Von Rolf Breitenstein

Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft. Auch wenn sie fatalen Umweltschmutz aufwirbelt, behält Arbeit die Bedeutung, die Adam Smith und Karl Marx ihr gaben: Quelle allen Reichtums, Maß aller Dinge. Arbeit strukturiert unser Leben: Arbeit und Freizeit, Arbeit und Ferien, Arbeit und Pensionierung. Wer Arbeit hat, gilt etwas. Wer viel arbeitet oder zu viel (oder so tut), gilt viel.

Das wissen wir alles. Nur eines wissen wir nicht: was Arbeit ist.

Auf Anfrage, was – prinzipiell und für ihn persönlich – Arbeit sei, schickt der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes das DGB-Aktionsprogramm, der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung sein Buch „Die Arbeit geht weiter“. Was Arbeit ist, steht weder da noch dort. Aber es gibt dazu ein Bonmot von Norbert Blüm: „Wer viel arbeitet, kommt nicht auf andere Gedanken!“ Arbeit als Verhütungsmittel fürs Denken?

Das war einmal. Heute möchten wir nicht nur wissen, wie eine Arbeit zu tun ist, sondern auch, warum sie getan werden soll. Der Versuch, Arbeit auf den Begriff zu bringen und damit vielleicht aktuelle Probleme unserer Arbeitsgesellschaft in den Griff zu bekommen, ist aus zwei Gründen eine gesellschaftliche Notwendigkeit:

Erstens, weil Arbeit heute ein bequemer Sack ist, in den sich viel hineinstopfen läßt. Arbeit verleiht ganz unterschiedlichen Tätigkeiten – der Bergarbeit unter Tage ebenso wie dem Arbeitsessen im luxuriösen Zwei-Sterne-Restaurant – ein Ansehen. Der Gemüsebauer und der Pornofilmer, der Giftgastechniker und die Krankenschwester, der Tennistrainer und der Bundeskanzler gehen ihrer Arbeit nach. Arbeit erbringt konkrete Ergebnisse wie Kohl; Pornofilme und Giftgasfabriken; oder sie wird – immer häufiger – als Dienstleistung wie Krankenpflege, Tennistraining und Regieren unmeßbar und unzurechenbar. Der Sammelbegriff Arbeit umfaßt rauschhafte Freude an kreativer Arbeit, neuerdings fun factor genannt, aber auch tägliches Ritual in Büros und Betrieben. Unter dem perversen Motto „Arbeit macht frei“ wurden Menschen in Konzentrationslager getrieben. Die Umwelt wird gemäß unserem industriellen Arbeitsethos verarbeitet und ruiniert.

Zweitens müssen wir uns über den Begriff klar werden, weil der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehen könnte, wie Hannah Arendt, Ralf Dahrendorf und andere angekündigt haben. Würde die Arbeitsgesellschaft damit ihre Begründung verlieren? Würde sie zusammenbrechen wie eine Hofgesellschaft, wenn es keinen Hof mehr gibt? oder müssen wir einen neuen Begriff von Arbeit finden, unser Arbeitsleben neu ordnen und unsere Gesellschaft nach neuen Kriterien strukturieren?