Von Jutta Duhm-Heitzmann

Gibt es ein besseres Datum, um ein Tagebuch zu beginnen, als den ersten Januar, den klassischen Tag guter Vorsätze und ernsthafter Beschlüsse? Virginia Woolf war 33 Jahre alt, seit fast zweieinhalb Jahren mit dem Verleger Leonard Woolf verheiratet, begabt, schön und auf dem besten Wege, eine hochgelobte Literaturkritikerin und anerkannte Schriftstellerin zu werden (ihr Debüt-Roman "Die Fahrt hinaus" wurde gerade für den Druck vorbereitet), als sie am 1. Januar 1915 ihre ersten Tagesbeschreibungen in die erste der Kladden eintrug, die ihr fortan, bis zum Selbstmord am 28. März 1941, halfen, das Leben festzuhalten.

Keine Begründung, warum sie mit ihren Notierungen zu diesem Zeitpunkt begann, doch nennt sie während der folgenden Jahre immer wieder den Grund, warum sie das Tagebuch weiterschrieb, fast süchtig und bei Unterbrechungen mit schlechtem Gewissen, "nach dem Tee geschrieben, indiskret geschrieben": aus Angst, "das Leben sich vertröpfeln zu lassen, wie ein laufender Wasserhahn". Ein Buch-Gefäß also gegen die Zeit, in dem sie auffing, was an Ereignissen auf sie zu und durch sie hindurchströmte, privat, ungeordnet, ungewichtet, direkt. Ein Mittel gegen das Chaos, denn die Beschreibung des Tages hieß Ordnen, auf die Festigkeit der Fakten zu setzen gegen den Sog des anderen, literarischen Schreibens, das sie immer mit Auflösung bedrohte.

Vielleicht hätte das Tagebuch später einmal zur Grundlage von Memoiren dienen sollen, so wie es heute Steinbruch ist für alle möglichen Biographien Woolfscher Zeitgenossen. Doch es blieb ungenutzt, bis zwölf Jahre nach ihrem Tod ihr Mann Leonard Woolf 1953 einige ausgewählte, eher werkbezogene Passagen aus den Kladden veröffentlichte ("A Writer’s Diary") – ängstlich bedacht, noch lebende Opfer von Virginias oft sehr spitzer Feder nicht zu verletzen. Erst zwischen 1977 und 1984 wurden in insgesamt fünf Bänden die kompletten Aufzeichnungen ediert und mit Anmerkungen versehen von Anne Oliver Bell, der Frau des Virginia-Woolf-Neffen und -Biographen Quentin Bell. Diese Ausgabe liegt auch der vorzüglichen deutschen Übersetzung des ersten Bandes zugrunde, der jetzt im Rahmen der deutschen Gesamtausgabe erschienen ist.

Der Band "Tagebücher 1" umfaßt die Jahre 1915 bis 1919, beginnt hochgemut – um schon nach sechs Wochen abzubrechen. Damals erlitt Virginia Woolf wieder einen ihrer schweren Zusammenbrüche, in denen sie selbstmordgefährdet und von Wahnsinn bedroht zum Pflegefall wurde. Erst im August 1917 nahm sie die Notizen wieder auf, in völlig anderem, knappen Stil, bis sie sich, Zeichen der Genesung, allmählich dem alten Schreibrhythmus wieder näherte. Bis zu ihrem Tode brachen die Notizen nicht mehr ab.

Für den Leser eine Lektüre mit gemischten Gefühlen, denn die Tagebücher sind privat, nicht in dieser Form zur Veröffentlichung gedacht. Aber wer sich öffentlich äußert, muß es sich gefallen lassen, auch privat befragt zu werden – zumal eine Person wie Virginia Woolf: Sie war eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen unseres Jahrhunderts. Sie wurde von der Frauenbewegung in den siebziger/und achtziger Jahren zur Heroin der Emanzipation stilisiert; in der Diskussion um "weibliches Schreiben" als Autorität zitiert; und in ihrer distanzierten Sexualität, die sich auf Männer und Frauen richten konnte, zur Identifikationsfigur der Lesbenbewegung erkoren. Und sie verkörperte "Bloomsbury": die Revolte der jungen Viktorianer gegen den Viktorianismus.

Bloomsbury ist gewissermaßen ein Synonym für den Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Britischen Inseln. In dem kleinen Zirkel gleichgesinnter Intellektueller, die sich in ihrem Haus trafen, einem der letzten Salons der Literaturgeschichte, gab es zu Beginn vielleicht klügere Geister (zumal die Männer durchweg Cambridge-Studenten waren, während die Frauen – "auf eine verfeinerte Weise ein Haustier", so Quentin Bell – sich Wissen und Freiheit auf dem geschlechtsspezifischen zweiten Bildungsweg aneignen mußten), aber keinen, der so kreativ, so bis zur Selbstzerstörung konsequent den eigenen künstlerischen Weg ging wie die Woolf.

Und mit welcher weltbewegenden Eintragung beginnt das neue weibliche Genie dieses jungen England 1915 sein Tagebuch? Damit, daß Dienstmädchen Lily von einer neuen Dienstherrin wegen fortgesetzter Unmoral vor die Tür gesetzt wurde: "Sie sagte, sie mußte Lily von einem Tag auf den anderen kündigen, wegen ungebührlichen Benehmens. Wir nehmen natürlich an, daß eine ganz bestimmte Art von ungebührlichem Benehmen gemeint war; ein verheirateter Gärtner, war meine gewagte Vermutung. Unser Herumspekulieren ließ uns den ganzen Tag keine Ruhe." Keine soziale Anklage, sondern distanziert und ein wenig ironisch die Sorge einer viktorianischen Lady, die sich für ihr Dienstpersonal verantwortlich fühlt. Als zweite längere Notierung der Weltkrieg; die Torpedierung eines britischen Schlachtschiffes im Ärmelkanal.

Eine typische Gewichtung. Die Tagebuch-Welt der Virginia Woolf besteht zunächst einmal aus Tatsachen, aus zum größten Teil trivialen Ereignissen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen, weil jedes auf seine Art Aufmerksamkeit und Kraft verlangt: Hühneraugen ebenso wie Fischeinkäufe und Spaziergänge mit Hund und Mann und Szenen aus dem Eheleben: "Ich verursachte eine kleine Auseinandersetzung (mit L!) heute morgen, weil ich versuchte, mein Frühstück im Bett zu brutzeln. Ich glaube jedoch, daß die Vernünftigkeit des Verfahrens dessen Erfolg garantieren wird; das heißt sofern es mir gelingt, die Eierschalen loszuwerden."

Sie beschreibt Besuche in der Leihbibliothek und in der Stadt mit verspäteten Zügen und seltsamen Begegnungen; Visiten bei und von Freunden mit Berichten über Gespräche, bis die Lippen "trocken waren wie Pergament", oft ohne auf Inhalte näher einzugehen; Konzertbesuche und das unter Bombenangriffen und Nahrungsmangel stöhnende und dennoch flirrende London der Kriegsjahre. Vieles davon knapp und karg, rudimentäre Aufzählungen – dann aber wieder Sätze, hingehauen mit der Kraft der Löwin. ("Würden die Briten offen über Beischlaf & WC sprechen, dann könnten sie sich auch von allgemeinen Gefühlen ergreifen lassen. So wie die Dinge stehen, wird jeder Appell, gemeinsam etwas zu fühlen, hoffnungslos blockiert durch die verhindernden Paletots & Pelzmäntel.") Wie eben die Stimmung war, wie die Schreibe-Zeit erlaubte, streng beschränkt auf eine halbe Stunde täglich nach dem Five o’clock tea.

Die Tagebuchschreiberin Virginia Woolf wirkt da keineswegs immer sympathisch – eine bisweilen kalte, erbarmungslos genaue und arrogante Lady der upper middle class: "Die Armen haben keine Chance, keine Umgangsformen oder Selbstkontrolle, um sich zu schützen; wir haben das Monopol der ganzen großzügigen Gefühle." So schreibt sie über ein unbeholfen-dankbares Dienstmädchen. Und über einen Drucker: "Aber man kann wohl diese frostigen, halb lebendigen überarbeiteten kleinen Kreaturen nicht ernst nehmen. Sie messen Versprechungen, selbst geschriebenen und gestempelten Versprechungen, nicht dieselbe Bedeutung zu, wie wir es tun." Auf einem Spaziergang begegnet sie einer "langen Reihe von Kretins". Sie befindet: "Es war absolut entsetzlich. Sie sollten wirklich getötet werden."

Auch im Freundeskreis war die spitze, boshafte Zunge der Virginia Woolf gefürchtet; die Schriftstellerin machte nie ein Hehl daraus, daß Klatsch für sie ein Lebenselixier war. Die Beschreibungen von Menschen sind, selbst wenn von Sympathie getragen, gnadenlos und maliziös: "Sein dicker rosa Körper kommt mir immer knochen & haarlos vor wie der eines Riesenkindes & sein Verstand ist genauso." Sie überspitzte, pointierte, erfand. "Ist es wahr?" fragt ihr Biograph Quentin Bell im Vorwort zum Tagebuch – um die Frage als irrelevant beiseite zu schieben: "Ein Meisterstück" – und wohl, auf seine Art, auch ein Werk der Fiktion: Leonard Woolf soll gesagt haben, als er aus dem Tagebuch vorlas: "Ich werde die nächsten paar Seiten überspringen, denn kein Wort davon ist wahr."

Virginia Woolf spielte die Menschen gegeneinander aus, erzählte ihre Geheimnisse weiter, hetzte sie wie im Versuchslabor gegeneinander auf. Aus den feinen seelischen Schwingungen, den verräterischen Gesten und Blicken, dem Tanz der Beziehungen saugte sie Honig für ihre Literatur, blitzschnell, mitleidslos – und doch selbst verletzlich. Allerdings: Diese Verletzbarkeit zeigte sie in ihren Tagebüchern selten. Sie schottete sich ab. Kein Wort der Kritik an ihrem Mann Leonard, keins über ihre Schwester, die Malerin Vanessa Bell. Leo und Nessa waren die Menschen, die ihr am nächsten standen, die einzigen, die sie wirklich liebte. Leo durfte außerdem ihr Tagebuch lesen, also vermied sie alles, was die Ehe stören konnte.

Kaum ein Wort auch – zumindest nicht in diesem Band der Tagebücher – aus der eigenen literarischen Werkstatt (sie erwähnt beispielsweise, daß ihre Erzählung "Kew Gardens" erscheint, nicht aber, unter welchen sie geschrieben wurde). Virginia Woolf konnte Erfahrungen, Gefühle, Impressionen nur einmal verwenden, entweder in ihrer Literatur, ihren Briefen oder eben im Tagebuch. Die wirklich wesentlichen Auseinandersetzungen hob sie darum für ihre Romane auf. Ein Tagebuch, das ihrem "inneren Leben" gewidmet sein könnte (wie ihre Freundin Ottoline Morell stolz von ihren täglichen Notizen berichtet), wäre ihr absurd erschienen – "was mich darüber nachdenken ließ, daß ich ein inneres Leben nicht habe".

"Inneres Leben" hatte sie beim Schreiben ihrer Literatur. Da wurde die seelische Schutzhülle hauchdünn, sie selbst fast zum somnambulen Medium der eigenen Weltwahrnehmung. Gedanken, Gerüche, Zusammenhänge trieben sie in eine ekstatische Empfindungsfähigkeit, die sie krank machte und bis zum Ende eines Werkes restlos erschöpfte. Ihre Depressionen und Wahnsinnsanfälle, ihr späterer Selbstmord waren Zusammenbrüche nach einer extremen schöpferischen Spannung, in der alle Nerven bloßlagen, die Welt auf sie eindrosch und in sie hineinfloß, bis sie die Kakophonie der Stimmen nicht mehr ertragen konnte. Im Gegensatz zu anderen Künstlern wurde Virginia Woolf die Geister ihrer Phantasie nicht oder nur mühsam los.

In keinem ihrer Romane wird diese atemlose Spannung, diese kreative Peitsche so spürbar wie in "Orlando", obwohl es als Virginia Woolfs unbeschwertestes, tänzerischstes Werk gilt. "Orlando", in wirklich kongenialer Neuübersetzung von Brigitte Walitzek, ist scheinbar eine Biographie, die Lebensgeschichte ihrer Freundin und Geliebten Vita Sackville-West, in Wirklichkeit das Hohelied der Androgynie, die Vision einer menschlichen Vollkommenheit, bei der die Geschlechtergrenzen aufgehoben sind durch selbstbestimmte Geschlechterwahl (was "Orlando" zu einem vielzitierten Referenzbuch der Frauenbewegung werden ließ): Orlando, britischer Grandseigneur des 16. Jahrhunderts, kommt zwar als Junge zur Welt, verwandelt sich aber während seines vorerst vierhundert Jahre dauernden Lebens in eine Frau. Vierhundert Jahre Liebe, vierhundert Jahre Rollenspiel, heiter beschrieben, souverän, unendlich leicht und von flirrender Wärme.

Ein Prosawerk wie ein Musikstück, schwebend, transparent und poetisch. Darin Passagen, die entzücken: über die Erfindung der Krinoline zum Beispiel oder des Eherings und des Ehepaars moderner Prägung: "In den alten Zeiten war man oft genug auf einen Burschen gestoßen, der unter einer Schlehenhecke mit einem Mädchen tändelte. Orlando hatte so manches Pärchen mit ihrer Peitsche angetippt und war lachend weitergeritten. Nun war das alles anders. Paare stapften und trotteten unauflöslich verbunden mitten auf der Straße. Die Rechte der Frau war unweigerlich durch die Linke des Mannes geschoben, und ihre Finger waren fest von den seinen umschlungen. Oft bewegten sie sich erst, wenn die Pferde sie schon mit der Nase berührten, und wenn sie sich dann bewegten, dann geschah das in einem Stück, schwerfällig, an den Straßenrand."

"Orlando" ist auch ein Bericht über den unaufhaltsamen Absturz in die Kälte der Moderne, ist die Wanderung einer poetischen Seele, die ihren Weg beginnt, als der Mensch die Natur noch trunken vor Glück und Einssein umarmen wollte, und endet, als sie zerstört, distanziert und parzelliert nur noch Schmerz einflößt. Und doch bedeutet die eine Zeit soviel wie die andere, überlagern sich alle Erfahrungen und heben einander auf. Leben ist – wie die Geschichte – ohne Ziel und Ankunft, nur Verwandlung in der Wiederholung, verwirrende Gleichzeitigkeit. Daß am Ende von Orlandos langer Wanderung noch die Hoffnung auf weitere Verwandlung steht, auf eine Natur, die, sich schüttelnd, alle Kläglichkeit abwirft, die ihr der Mensch angetan hat, auf eine Liebe, die sich nur andere Körper sucht und unberührt durch die Jahrhunderte geht, und auf eine Poesie, die endlich die eigene Form und Vollendung findet – das ist eine Hommage an Vita, die Freundin, ein tröstliches Streicheln zum Schluß eines Buches, das Jorge Luis Borges eines der "verzweifeltsten unserer Zeit" genannt hat.

Gleichzeitig ist "Orlando" eine intelligente Parodie auf die klassische Biographie: mit gravitätischem Vorwort und Danksagung an alle möglichen Freunde und Helfer, einem Register der erwähnten Personen, egal, ob real oder fiktiv, und sogar mit acht Bildern, die Orlandos erstaunlichen Lebensweg belegen – Portraits aus dem Besitz der Sackvilles, vom Flohmarkt, Photos von Virginias Nichte als Orientale verkleidet, Schnappschüsse von Vita selbst.

Zum ersten Mal seit der Erstausgabe 1928 ist das Buch komplett zu lesen – alle anderen Ausgaben hatten das Werk verstümmelt, die Photos weggelassen, das parodistische Spiel nicht erkannt. Eine Neuentdeckung der Virginia Woolf mitsamt ihrer blitzenden Ironie, mit der sie sonst vor allem in Gesprächen brillierte ("Ekstase!" rief sie, "Ekstase! Wo ist das Postamt?"), ihrer schreiberischen Philosophie, nicht weniger intensiv, wenn im Parlando vorgestellt: "Wenn es (bei grober Schätzung) sechsundsiebzig verschiedene Zeiten gibt, die alle gleichzeitig im Gemüt ticken, wie viele verschiedene Personen gibt es dann erst – Himmel hilf –, die alle zur einen oder andren Zeit im Menschengeist hausen? Manche sagen, zweitausendundzweiundfünfzig. So daß es das Normalste von der Welt ist, wenn ein Mensch, sobald er allein ist, Orlando! ruft (wenn das sein Name ist), womit gemeint ist, Komm, komm! Ich habe dieses besondere Ich so sterbenssatt. Ich will ein anderes."

Wirklichkeit ist eben nur ein Spiel mit den vielen Facetten der Wahrnehmung, Identität die Wahl eines Augenblicks, die sich im nächsten ändern wird. Was, fragt sich Virginia Woolf in "Orlando" und, auf ihre Art, in den Tagebüchern, ist Wahrheit – wenn nicht Auswahl? Wir lesen in diesen Büchern von den vielen Wahrheiten der Virginia Woolf.

  • Virginia Woolf:

Tagebücher 1

Herausgegeben von Klaus Reichert, aus dem Englischen von Maria Bosse-Sporleder; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1990; 535 S., 78,– DM

  • Virginia Woolf:

Orlando

Eine Biographie, aus dem Englischen von Brigitte Walitzek; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1990; 264 S., Abb., 39,80 DM