Von Hansjakob Stehle

Die romantisch-nostalgische Klage im Tagebuch eines Mannes, der vor genau hundert Jahren starb, klingt überraschend aktuell: „Die Verzerrung Roms ist greuelvoll, der wunderbare Zauber der Geschichte ist der modernen Bauspekulation zum Opfer gefallen.“ So notierte 1875 Ferdinand Gregorovius, der fünf Jahre vorher noch einen umgekehrten Schluß gezogen hatte: „Ganz Rom ist so verrottet wie das Papsttum; man müßte es völlig umbauen, um es als moderne Residenz wohnlich zu machen.“ Nun aber, da die Italiener eben dies mit der Hauptstadt ihres neuen Einheitsstaates versuchten (Rom hatte erst 226 000 Einwohner), erschien dem Deutsch-Römer die Stadt „wie ein alter zerlumpter Prachtteppich, den man ausstäubt, während er selbst darüber in Fetzen fällt“.

Und nicht weniger zwiespältig waren die Gefühle, mit denen Gregorovius, dieser liberale Preuße, freisinnige Protestant und Verfasser der immer noch spannenden „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“, 1870 das Ende des Kirchenstaates, den Einzug des italienischen Königs und den Rückzug des Papstes in den Vatikan erlebt hatte. Rom werde dabei „alles verlieren, seine republikanische Luft, seine kosmopolitische Weite, seine tragische Ruhe“, so befürchtete er schon neun Jahre vorher, doch acht Jahre nach der großen Wende war er zu einer doppelt tröstlichen Perspektive gelangt: Die Papstkirche werde „noch Jahrhunderte als eine starre Ruine, ein moralisches Kolosseum fortbestehen können“, aber „jeder zukunftzeugende Gedanke“ liege jetzt weit von ihr entfernt; selbst das „Hinüberziehen Roms in den Zustand einer italienischen Hauptstadt“ sei eher etwas Vorübergehendes ... „bis es eines Tages, nach Jahrhunderten, wieder der Sitz der Völker sein wird, wenn das Papsttum nicht mehr besteht, sondern seine Stelle der Präsident der europäischen Staatenunion einnimmt...“

Bloß Phantasie und Schwärmerei? Gregorovius hat sie so nur seinen seit 1852 geführten „Römischen Tagebüchern“ anvertraut (die übrigens jetzt zum ersten Mal vollständig, auch mit den bislang unveröffentlichten Blättern von 1875 bis 1889, im Verlag C.H. Beck, München vorliegen). Von dem, was Gregorovius zu Lebzeiten publizierte – Früchte seiner zwanzig „Wanderjahre“ durch Italiens Archive – hielt die historisch-wissenschaftliche Zunft nicht viel. „Die Kathederprofessoren lassen mich nicht gelten, weil ich keine Beamtenstelle einnehme und sogar – horribile dictu – einiges Dichtertalent besitze... Meinen Sinn für schöne Form verzeiht man mir nicht.“ Herren mit großen Namen, denen er in Rom begegnete, hatten ihn das spüren lassen, und er gab es – wenn auch nur im stillen, als Tagebuchschreiber – zurück: Theodor Mommsen leide offenbar „wie Richard Wagner an Größenwahn“, und Leopold von Ranke gehe „durch die Geschichte wie durch eine Bildergalerie, wozu er geistreiche Noten schreibt – das Volk kennt er nicht“. Denn „in Deutschland geht der Mensch im Gelehrten unter ... Humanistische Studien sind nur Fächer stofflichen Wissens für sie, die Humanität selbst gewinnen sie nicht...“

Das klingt bitter. War es die harte Hülle einer zerbrechlichen Existenz? Gregorovius sei eine „kränkliche Erscheinung, die wegen ihrer poetisch-geistreich-nervösen Richtung sehr behutsam behandelt sein will“, schrieb der preußische Gesandtschaftssekretär in Rom, Kurd von Schlözer. Weniger nachsichtig schilderte der römische Theologieprofessor Für den „hochmütigen, in sich zerrissenen Patron“ und legte den Finger auf den, nach Meinung der Gelehrten, wundesten Punkt dieses Gregorovius: „Er lebt von der Feder und muß daher rasch arbeiten. Alle Spaziergänge und Konversationen dienen ihm nur zum Stoffsammeln ...“

Also ein – Journalist? Einer, der, wie er sich selbst rühmte, „die Kunst des Erzählens besitzt, die in Deutschland nicht häufig ist“. Freilich auch einer, für den die Leidenschaft des Recherchierens und Schreibens zum Lebensersatz geworden war.

Schwermütiges und Leichtblütiges, Deutsches und Polnisches waren schon lange verwoben in jener Landschaft, aus der Gregorovius kam. Im ostpreußischen Neidenburg (heute Nidzica), nahe der alten deutschpolnischen Grenze, war er 1821 geboren; im vieltürmigen, mittelalterlichen Deutschordens-Schloß, wo sein Vater als Justizrat amtierte, wuchs er auf. Der ursprüngliche Familienname Grzegorzewski war einst – wohl beim Wechsel von Konfession und Nationalität – latinisiert worden. Der Königsberger Student Gregorovius, der sich bald von lutherischer Theologie verabschiedete und dem Philosophisch-Literarischen zuwandte, hat seine ersten poetischen und historischen Versuche nicht von ungefähr der „polnischen Leidensgeschichte“, also jenem Volk gewidmet, dessen Sprache ihm vertraut war und dem er stets „die Auferstehung wünschte, wenn Tote je auferstehen“ (wie er 1860 bei einer Heimatreise notierte, als sich bei ihm ins Polnische schon „das Italienische hineinmischte“).