Warum die Produktion bei Dose No. 90 abbrach, ist nicht bekannt. Wir möchten ein obstipatives Problem vermuten und den Künstler für die Ausdauer rühmen, mit der er sich seiner Kunst entschlug. Den ganzen sonnigen Mai 1961 über sah man ihn beim Abhosen und Eindosen. Niemand freilich will das vorschriftsmäßige Verklappen auch wirklich bezeugen. Seit drei Jahrzehnten bürgt Piero Manzoni allein mit seinem kostbaren Namen für die Echtheit der Nettoeinwaage. Und seit drei Jahrzehnten rätseln wir nun über das endliche Verfallsdatum des abgefüllten Abfalls. Ein wenig wie aus alten Lagerbeständen sieht sie ja inzwischen schon aus, die unaussprechliche Büchse, die damals für den Gegenwert von dreißig Gramm Gold (Tageskurs) zu erhalten war. Auch das Museum gibt ihr nicht mehr jene Frische zurück, in der sie auf den irritierten Markt kam. Im Pariser Musée d’Art Moderne wirkt sie etwas verloren neben anderen Beispielen einer seinerzeit noch anrüchigen Kunstpraxis. In Acrylmasse eingelegte Eier etwa (dauerhaft eklig). Verschiedene Behältnisse für verschieden lange Papierstreifen. Die längste der aufgemalten Linien soll laut Etikett die sieben Kilometer glatt überschreiten. Ziemlich langweilige, "achrome" Bilder aus Watte, Stroh oder Brötchenteig. Oder ein Stahlwürfel mit kopfüber aufgeprägter Inschrift "socle du monde". Das erschien mal ganz schön frech und erscheint noch heute ein bißchen böse. Wo die offizielle Kunst über ihren geheimen Code wacht, muß ein Künstler, der nur gemeinen Kot macht, wie ein Verräter vorkommen. Die Geschichte hat ihn längst begnadigt. Und aus der unappetitlichen Konserve ist eine Reliquie mit ungewissem Schicksal geworden. Am Ende der recht ermüdenden Geschichte künstlerischer Notdurftverrichtungen bleibt nunmehr die Erinnerung an die Urnotdurft aus Manzonis Herstellung. Was aber, wenn auch die Erinnerung verblaßt sein wird an den freundlichen, zuweilen etwas traurig dreinblickenden Herrn und seinen Dosenspott? Wie lang mag sie noch hinreichen, die maliziöse Energie der handlichen Portionen? Vielleicht war das ja nicht die ungeschickteste Reaktion auf pausbäckige Ewigkeitsansprüche, die Kunst als das immer schon Verdaute zu blamieren und sie weiteren Stoffwechselprozessen zu überlassen. Wenn nicht alles täuscht in der allzu geräumig geratenen Pariser Ausstellung, macht sie bei ihrer finalen Auflösung gute Fortschritte. (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris bis zum 26. Mai; Katalog 250 Franc) Hans-Joachim Müller