Schon bei Heinrich Böll ist die Moral recht einfach: Katharina Blum ist gut, und die Welt, besonders die Männerwelt, ist schlecht. Böse sind vor allem die Journalisten der Boulevardzeitungen, die hetzen und verleumden. Böse sind auch die Polizisten mit den harschen Verhörmethoden und den abstrusen Verschwörungstheorien. Katharina, die Reine, sucht in der rauhen Welt nach Zärtlichkeit – und wird zum Opfer einer bleiernen Zeit. Das Gretchen der siebziger Jahre wird fertiggemacht. Die Hatz nach den Terroristen fordert Tribut.

Was Böll so schlicht und so schwarzweiß erzählt hat, klingt bei Tilo Medek noch schlichter und eher grau: Ein kurzes, sangliches Thema ohne große Intervalle, ohne Expressivität, ringelt sich als Ohrwurm durch die ganze Oper. Aber nicht etwa als Leitmotiv, das musikalisch mehr „transportiert“ als einfach nur den Text. Diese kleine, aber immer wiederkehrende Medek-Melodie ist nur Kolorit, tönendes Beiwerk, das immer mal wieder etwas variiert oder uminstrumentiert wird. Das austauschbare, dürftige musikalische Substrat einer immerhin mehr als zwei Stunden dauernden Oper wird nur angereichert durch einige andere kunsthandwerkliche Melodien. Da klingt zum Beispiel ein Rock ’n’ Roll so zahm und steril, als hätten ein Synthesizer und eine. Rhythmusmaschine die paar Töne produziert. Stereotyp ist die Idee von Medek, die Schlagzeilen und Texte der „ZEITUNG“ vom Männerchor singen zu lassen: Das Blatt für die Massen wird von den Massen gesungen. Von den männlichen Massen, weil die Männer böse sind. Geradezu erschreckend naiv wird die Musik, kurz bevor die Polizei die Wohnung der ahnungslosen Katharina stürmt: Da schwillt es im Orchester mächtig an – Gefahr ist im Verzug, die Pauke wirbelt. Nur das musikalische Peng, Peng fehlt – weil die Polizei nicht peng, peng macht. Wohl noch nie wurde in der zeitgenössischen Oper so simpel narrativ, so phantasielos an einem Libretto entlangkomponiert.

Tilo Medek, der 1940 in Jena geboren und 1977 aus der DDR ausgebürgert wurde, bekennt sich im Programmheft zu seiner eingängigen Musikästhetik: Avantgarde bedeute für ihn, „die Musik aus ihrem Irrgarten heraus zu den Menschen zu führen im Sinne des Wortes: Zeitgenosse sein“. Und je mehr Menschen erreicht werden, um so besser: „Wenn Stücke zum Publikumserfolg werden, so soll man sich nicht dafür schämen.“

Paradox genug: Was Tilo Medek mit seiner Böll-Oper anprangern will, begeht er selbst. Komplexe Situationen vereinfacht er, bis Klischees und Vorurteile fröhliche Urstände feiern. Frei nach dem Motto der Regenbogenpresse: Millionen Leser können sich nicht irren. (Der Komponist über das Liebespaar Katharina-Ludwig: „Gegensätze ziehen sich an beziehungsweise aus.“)

Für das Libretto verantwortlich: seine Gattin, Dorothea Medek. Sie hat die Erzählung, die Böll aus fiktiven Protokollen, Erinnerungen und Zeitungsausschnitten montiert hat, in eine „Oper in fünf Tagen und einem Nachspiel“ umgetextet. Den gebrochenen Witz und die Ironie von Böll hat sie getilgt, die Sprache gar verhudelt: Alois, Katharinas ominöser Herrenbesuch, sagt bei Böll, er müsse eine Diskussion „leiten“, bei Medek muß er sie „halten“. Bei Böll will der Staatsanwalt Hach wissen, warum „sie“ (Katharina und Götten) so schnell „intim miteinander“ geworden sind. Bei der Librettistin fragt Hach, warum „Sie (Katharina) Götten stehenden Fußes mit in Ihre Wohnung genommen haben und sehr rasch miteinander intim geworden sind“. Das sind zwar nur Details der sprachlichen Schluderei, die aber zeigen, wie oberflächlich das Ehepaar Medek mit dem ja nicht sonderlich subtilen Text von Böll umgegangen ist.

Der Regisseur John Dew muß erkannt haben, daß mit diesem Werk weder ein Skandal zu provozieren noch tiefere Erkenntnis zu erreichen ist. Sonst immer auf der Suche nach einem kurzweiligen Spektakel, hat er „Katharina Blum“ ordentlich und schmucklos inszeniert. Der liebe Götten mit seinen weiten Hosenaufschlägen liebt das Gretchen Blum (als Sängerin und als Schauspielerin überragend: Susan Maclean) mit ihrem roten Knautschlack-Mantel. Sie tut ihre Pflicht und zeigt dem Geliebten den Fluchtweg. Er tut seine Pflicht und entlastet nach seiner Festnahme die Geliebte. Die Polizisten tragen giftgrüne Uniformen (am Revers der Politesse hängt – es ist Fasching – eine rote Pappnase) und tun ihre Pflicht; auch die Wampe des Inspektors tut ihre Pflicht und quillt über dem Gürtel hervor. Der Mief und die Moral unter deutschen Dächern: Die Personen der Oper sind so langweilig. Und die Musik ist es auch.

Eckhard Roelcke