Von Hans-Josef Steinberg

Nach den epochalen Umwälzungen der vergangenen Jahre in den vom sogenannten Marxismus-Leninismus bestimmten Ländern ist sehr viel vom Glanz des „größten Sohnes des deutschen Volkes“ verblaßt. Karl Marx, der 1872 beklagte, daß man Hegel wie einen „toten Hund“ behandle, könnte es in Zukunft durchaus ähnlich ergehen wie damals dem großen Philosophen, wobei zu erwarten ist, daß dieser tote Hund auch mancherlei Fußtritte nicht nur für das, was in seinem Namen angerichtet wurde, abbekommen wird. Das kürzlich erschienene Pamphlet von Volker Elis Pilgrim läßt Schlimmes befürchten.

Es verwundert daher zunächst einmal, daß in dieser Situation der Trierer Historiker Wolfgang Schieder eine Studie über Karl Marx vorlegt. Der Autor zeigt, gleichsam in Erwartung solcher Verwunderung, in einer bedenkenswerten Einführung, warum Marx gerade jetzt erst zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft werden könne. Nachdem er. seine „politische Leitfunktion“ für die Gegenwart verloren hat und die vorwissenschaftlichen Prämissen, die bisher jede Spielart historischer Marx-Forschung auszeichneten, weggefallen sind, gelange er „mit seiner Biographie dorthin zurück, wo er hingehört: in die Geschichte des 19. Jahrhunderts. Es ist damit endlich möglich, ihn ganz aus den Bindungen seiner Zeit heraus zu verstehen.“

Schieder konzentriert sich in seiner Studie auf den Politiker Marx, und er rechtfertigt dies damit, daß dieser immerhin dreizehn Jahre, nämlich von 1847 bis 1852 und in der I. Internationale von 1864 bis 1872 politisch aktiv gewesen sei. Der Verfasser sieht hier einen Nachholbedarf in der deutschen Forschung, die im Gegensatz zur angelsächsischen sich einseitig dem Ökonomen, Philosophen und Historiker Marx zugewandt und den Mann „der politischen Praxis“ sträflich vernachlässigt habe.

Natürlich muß der Autor trotz des konzentrierten Blicks auf den Politiker Marx die theoretischen Voraussetzungen für dessen Politik benennen. Aus der kompakten Darstellung kristallisieren sich, folgende zentrale Punkte heraus: der spezifische Staatsbegriff von Marx, der nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit Hegel entstanden war; die Tatsache, daß eine politische Revolution für ihn nur Voraussetzung der großen sozialen Umwälzung sein konnte; sein Begriff von Sozialismus als der Wissenschaft, die politische Theorie und Praxis verband, und das alles gipfelnd in der bekannten Tatsache, daß die politische Theorie von Marx eine Theorie der sozialen Revolution war, die in erster Linie zu revolutionärem Handeln anleiten sollte.

Dabei – und das sollte von bestimmender Bedeutung für sein politisches Wirken in der Revolution von 1848/49 sein – hatte er für Deutschland ein Zwei-Stufen-Modell konzipiert in der Weise, daß erst die abgeschlossene bürgerliche Revolution die Voraussetzungen für die proletarische schaffen konnte. In diesem Sinne zielten auch die „Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland“ von Ende März 1848 auf eine schnelle und volle Etablierung bürgerlicher Herrschaft in Deutschland. Hier ist nun Schieder, der ansonsten überaus korrekt mit den Quellen umgeht, ein fataler Fehler unterlaufen. Das Unglück beginnt damit, daß aus den „Forderungen“ falsch zitiert wird. Statt „Ganz Deutschland wird zu einer einigen unteilbaren Republik erklärt“ heißt es bei Schieder „zu einer einigen und unteilbaren Republik“. Nicht weiter schlimm, aber da das „und“ nun einmal eingeführt ist, wird eine Seite später Friedrich Engels zitiert, der sich über „eine einige und teilbare deutsche Republik“ ausgelassen haben soll, was ja allenfalls vor der „Wende“ und dann auch nur für die DDR-Historiographie einen gewissen Sinn ergeben hätte.

In der aktuellen Diskussion um den notwendigen Zusammenhang von Sozialismus und Demokratie sind Schieders auf angelsächsischen Forschungen basierende Ausführungen über die Diktatur des Proletariats bei Marx hilfreich. Er zeigt, daß sich zweimal – 1850 und 1871 – das Schlagwort als konstituierend für eine Einheitsfront mit ungeliebten Verbündeten erwies, nämlich mit den Anhängern Blanquis. Jedenfalls hat es Marx 21 Jahre lang nicht gebraucht.