergeben: ein wichtiger Grund dafür, daß bisher noch nichts geschehen ist.

Skandale, Bestechungsaffären und Fehlplanungen ranken sich auch um die Beseitigung von Müll, die Anlage von Deponien, die Schaffung von Parks – Mailands Einwohner gehören mit einem Grünflächenanteil von wenig mehr als zwei Meter zu den europäischen Großstädtern mit der geringsten Aussicht auf Natur. Und auch die statistischen Daten, nach denen in Mailand die meisten Diebstähle Italiens stattfinden und die meisten Drogenabhängigen sowie Aids-Kranken vegetieren, bieten allenfalls Hinweise darauf, wie sehr dieses Zentrum zu einem Moloch degeneriert ist.

Bis vor wenigen Jahrzehnten galt Mailand als die capitale morale, die heimliche moralische Hauptstadt des Landes. Heute klagen selbst die Mailänder täglich darüber, daß es damit vorbei ist. Zwar sind sie noch immer stolz auf die Stellung ihrer Stadt als Kultur-, Wirtschafts- und Finanzzentrum. Darin ist Mailand mitteleuropäische Spitze. Aber die Infrastrukturen der Metropole gleichen denen eines Entwicklungslandes.