Ist die Utopie am Ende? – Seite 1

Der politische und wirtschaftliche Zusammenbruch der Länder des sogenannten "real existierenden Sozialismus" in Mittelund Osteuropa hat manche Frage neu aufgeworfen. Daß dazu auch die nach der Bedeutung von Utopien für die Bewältigung politischer Probleme gehörte, war klar. Oder doch nicht? Jedenfalls besteht der Dissens schon im Ansatz: War das, was sich seit dem Herbst 1989 abgespielt hat, wirklich der dramatische Zusammenbruch einer politischen Utopie, an die bis dahin viele geglaubt hatten, oder hat es sich um das Ende eines Regimes gehandelt, das sich schon lange zuvor von allen Wegweisungen des utopischen Sozialismus abgewandt und eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte?

Für die Verteidiger einer fortbestehenden Relevanz utopischen Denkens bei der Suche nach Antworten auf politische Grundfragen, wie Johano Strasser, den ehemaligen Bundesvorsitzenden der Jungsozialisten, hatte der utopische Geist den "Realsozialismus" schon vor langer Zeit verlassen, während Kritiker der Utopie, wie Joachim Fest, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, die Spuren des Utopischen darin bis zuletzt ausmachen zu können glauben. Die Debatte, die hier geführt wird, ist keine wissenschaftliche Kontroverse, in der auf der Grundlage methodisch übereinstimmender Vorgehensweisen definitiv über die Wahrheit von Aussagen entschieden werden kann, sondern was hier ausgetragen wird, ist eine politische Polemik durchaus im guten Sinne, in der es nicht um die Wahrheit von Aussagen, sondern um die Plausibilität von Argumenten geht.

"Vom Ende des utopischen Zeitalters" hat Fest seinen Essay untertitelt, aber ganz sicher scheint er sich bei dieser Aussage nicht zu sein, sonst hätte er nicht mehrfach vor einer fortbestehenden utopischen Sehnsucht gewarnt, die sich auch in der Vergangenheit immer wieder im Gefolge politischer Ernüchterungen eingestellt habe. Mit der Wendung vom "Ende des utopischen Zeitalters" meint Fest also nicht, daß es heute keine Utopien und keine utopischen Sehnsüchte mehr gebe, sondern will damit zum Ausdruck bringen, daß Utopien heute keine politische Lösungskapazität mehr zukomme und daß sie obendrein in Unfreiheit und Knechtschaft führten.

Man wird davon ausgehen dürfen, daß Joachim Fest nicht erst im Herbst 1989 zu diesem Ergebnis gelangt ist. Immerhin kann er die seitdem eingetretenen Entwicklungen als eine eindrucksvolle Bestätigung seiner Grundüberzeugung geltend machen. Wozu er ermutigen will, ist ein Leben ohne Utopie - "als Preis der Modernität". Die Formulierung läßt den Eindruck aufkommen, für Fest sei der Verzicht auf die utopische Dimension des politischen Denkens ein Verlust, den der moderne Mensch wohl oder übel in Kauf nehmen müsse, und auch der Buchtitel "Der zerstörte Traum" legt solche resignativen Assoziationen nahe. Aber so ist es keineswegs gemeint: Worum es Fest geht, ist der Verzicht auf ganzheitliche Entwürfe und die Bescheidung mit dem, was Karl Popper einmal als "politische Stückwerk Technologie", also Pragmatismus und Reformismus, bezeichnet hat. Die Zeit der großen politischen Heilspläne, die Vorstellung, daß der Mensch die Unvollkommenheit seiner Bedingungen überwinden und die Welt gleichsam neu erschaffen könne, sei vorbei. Dem freilich hat auch Johano Strasser nicht widersprochen, denn auch er sieht in den geschlossenen politischen Entwürfen, über die intellektuelle Eliten verfügen, um sie in politische Realität umzusetzen, eine schwerwiegende Gefährdung der Demokratie. Aber er besteht insgesamt doch auf der fortbestehenden Relevanz von Utopien bei der Bewältigung der auch und gerade nach dem Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus" sich auftuenden politischen und wirtschaftlichen Probleme, nicht zuletzt im ökologischen Bereich. Die großen Aufgaben, so seine zentrale These, seien nicht durch das selbstläufige Funktionieren der Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen des Marktes zu lösen, sondern bedürften vorauslaufender Entwürfe und Visionen, die Orientierungsmuster böten und mögliche Lösungen zur Debatte stellten.

Das ist in der Bescheidenheit des politischen Anspruchs keineswegs eine Absage an die Utopie, denn genau in diesem Sinne haben deren klassische Repräsentanten von Thomas Morus bis Francis Bacon ihre Entwürfe verstanden. Das hatte sich erst geändert, wie man jetzt in der sorgfältigen Darstellung der neuzeitlichen Utopien von Richard Saage nachlesen kann, als sich die in die Gleichzeitigkeit des Raumes hineingedachte Utopie verzeitlicht hatte, als sie vom fernen Ort in die ferne Zeit, in die Zukunft, verlegt wurde, um schließlich mit der Geschichtsphilosophie eine unheilvolle Allianz einzugehen. Erst damit, und dem pflichtet auch Fest bei, wurde sie zu einer totalitären Machtressource in den Händen von Intellektuellen und Politikern, je nachdem, wer für sich beanspruchte, über die vollständigere Utopie zu verfügen.

Auch wenn Fest und Strasser indirekt heftig gegen die je vertretenen Positionen polemisieren — bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, daß sie im Grunde gar nicht so weit voneinander entfernt liegen. So konzediert Fest, daß die Utopie, vorausgesetzt, die Menschen gestünden sich zuvor ein, daß Vollkommenheit ein für sie unerreichbarer Zustand sei, jenen Platz zurückgewinnen könnte, "den sie so lange innehatte und erst verlor, als sie nicht mehr Kritik und Parodie sein wollte, sondern Handlungsmodell und Prospekt von morgen". Strasser nimmt die Realisierungsintention der Utopie vielleicht nicht ganz so weit zurück wie Fest, wenn er im Anschluß an Georg Picht der Utopie die Funktion zuweist, zwischen gegenwärtigem Bewußtsein und zukünftiger Wirklichkeit zu vermitteln. Damit sei auch klar, so Picht, daß sie niemals ein statisches Modell darstellen dürfe, sondern fortschreitend immer wieder durch kritische Reflexion auf die Ergebnisse der Prognose modifiziert werden müsse.

Worum also, ließe sich fragen, dreht sich der ganze Streit, in dem der eine das "Ende des utopischen Zeitalters" verkündet und der andere die Frage "Leben ohne Utopie?" verneint und auf der fortbestehenden Relevanz des Utopischen besteht, wenn in Einzelfragen beide Positionen doch immer wieder bemerkenswert nahe beieinanderliegen? Tatsächlich ist das, was hier ausgefochten wird, keine Kontroverse um die politischen Strategien der nächsten Jahrzehnte, sondern ein Streit um Begriffe oder genauer: um den Begriff der Utopie. Denn die Utopie, die Fest verdammt, hat nichts zu tun mit der Utopie, deren politische Relevanz Strasser zu retten sucht.

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Und doch wäre es allzu voreilig, wenn man damit die Debatte für beendet oder gar für überflüssig erklären würde. Denn im Falle der Utopie ist der Streit um den Begriff auch ein Streit um die Sache, gibt es diese doch, strenggenommen, nicht anders als im Begriff beziehungweise im Text. Es ist die Tücke der Utopie, daß in ihrem Fall nur selten die Realität und fast durchweg die NichtRealität des Utopischen gegen den Entwurf ausgespielt werden kann. Hätten sich die beiden Autoren darüber Rechenschaft abgelegt, hätten viele ihrer Argumente präziser entfaltet werden können. So hat Johano Strasser gänzlich darauf verzichtet zunächst einmal zu erklären, was er meint, wenn er von "Utopie" spricht, und Joachim Fests Utopiebegriff zeichnet sich dadurch aus, daß in ihm zwei Elemente durcheinandergehen, die eigentlich voneinander getrennt gehalten werden sollten: die in einem engeren Sinne utopische Denkform, in der es um die Entwürfe einer vollkommenen Gesellschaft geht, die mit rein innerweltlichen, also in der Verfügung der Menschen stehenden, Mitteln realisiert werden können, und jener Strang des eschatologischen Denkens, in dem nicht durch menschlichen, sondern übernatürlichen Eingriff die Heraufkunft einer neuen Welt und eines neuen Menschen erträumt wird. Daß Fest beide Denkstränge, wiewohl er um die Erfordernis ihrer Separierung durchaus weiß, immer wieder durcheinanderbringt und miteinander verknotet, ist offenkundig die Folge seiner Kontroverse mit Bloch: Ihm polemisch folgend, verwirrt sich Fest in den Fangstricken der Blochschen Philosophie, der schwerlich mit politisch operativen Fragen, wie Fest sie stellt, sondern nur durch die Auseinandersetzung mit ihren philosophischen Grundannahmen beizukommen ist. Es muß als das entscheidende Manko aller drei Utopie Bücher, der politischen Essays von Strasser und Fest wie der umfangreichen wissenschaftlichen Darstellung der neuzeitlichen Utopien aus der Feder des Göttinger Politikwissenschaftlers Richard Saage, angesehen werden, daß sie sich gar zu sehr von der Frage nach dem utopischen Bedürfnis, dem politischen Erfordernis des Utopischen, dem utopischen Überschuß, dem utopischen Verhängnis und derlei mehr leiten lassen und darüber nicht nach der formalen Konstitution der utopischen Entwüfe, des utopischen Wissens fragen. Das zeigt sich bei Saage etwa darin, daß er die Geschichte der neuzeitlichen Utopien auf der Folie der platonischen "Politeia" behandeln zu können glaubt, ohne weiter auf die grundlegende Differenz einzugehen, daß bei Platon der ideale Staat in seiner gesamten Konstruktion von einer Philosophie getragen ist, die bei den neuzeitlichen Utopien gänzlich fehlt. Das ändert nichts daran, daß Saage eine gründliche, durch die Form ihres Aufbaus nach Motiven und Topoi anregende ideengeschichtliche Darstellung der neuzeitlichen Utopien vorgelegt hat. Die entscheidende Dimension der Utopie dabei mitanzugehen, hat sich Saage freilich gescheut: Er versagt sich den kritischen Blick auf die Realisierungsversuche, welche die Geschichte der utopischen Entwürfe in der Neuzeit vom Jesuitenstaat in Paraguay über die Produktions- und Lebensgemeinschaften des 19. Jahrhunderts m den USA bis zu den alternativen Landkommunen als parallele Lebensformen begleitet haben.

Doch die Antwort auf die von Fest und Strasser kontrovers verhandelte Frage wird erst zu finden sein, wenn die Auseinandersetzung mit der Utopie beides zugleich und durch die Geschichte hindurch ins Auge faßt: den Entwurf und die wie unzulänglich auch immer ausgefallenen Formen der Realisierung, das Scheitern und das Lernen, die Katastrophen und die - zeitlich begrenzten - Erfolge. Nur so können wir genauere Auskunft darüber erhalten, ob das utopische Zeitalter wirklich zu Ende und ein Leben ohne Utopie möglich ist.

Joachim Fest:

Der zerstörte Traum Vom Ende des utopischen Zeitalters (Reihe Corso); Siedler Verlag, Berlin 1991; 104 S , DM Leben ohne Utopie?

Luchterhand Literaturverlag, FrankfurtM.

148 S , DM Richard Saage:

Politische Utopien der Neuzeit Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1991; 374 S, 49 -DM