Stuttgart

Warum nur hat der Stuttgarter Anwalt Lothar Strobel für die Reisen mit dem inzwischen gestürzten Ministerpräsidenten Lothar Späth so viel Geld bezahlt? Wieviel war es überhaupt? Hat es „vielleicht Spaß gemacht, einen Ministerpräsidenten dabeizuhaben“? Oder hat er ihn „einfach nur für einen armen Schlucker gehalten“, der es auch mal schön haben sollte?

Die Fragen, die die Mitglieder des Stuttgarter Landtags Untersuchungsausschusses, der „die Unabhängigkeit von Regierungsmitgliedern und Strafverfolgungsbehörden“ überprüfen soll, bringen Lothar Strobel sichtlich in Mißstimmung. Er antwortet gequält, gibt verächtliche Gesten von sich, läßt auch seinem Sarkasmus – gelegentlich durchaus unterhaltsam – freien Lauf.

Die Vermutung vom „armen Schlucker“ bestätigt er: „theoretisch ja, praktisch auch“. Ob’s Spaß gemacht habe, sei dagegen „eine Frage der Lebensgestaltung“. Auszurechnen, wieviel ihn dieser Spaß gekostet habe, hat er sich „nicht die Mühe gemacht“. Und die Motivforscher bescheidet er mit Hinweisen darauf, daß er „nicht gern allein reise“ und ihn mit Späth die Liebe zum „politischen Diskurs“ freundschaftlich verbinde sowie das „leidenschaftliche Interesse an moderner Kunst“.

Außerdem tröstet er die Fragesteller damit, daß er ja nur selten allein Späths Anteil übernommen habe, da waren ja noch „der Lohr“ und „der Schlampp“, die häufig mitflogen und mit denen er sich vor Antritt der Reise besprach, um festzulegen, wer wieviel Prozent von Späths Flug- und Hotelkosten übernahm. „Der Schlampp“, das war der Mannheimer Bauunternehmer Hans Schlampp, dessen Finanzierungspraktiken selbst ins Gerede gekommen waren. „Der Lohr“, das war der frühere SEL-Chef Helmut Lohr, der gegenwärtig in Stuttgart wegen Betrugsverdacht vor Gericht steht. Strobels Angaben bleiben im übrigen vage, ganz sicher ist nur: War man gemeinsam unterwegs, hat Späth von den Flug- und Übernach-:ungskosten jedenfallsnichts übernommen. Man hielt sich einen Landesvater.

Und auch dann, wenn der eigene Termine hatte, gab Strobel Hilfestellung. Seit vielen Jahren stand ein Jet der Firma Blendax bereit, den Ministerpräsidenten in alle vier Winde zu fliegen. Dazu muß man wissen, daß Strobel im Verwaltungsrat der Blendax Werke der Geschäftsführung eine entsprechende Anweisung geben konnte. Denn eine gewisse Andrea Gölkel, 1977 im Alter von 33 Jahren zur Alleinerbin von Blendax avanciert, hatte ihn praktisch zum Chef des Unternehmens gemacht. Das war er, bis er im Auftrag von Frau Gölkel die Gesellschaft Ende 1987 an die deutsche Tochter des amerikanischen Procter & Gamble-Konzerns verkaufte. Strobels Geschäftsbeziehungen mit dem US-Konzern waren ebenfalls viele Jahre alt, und für dieses Unternehmen hat er sich Ende der achtziger Jahre einmal eine Ausnahme von seiner Regel erlaubt, keine Geschäfte mit dem Land Baden Württemberg zu machen. Damals ging es um die Förderung einer Investition, die das Crailsheimer Procter & Gamble-Werk für den Ausbau seiner Pampers-Windel-Produktion tätigen wollte. Vom Ausgang dieser Verhandlungen hat Strobel „keine Ahnung“. Sie waren erfolgreich – im Sinne des Konzerns. Und die Stuttgarter Grünen wittern hier ein Gegengeschäft für das Strobelsche Politik-Sponsoring.

Jenes Crailsheimer Werk hatte 1979 noch vor seinem Bau für Furore im Land gesorgt. Ein Zwanzig-Prozent-Zuschuß für die Einhundertfünfzig-Millionen-Investition war heftig umstritten. Der Mittelstand in der strukturschwachen Region fühlte sich bedroht, und nach der Überzeugung des Grünen im Stuttgarter Landtag, Rezzo Schlauch, zweifelten auch die, die damals positiv entschieden haben, bald an der Weisheit ihres Tuns.