War da was? Da war doch was. Da ist nichts mehr. Verwirrt rufen wir in Frankfurt an und bitten um Aufklärung. Nein, das Verschwinden sei noch niemandem aufgefallen, unterrichtet uns ein von der Frage offenbar irritierter Feuilletonredakteur. Kein einziger der anderthalb Millionen Leser habe bislang eine Vermißtenanzeige aufgegeben.

Wir tun es. Dem Gebot tiefer Sorgfalt folgend, das sich diese Redaktion über ihre Schreibtische geheftet hat, geben wir bekannt: Liber ist nicht mehr. Liber? Das Mitteilungsblatt des europäischen Geistes. Die einst mit Drommetenstößen angekündigte erste wirkliche und endgültige Literaturzeitschrift unseres alten Kontinents – stillschweigend eingestellt, als wäre nichts gewesen! In Paris, Frankfurt, Turin, London und Madrid, simultan und in gegenseitigem Einverständnis, wie es bei den Liber-Herausgebern guter Brauch war. Wann genau dies geschah und warum, weiß keiner so genau, es wurde auch nicht für nötig gehalten, das Publikum darüber zu informieren. Es habe eben niemand so recht gemerkt ...

Niemand gemerkt? Wenn FAZ, Le Monde, Times Literary Supplement, El Pais aus Spanien und der italienische Indice ihre europäische Kulturbeilage einstellen? Wenn Europa schlicht verstummt, dann merkt das keiner?

Unmöglich! Gedankenvoll blättern wir in den liebgewordenen, nun schon gilbenden Blättern, auf denen vierteljährlich transnationales Denken seine Heimat fand – ja, auch in der FAZ! Es waren Momente europäischen In-sich-Seins, wenn ein englischer Musikwissenschaftler dem deutschen Publikum einen Komponisten Franz Liszt vorstellte oder wenn der Herausgeber Pierre Bourdieu penible Exegesen einer Passage von Virginia Woolf lieferte, und dies millionenfach, in Echtzeit und in Landessprache über fünf Länder hin verbreitet wurde.

Europa außer sich, Europa kaputt – und Liber kann nicht mehr kitten. Orientierungslos schweift der Intellektuelle umher, schon der Kaffeehauszank um den Golfkrieg zeigt, wie es um die Einheit und Klarheit eines Denkens ohne Liber bestellt ist. Welch ein unwiederbringlicher Verlust! Aber: Zu teuer sei das Blatt gewesen, zu aufwendig die ständige Übersetzerei und Koordination über Grenzen hinweg. Eine Zeitung für Deutschland braucht jetzt alle Ressourcen. Für Deutschland.

Aus, vorbei, verweht – und gemerkt hat’s sowieso niemand.

Finis