Hamburg

Ein Hamburger Richter ist ins Blickfeld geraten: Jürgen Schenck, der 62jährige Vorsitzende der Großen Strafkammer am Landgericht Hamburg, sprach im Namen des Volkes das Urteil über Kreml-Flieger Mathias Rust. Zwei Jahre und sechs Monate. Das Volk war ganz anderer Meinung. Man buhte und pfiff den Richter aus. Nur zweieinhalb Jahre für einen heute 23jährigen jungen Mann, der ein drei Jahre jüngeres Mädchen lebensbedrohlich mit einem Springmesser niederstach, weil sie seine Annäherungsversuche mit einem ganz bestimmten Satz abgelehnt haben soll. "Du liebestoller, geiler Bock, du wirst es nie schaffen. Das mit Moskau war auch nur ein Gag, um dich wichtig zu machen." Dem Volk war der Satz mehrheitlich aus dem Herzen gesprochen und darum vielleicht nie so gefallen in dieser extrem lebensbedrohlichen Situation, sondern konstruiert. Hatte der "Spinner Rust" nicht allen den Traum zerstört, den jeder schon mal geträumt hat, aber nie in die Tat umsetzen würde? Die Mächtigen der Welt mal aufsuchen, denen mal die Meinung geigen, das nützte eben auch nichts. "Wenn Gorbatschow mich in seine politische Karriere mit einbezogen hätte, säße er jetzt nicht auf dem absteigenden Ast", hatte Rust dem Hamburger Psychologen Herbert Maisch anvertraut.

Richter Schenck gilt als einer der erfahrensten Juristen am Landgericht in Hamburg. Ein nachsichtiger Mann, humorvoll, selten überraschend hart. "Zur Strafkammer 21 braucht man als Angeklagter seine Verteidiger nicht mitzubringen. Das macht der Richter alles allein", behaupteten nach dem Urteil erzürnte Gerichtsreporter. Besser weniger hart als zu hart? Was ist gerecht? Aber der Satz! Ob er nun gefallen ist oder nicht, es läßt sich nicht beweisen und auch nicht widerlegen. Die Verteidigung hatte das Zitat sehr geschickt in die Verhandlung eingebracht. Von diesem Augenblick an war er da: der Satz. Und mit ihm die Ehre des Mannes oder die Neurose des Mannes (wo ist da der Unterschied?), in diesem Fall die Neurose des jungen Mannes Mathias Rust. Was ihn denn mehr gekränkt habe, der "geile Bock" oder, daß Moskau bloß "ein Gag" gewesen sei, hatte sich Richter Schenck während der Verhandlung beim Angeklagten erkundigt. "Der sogenannte Gag", antwortete Rust, und Schenck nickte. Das hatte er sich schon gedacht.

Bilder, Sprachbilder vom Fliegen machten die Runde: Psychologe Herbert Maisch sah Rusts narzißtische Persönlichkeit "an einem Luftballon hängen, der schnell ein Loch bekommen kann". Von "hochfliegenden Träumen" sprach Psychiater Johann Burchard, der Rust als eine "vielschichtige, erheblich fehlentwickelte Persönlichkeit" beschrieb, gleichwohl aber versicherte: "Wir alle sind ein Mega-Sandwich." Damit ging man in die Pause.

Richter Jürgen Schenck hatte sich auf den Unmut des Volkes vorbereitet. "Unser Strafgesetzbuch läßt es zu", begründete er das Urteil, "daß bestimmte exzeptionelle Tötungsverbrechen oder -versuche wie ein normaler Betrug oder Diebstahl geahndet werden können." Rusts zunächst als versuchter Mord angeklagte Tat endete also als normaler Diebstahl an der bis dahin psychischen und körperlichen Unversehrtheit der heute zwanzigjährigen Stefanie W., deren Erwerbsfähigkeit jetzt um vierzig Prozent gemindert ist.

Sie hatte mit ihrem Satz, den sie nicht gesagt haben will, wie sie unerschütterlich ruhig vor Gericht beteuerte, "ins Zentrum" der Rustschen Neurose getroffen. Irgend etwas mag sie gesagt haben, allein im Umkleideraum mit diesem hochfliegenden Gecken, der im Krankenhaus Rissen als Zivildienstleistender die Patienten mit seiner Kreml-Geschichte unterhielt, anstatt abzuwaschen, denn "Frauenarbeit" auszuführen hatte er gegenüber den Stationsschwestern entrüstet abgelehnt. Was immer Stefanie W. gesagt haben mag, es war ihr gutes Recht.

Sollte das Gericht aber nun einem solchen jungen Mann, der über eine Neurose, dazu mit einem so leicht zu treffenden Zentrum, verfügt, nicht anraten, sich dringend und schnellstens in Psychotherapie zu begeben Richter Schenck tat es nicht. Er hätte es bestimmt getan, wenn der Satz nicht gefallen wäre. Denn ohne diesen Satz, der vielleicht nie so gefallen ist, "wäre das Tatgeschehen unbegreiflich" und "wäre Mathias Rust geisteskrank". Dieser Satz also machte es für das Gericht begreiflich, daß Mathias Rust die ihm nicht näher bekannte Lernschwester Stefanie W. zweimal tief mit einem Springmesser in den Unterleib und den Brustkorb stach.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft, verärgert über das geringe Strafmaß, angekündigt, in die Revision zu gehen. Viola Roggenkamp