Von Dieter E. Zimmer

Die Berliner machen im Augenblick eine ganz neue Erfahrung. Die beidseits der Mauer gehätschelten Helden des Kalten Krieges: liebt man sie gar nicht? Ihre Stadt, deren zwei westliche Drittel zum Schaufenster der Konsumgesellschaft hochgepäppelt wurden und deren östliches Drittel Hauptstädtchen eines dubiosen Ländchens spielen durfte: will man ihr nicht mehr wohl?

Der kalte Wind, der Berlin im Augenblick entgegenbläst, kommt aus mehreren Richtungen.

Auch noch 44 Jahre, nachdem der Alliierte Kontrollrat dem Lande Preußen den offiziellen Totenschein ausstellte, besteht – erstens – die historische Abneigung vieler Nicht-Preußen gegen die einstige deutsche Hegemonialmacht munter fort. Zu Preußens mancherlei Stärken – es war schließlich einmal die europäische Hochburg nicht nur der öffentlichen Ordentlichkeit, sondern auch der Toleranz – hatte jedenfalls nicht die gehört, sich bei den übrigen Deutschen und seinen sonstigen Nachbarn sonderlich beliebt zu machen.

Zweitens drückt sich in der Abneigung gegen Berlin die Abneigung gegen alles Zentrale überhaupt aus. Viele wollen im Grunde gar keine Hauptstadt und können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß dieses Land nun wieder eine haben soll; für die unerläßlichen zentralen Verwaltungsfunktionen ist ihnen eine ruhige Bürozone irgendwo in gefälliger Landschaft gerade recht.

West-Berlin mußte von der Bundesrepublik vier Jahrzehnte lang künstlich ernährt werden; Ost-Berlin vergammelte auf Kosten der übrigen DDR weniger gründlich als deren andere Städte. Ein chronischer Zuwendungsempfänger aber kann – drittens – nicht auch noch Zuneigung beanspruchen, um so weniger, wenn sie bisher großteils angestrengt geheuchelt werden mußte.

Ein Viertes schließlich: Die Zeiten zwar, in denen Berlin seinen Rang als Weltmetropole nicht großtuerisch im Munde führte, sondern schlicht und redlich eine der größten Städte der Welt war, sind lange passé. Um 1930 stand es mit seinen 4,2 Millionen Einwohnern hinter London, New York, Paris an vierter Stelle, wie ein stolzgeschwellter Lehrer uns einbleute. Was schiere Größe angeht, so sind die ersten Plätze heute von den Megalopolen Mexico DF, New York, São Paulo, Kairo, Los Angeles besetzt. Das wiedervereinigte Berlin mit seinen 3,3 Millionen ist wohl vorgerückt, aber nur auf einen bescheidenen Platz 39, zwischen Kanton und Guadalajara; selbst in Europa ist es nur noch siebtgrößte Stadt. Ein „Moloch“? Ach nee. Trotzdem ist es das weitaus Großstädtischste, womit Deutschland aufzuwarten hat, und hat darum auch die großstädtischsten Probleme, vor allem die der Verslumung und der Ghettobildungen – das „Kreuzberg“-Syndrom, das einem Oberammergauer wie dem amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten natürlich einen Schauder über den Rücken jagen muß.