Ein Herr, der reglos unter den Laubbäumen beim Hoftor stand, nähert sich mir. Mit geheimniskrämerischer Stimme spricht er mich an: „Das müssen Sie sehen, es sind wahrhaftig Schmetterlinge.“ Er führt mich unter die Bäume. Dort ist es düster. Doch schnell gewöhnt sich das Auge. Und da sind sie! Groß wie Menschenhände. Dunkelgolden. Mit gespreizten Flügeln haften sie am Blattwerk. Lautlos schwebt einer davon, ein zweiter. Die anderen verharren. „Phantastisch“, murmelt mein Zufallsbegleiter. Wenig später erfahren wir, daß die Schmetterlinge Überbleibsel einer einstigen Seidenraupenkultur auf Herberstein sind. Ich werde die Dunkelgoldenen, einschließlich ihrer königlichen Umgebung, nie vergessen.

Das kleine Renaissanceschloß Stubenberg liegt unmittelbar an der Ortsstraße. Man hält auf dem Parkplatz, geht um die Ecke und ist schon im Schloßzentrum. Im winzigen Innenhof spielen Kinder, jagen durch den sonnenblumengelben Säulentrakt. Es sind nicht etwa Sprößlinge der noch heute existierenden Stubenberger, die bereits im 13. Jahrhundert das bedeutendste steirische Adelsgeschlecht bildeten. Diese Kinder und ihre Eltern verleben ihren Urlaub in den Ferienunterkünften des rustikalen Schlosses. Kurse in künstlerischer Keramik finden statt, Konzerte im Galeriesaal, Theater wird im Hof gespielt, und im Stubenberger See kann man angeln.

Vom kleinen zum großen Schloß. Im palastartigen, barocken Prunkbau Schielleiten ist die Bundessportschule Österreichs untergebracht. Wer jappende Jogger, prustende Schwimmer, Fußballer und Tennisspieler beobachten will, kann dies im 43 Hektar umfassenden Sportareal im Schloßpark tun. Er kann sich auch zu einem Trainingskurs anmelden und im Schloß oder in den Dependancen wohnen. Ich jedoch werde keinen Gebrauch von diesem Freizeitangebot machen, weil ich nicht rennend, mit heraushängender Zunge, friedliche Parkbesucher erschrecken möchte. Die bloße Vorstellung wird mich stets an Schielleiten erinnern.

Unweit der Autöbahnabfahrt Sebersdorf/Bad Waltersdorf liegt, auf einem bewaldeten Steilhang versteckt, Schloß Obermayerhofen. Seit 1717 gehört es der Grafenfamilie Kottulinsky; seit 1985 ist es auf Hochglanz getrimmtes Schloßhotel. Im 20 000 Quadratmeter großen Park kann sich jeder aufhalten. Jeder auch kann die Kunst des Küchenchefs im Restaurant würdigen. Folgt er jedoch weiter dem Weg zum Schloßportal, bemerkt er ein Schild mit dem Hinweis, daß hier der Bezirk der Hotelgäste beginnt; um, Ruhe wird gebeten.

Von dieser Stelle aus führt mich Harald Graf Kottulinsky durchs Schloß seiner Väter. Der wunderliche, weil unregelmäßig angelegte Arkadenbau demonstriert die Architektureigenwilligkeit früherer Zeit. Auf den Balustraden wippen feuerrote Geranien. Blütenblätter wirbeln auf den Rasen nieder.

Über eine Freitreppe steigen wir zu den Innenräumen empor. Die Türen der einzelnen Gästezimmer und Appartements weisen bekrönte Messingschilder auf. Jeder weiß nun, daß er sich in einem Schloß befindet. Die Schilder zeigen nicht etwa ordinäre Zimmernummern, sondern Namen von adelsherkunftlicher Bedeutung: „Waldstein“, „Radziwill“, „Jacomini“. Das „sehr gewöhnliche Ansinnen, Platz zu sparen“ (Prospekt) fand in Obermayerhofen keinerlei Beachtung. Allein die Badezimmer – pardon, Badegemächer – bieten Raum für eine Party. Es gibt Wannen, die an Suppenterrinen erinnern. Dem überwältigten Betrachter wird klar: Zur Säuberung des Leibes benutzt man den Gartenschlauch oder die Pumpe im Hof; danach erst läßt man sich zur reinen Wonne in die schillernden Kachelkreationen gleiten.

Und dann? Dann geht man ins Bett. Aber nicht, um zu schlafen. Schlafen wäre Sünde. Unter diesen Spitzen- und Samtbaldachinen, die das Lager überwölben, greift man zu entsprechender Lektüre. Etwa so: „Die Tür öffnete sich. Der Graf trat ins Zimmer. Sein Nachthemd umwallte ihn. Er näherte sich dem Bett. Endlich, flüsterte er und...“