Dortmund

Autorennen? Hier am Ostwall mitten in der Stadt? Nein, davon habe er noch nie was gehört, meint Ingo mit Unschuldsmiene und lehnt sich gegen seinen metallicbraun lackierten Opel Manta, Baujahr "Ende 1983", 147 PS. Auch die anderen fünf jungen Männer, alle so Anfang Zwanzig, haben davon noch nie etwas bemerkt. "Da kommt Kiesling!" ruft einer. "Der is’n klassischer Manta-Fahrer, der müßte das wissen." Aber Kiesling, mit Freundin im Arm, ist nicht bei der Sache. Außerdem ist er offenbar schlecht gelaunt; er hat keine Lust zu fachsimpeln.

Samstagnacht in Dortmund. Am Ostwall, einem Abschnitt der breiten Ringstraße um die Innenstadt, herrscht mehr Verkehr als tagsüber. Der Parkstreifen ist überfüllt. In Gruppen, streng nach Automarke getrennt, stehen die Fahrer beisammen, Motorhauben werden aufgeklappt, die Innereien bewundert. Ingo und seine Freunde vom Opel-Club Schwerte tauschen Tips aus, wo es welche Zubehörteile am billigsten gibt. Autos seien ein teures Hobby, meint er. Er habe in seinen Manta, den er "vonner alten Omma" gekauft hat, schon 12 000 Mark reingesteckt. Er streicht mit dem Ärmel einen Fussel vom Lack und zeigt sein Prachtstück: 205er Breitreifen, eine neue Motorhaube mit extra großen Lüftungsschlitzen, die schwarz Scheiben, die Vollschalensitze, bei denen die Gurte durch die Rückenlehnen gezogen und im Fond befestigt sind. "Das braucht man bei Slalomfahrten, damit man einen besseren Halt hat."

Fachgespräche auf hohem Niveau werden in den Gruppen geführt: "Wieso fährt der Ronni mit roten Kennzeichen rum?" – "Der kriegt den nich’ angemeldet, der hat den Auspuff offen." Zwei Motorhauben weiter: "Das is’n G 60." – "Nee, der paßt doch da gar nicht drauf, das is’ bloß der Kopf davon." Aus einer anderen Gruppe ist zu hören: "Wer ist denn der Rothaarige?" – "Das is’n Sechzehn-Ventiler."

Auf der Straße heulen unterdessen Motoren auf, Auspuffe röhren, Reifen quietschen. Da! An der Ampel starten doch zwei zu einem Wettrennen! Betont langsam dreht sich Ingo um: "So?" Also, er und seine Opelfreunde fahren ihre aufgerüsteten Boliden "nur auf der Autobahn" aus, sagt Ingo grinsend – "wo sonst?" Na gut, räumt er jetzt ein, ab und zu mache er auch ein paar Beschleunigungsrennen auf dem Ostwall mit: "Aber nur mal im ersten, zweiten Gang über zwei, drei Ampeln, mehr nicht. Das geht sonst zu sehr auf’m Gummi; und Reifen sind ja teuer."

Polizeihauptkommissar Wolfgang Rieper erläutert mit sorgenvoller Miene, es gebe da unterschiedliche Arten von Rennen: zum Beispiel Rundenrennen um den ganzen, knapp vier Kilometer langen Wall, ferner Spurtrennen nur über ein paar Ampeln hinweg. Alles in kleinen Gruppen von zwei bis vier Autos. "Unbeteiligten fällt das gar nicht auf, die regen sich nur wieder über ein paar verrückte Raser auf."

Rieper, Einsatzleiter im Schutzbereich Mitte, wurde kürzlich damit beauftragt, den nächtlichen Rallyes ein Ende zu bereiten, nachdem sich die Unfälle auf dem Wall an den Wochenenden häuften. Sie ereigneten sich fast immer zwischen 23 Uhr und 3 Uhr morgens. Stets waren die Unfallautos "hochmotorisierte Flitzer, tiefergelegte, breite Reifen, getönte Scheiben". Die Fahrer waren zwischen 18 und 24 Jahren alt, und die Unfallursache war immer die gleiche: viel zu hohe Geschwindigkeit. Rieper und seinen Kollegen geht es kaum besser als den Terroristenfahndern: Wer die Raser sind, weiß die Polizei nicht. Rieper schätzt den "harten Kern" auf dreißig bis fünfzig. So schnell, wie die Fahrer auftauchen, sind sie wieder verschwunden. Streifenwagen würden in der Regel abgehängt; neulich wieder mußte einer bei Tempo 110 aufgeben. Und legt sich eine Streife in einer Nebenstraße auf die Lauer, ist sie meist schnell entdeckt. Rieper: "Dann fahren die an uns vorbei und machen lange Nasen."