Von Peter Körte

In Paducah, Kentucky, tut das Leben Dienst nach Vorschrift. „Die Klassen waren klein, weil viele abgingen, um Babies zu kriegen und Farmer zu werden. Sie schienen irgendwie zu verschwinden, so wie unsere Kälber im Herbst ins Schlachthaus kamen, es war unheimlich.“ So erinnert sich Peggy. Mickey und Tina haben nach zwölf Jahren Ehe zwei Kinder, „die Möbel waren abbezahlt, und die letzte Rate für das Auto war nächsten Monat fällig“. Nur die Wechsel auf Liebe und Glück sind längst verfallen bei Mickey, Tina, Peggy, Cody, Ed und all den anderen.

Man könnte bei so vielen Gemeinsamkeiten daher beginnen, indem man zusammenzählte, wie es einst Uwe Johnson für die Lektüre eines Romans empfahl: Wie viele zweite Ehen, Scheidungen, Seitensprünge und Streitereien enthält ein Erzählungsband mit dem Titel „Liebesleben“? Der statistische Befund fällt nicht erfreulich und daher erwartungsgemäß aus. Ganze zwei Paare in fragiler Harmonie tauchen bei Bobbie Ann Mason auf, und erfaßt man nur die Hauptfiguren, so gibt es mehr Scheidungen als Stories, mehr ungewisse Ausgänge als Happy-Ends. Das Leben ist eben keine Geschichte aus Hollywood, was nicht ausschließt, daß Hollywood es gelegentlich in eine seiner Geschichten verwandelt, wie Masons Roman „Geboren in Amerika“.

Die Erzählungen sind ein Zeugnis jener literarischen Stadtflucht, die sich auch bei Raymond Carver, Richard Ford oder Tobias Wolff findet. Sie versammeln Momentaufnahmen aus dem kleinen, einfachen Leben in der Provinz, das ereignisarm verrinnt, sich in Bewegungen zwischen Highways und Holzhäusern, Shopping Malis und Fast-food-Restaurants zu erschöpfen scheint.

„Ketchupbuden“ seien nicht interessant, befand daher unlängst das Literarische Quartett im Fernsehen. Doch die Welt ist voller Pommesbuden und das Leben voller Klischees, die man durch pures Desinteresse nicht verschwinden läßt: Frauen schwärmen trotzdem für den Magnum-Mimen Tom Selleck, träumen heimlich von einem Mann mit duftendem After-shave und Erfolg im Beruf, von einem zärtlichen Liebhaber wie dem Mann in der Fernsehshow, der nicht wie der eigene Gatte betrunken ins Bett plumpst. „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, heißt ein Buch von Raymond Carver. Auch Bobbie Ann Mason weiß, wovon man reden muß, wenn man etwas über die Liebe sagen will.

In ihren Geschichten schlüpft sie behende und gekonnt in andere Figuren und Perspektiven hinein. Ihre Haltung zu den traurigen Liebesleuten ist eher nüchtern, meist aber freundlich, voller Sympathie und, mehr noch, Nachsicht. Nur gelegentlich versietzt sie ihren Figuren bösartige kleine Stiche. Und mitunter münden die Stories in eine merkwürdige Coda, in ein verstörendes Schlußbild. Die Erzählungen durchzieht so ein Optimismus mit Trauerflor, ein Tonfall, dem man deshalb nicht als oberflächlich und fatalistisch bezeichnen sollte, weil ihm die traurige Bitterkeit eines Carver oder Ford abgeht.

Nicht jeder Lebensabschnitt ist ein Einschnitt und nicht jeder Einschnitt ein bitteres Drama. Der kathartische Moment wird meist schlicht verpaßt. Wenn Jeanette, deren Mann Vietnam-Erfahrungen quälen, träumt, sie springe „auf weichem Moos, und dann verwandelt sich das Moos in einen federnden Haufen toter Leiber“, dann wird sie gleichwohl am nächsten Morgen aufwachen, die Corn-flakes für den Jungen bereitstellen, in die Mall fahren und abends versuchen, „für ein Essen aus Fertig-Kartoffelbrei und übriggebliebenem Spießbraten eine originelle Lösung zu finden“.