Ich zähle meine Pleiten. Mit diesem Satz beginnt das Buch. Es hat mich 34 Mark gekostet, aber dafür bin ich vom Informationslevel der 36. Fortsetzung in der Berliner Zeitung mit einem Sprung auf dem obersten Treppchen in dieser Sache angelangt: Vera Oelschlegel beendet ihr Selbstportrait: „Turn out the woman!“ – „Weg mit dieser Frau!“ Damit befindet sie sich im Einklang mit ihren Lesern, die seit Erscheinen dieser Fortsetzungsgeschichte die Redaktion mit Briefen überschwemmen. Sie kündigen Abonnements, die erschrockene Kolumne einer Redakteurin appelliert an differenzierte Urteile – der Leser natürlich.

Die Schauspielerin und Sängerin Vera Oelschlegel stand oft im Licht der Öffentlichkeit, besonders als sie 1976 Intendantin des Theaters im Palast wurde und etwa zeitgleich in dritter Ehe Konrad Naumann heiratete. Der war als 1. Sekretär der SED in Berlin der einflußreichste und gefürchtetste Mann der Stadt. Nach Naumanns Sturz im Herbst 1985 – ein letzter Auftritt vor Gesellschaftswissenschaftlern besiegelte das Schicksal des trinkenden, prahlenden Duodezfürsten – trennte sie sich von ihm. In erster Ehe übrigens war sie mit dem Schriftsteller Günther Rücker und in zweiter mit dem Präsidenten des Schriftstellerverbandes Hermann Kant verheiratet.

Nun hat sie ihre Memoiren geschrieben und ist Stadtgespräch der Ostberliner. Ein Skandalon im grauen Alltag. Alle naschen jeden Morgen ein neues Löffelchen Gift aus ihrem Blatt, alle lesen, was die Autorin beiläufig „meine Erdbeben, meine Sturmflut, meine Steppenbrände, Lawinen, Zyklopen, Gewitter“ nennt.

Leute, die als Widerstandskämpfer bekannter wurden als Vera Oelschlegel, haben für ihre Knastzeit, für Arbeitsverbot und Ausweisung kleinere Worte gefunden. Es ist wohl zuerst die Tonlage des Buches, die wütend macht – mit der großen Geste radikaler Aufklärung poliert sie das eigene Image.

Nicht einmal der Titel stimmt: „Wenn das meine Mutter wüßt...“ Die Mutter hat als Direktorin der Konzert- und Gastspieldirektion sehr früh für die Reisen der singenden Tochter in die weite Welt gesorgt, sie ist am Leben, sie wüßt also nicht, sondern sie weiß.

„Ich bin ein Produkt der Erziehung meiner Mütter und der Manipulation meiner Lehrer und Männer.“ Auf solchen Krücken darf sich niemand davonstehlen, der so dazugehört hat wie Vera Oelschlegel, wenngleich nur ungern, wie wir lesen: Mit Unbehagen im Shop von Wandlitz eingekauft, mit innerer Abwehr bei Staatsempfängen dabeigesessen, und beim gemeinsamen Urlaub mit dem Ehepaar Honecker in einer Luxus-Datsche in der Sowjetunion springt sie ins Meereswassermarmorbecken, „um meine Beklemmung wegzuschwimmen“. Sie richtet ganz nach Belieben das Haus in Wandlitz ein, aber ist wie vom Donner gerührt, daß Wachposten in der Waldsiedlung stehen. Wo hatte sie ihre Augen vorher, wo war ihr ätzend scharfes Urteil, das sie in diesem Buch bei anderen Menschen beweist, als sie noch bei den Mächtigen tafelte?

Sie tritt zusammen mit Biermann in einem Konzert auf, aber sie unterschreibt eine schäbige Ergebenheitsadresse zur Unterstützung seiner Ausweisung. Dafür schämt sie sich nun, nennt aber gleich alle anderen, die damals mit unterschrieben haben. Man muß glauben, Vera Oelschlegel hätte das Leiden am Land gepachtet, unentwegt bricht sie zusammen, kriecht Treppen auf allen vieren hoch, trägt „einen schweren Mantel“.

Theatralik eines Stehauffrauchens, das immer Lebensretter fand, „die mich von Abgründen zurückrissen und auf den Armen aus dem Feuer trugen, die mir mit Handauflegen, Besprechen und Küssen die körperlichen und seelischen Wunden heilten“.

Vera Oelschlegel ist eine intelligente Frau, die schreiben kann, aber der Grundklang ist Koketterie. Sie bricht ab, wo Nachfragen nötig wäre, sie verschweigt Wesentliches, sie informiert nicht wirklich, und manchmal sagt sie schlicht die Unwahrheit: Das dramatische Bild der Nacht, in der sie mit Hermann Kant vor den erleuchteten Fenstern von Stephan Hermlins Wohnung stand, wo sich Schatten hinter der Gardine zum Widerstand gegen Biermanns Ausweisung formierten, verbleicht gegenüber der Wahrheit, daß diese Zusammenkunft am Vormittag war. Sie hat nicht auf dem Moskauer Flughafen hungernd auf der Treppe gesessen, sondern wurde als erste ausgeflogen und nicht eine Familie mit einem behinderten Kind, eine Zeitungsleserin bezeugt das. Die Liebesgeschichte der Autorin in einer Hinterhofwohnung hat längst ein neues Ambiente, eine Fünfzimmerwohnung mit Sauna am Müggelseedamm, kostbar eingerichtet, und daß es im November 1989 Bürgerproteste gegeben hat, als diese Wohnung mit vielen tausend Mark aus der Gemeindekasse ausgebaut werden sollte, daran erinnere ich mich nun wieder genau.

Unsere Vergangenheitsbewältigung kennt viele Geschichten. Dieselbe Zeitung, in der die Rechtfertigungsformeln der ehemaligen Intendantin stehen, wird von einem ehemaligen Intendanten ausgetragen. In der Gegend um den Bahnhof Friedrichstraße. Morgens, kurz vor sieben.

Regine Sylvester