Von Uli Hauser

Wer gut zu Fuß ist, schafft Schenkenschanz in zwei Minuten. Vom alten Pastorat hinter dem Kriegerdenkmal bis zur neuen Pumpe vor der Pappelallee sind es 206 Schritte, 35 Häuser und eine Telephonzelle, die von Spinnen geduldig zu einem kleinen Biotop ausgebaut wird. Die einzige Gaststätte heißt „Inselruh“, Frau Schmitz, die Wirtin, präsentiert stolz acht verschiedene selbstgebackene Kuchen. Die, wenn Frau Schmitz richtig gezählt hat, 129 Einwohner nennen sich Schänzer.

Denn eine Schanze war sie auch einmal, die Halbinsel im Niederrhein, eine vielumkämpfte Festung, die als Schlüssel zu den Niederlanden galt. Ein Schenk von Nideggen ließ 1586 die fast uneinnehmbare Stromfestung mit in spitzen Winkeln vor- und zurückspringenden Mauern und Wällen errichten. Tausend Krieger zwängten sich zwischen die Kanonenrohre, der Niederrhein war Aufmarschgebiet im Dauerstreit zwischen spanischer Weltmonarchie und holländischer Republik. Als letzter Feldherr nahm Sonnenkönig Ludwig XIV. die Festung ein und verewigte seinen zweifelhaften Erfolg im Pariser Triumphbogen. So kam Schenkenschanz an die Seine. Am Rhein erinnert gar nichts mehr an die Historie.

Gleich, am Eingang von Schenkenschanz lebt Willi Bos. Der freundliche alte Herr mit dem zufriedenen Lächeln ist natürlich, wie der Vater auch, auf der Schanz geboren. Seine acht Freifahrtscheine läßt der pensionierte Dampflokführer regelmäßig verfallen, „weil es hier am schönsten ist, jawohl“. In der Scheune hält der Zaunkönig hof, und die Schwalben üben Tiefflüge durch versteckte Mauerlücken. Der letzte Storch des Niederrheins wurde auf dem alten Kamin gesichtet, seit neuestem nisten Amseln in den Brennesseln am Maisfeld. Das hat Willi Bos noch nicht erlebt. Die scheue Waldamsel als Bodenbrüter.

Das Dorf liegt in einem Naturschutzgebiet im Nordwesten Nordrhein-Westfalens, dort wo sich flache Wiesen unmerklich über den kleinen Grenzverkehr in die Niederlande schleichen. Zum Zoll sind, es fünf Kilometer, in die nächstgrößere Stadt Kleve zehn Minuten, und die Touristen aus dem Ruhrgebiet fahren knapp eine Stunde.

Einmal im Jahr kommt die Halbinsel ins Fernsehen – wenn der Rhein Hochwasser hat. Dann liefern Reporter aus Hubschraubern beeindruckende Bilder und berichten, das Technische Hilfswerk versorge die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten, außer mit frischen Eiern.

Wenn das Wasser sinkt, kommen halbwilde Höckerschwäne und sibirische Wildgänse; schnatternd überwintern sie in den nassen Wiesen und rauben den Schänzern den Schlaf. Ein Rummel ist das, sagt Willi Bos; ganz zu schweigen von den Reisebussen mit fernglasbehängten Naturfreunden, die es dem Schnattervieh gleichtun und ebenfalls durch die Weiden waten.