Von Hans Harald Bräutigam

Die Klinik für traditionelle chinesische Medizin ist direkt neben der Kirche", erklärt der Amtsarzt und fügt hinzu: "So etwas Schönes finden Sie woanders nicht. Die chinesischen Ärzte, denen unser Minister die schwer zu ergatternde ärztliche Berufserlaubnis für Bayern erteilt hat, können nirgendwo eine bessere Arbeitsstelle finden."

Da mag der Kollege aus Kötzting im Bayerischen Wald recht haben. Aus einem alten, vor Jahren aufgegebenen Krankenhaus, das zur Aufnahme von Vietnam-Flüchtlingen bestimmt war, ist ein strahlend weißes Gebäude geworden, das eher einem Fünf-Sterne-Hotel in kleinstädtischer Umgebung gleicht. Es hat eine großzügige Eingangshalle mit einer Patientenaufnahme, die hier Rezeption heißt, komfortable Zimmer für 75 Gäste, die sich nach natürlicher Heilung schmerzhafter Leiden sehnen, und Behandlungsräume ohne den sonst für Krankenhäuser typischen Geruch nach Desinfektionsmitteln. Daß es sich um eine Klinik handelt, in der sechs Ärzte aus Peking mit traditioneller chinesischer Medizin ihre deutschen Patienten behandeln wollen, kündigt das überall an Türen und Fenstern vorhandene Logo in Mandarinschrift an: "Langlebigkeit" bedeutet es.

Erfinder und Eigentümer der Klinik ist der 62jährige Kötztinger Unternehmer Anton Staudinger, ein begeisterter Anhänger der Naturmedizin. Ihm gehören auch die Poseidon-Gärten mit den Thermalbädern auf der italienischen Insel Ischia. In den Kötztinger Umbau hat er zehn Millionen Mark gesteckt, seine Tochter, eine Architektin, entwarf das Haus.

Den vielen Schmerzpatienten, denen die Schulmedizin nicht helfen kann, versprechen die chinesischen Ärzte Linderung. Aber auch andere Beschwerden wie Migräne, Hexenschuß, Menstruationsbeschwerden, Impotenz, Bluthochdruck und Herzjagen wollen sie auf traditionelle chinesische Art behandeln.

Es gibt nur zwei deutsche Ärzte – den Chef und seinen Stellvertreter. Der aus Leipzig stammende Sportarzt Thomas Deiniger war dort bis zur Wende Leiter einer Schmerzambulanz für Leistungssportler. Die fernöstlichen Ärzte hat der umtriebige Anton Staudinger über das Gesundheitsministerium in Peking angeworben. Und dorthin muß er auch das Gehalt für die "chinesischen Gastarbeiter" abführen, die in Kötzting nur ein Taschengeld von 600 bis 800 Mark bekommen. Jeder hat ein Zimmer im Dachgeschoß der Klinik.

Thomas Deiniger stellt Diagnosen nach westlicher Manier. Dazu steht ihm ein kleines Laboratorium, ein einfaches EKG-Gerät und eine Ultraschallapparatur zur Verfügung. Seine Kollegen spüren Krankheiten nach traditioneller chinesischer Art auf: Sie prüfen den Zungenpuls und tasten die Patienten ausgiebig und sanft ab. Vor allem lauschen sie sehr aufmerksam, wenn der Patient seine Beschwerden schildert. Der stets anwesende Dolmetscher Sun Jungli, der von Radio Peking ausgeliehen wurde, übersetzt alles geduldig. Die endgültige Diagnose stellen der Deutsche und die Chinesen gemeinsam – zusammen legen sie auch die Behandlung fest, die immer fernöstlich ist. Die Akupunktur steht dabei an erster Stelle – was die deutschen Patienten auch erwarten, denn von dieser Behandlungsmethode versprechen sie sich besonders viel.