Von Helmut Schmidt

Im Jahr 1984 erschien Barbara Tuchmans grandioses Buch "Die Torheit der Regierenden" – es reichte von Troja bis Vietnam. 1987 folgte Paul Kennedy mit einem ebenso klugen Buch über "Aufstieg und Fall der Großmächte" – es reichte vom Heiligen Römischen Reich bis zu den Supermächten der Gegenwart. Die Erkenntnisse dieser beiden amerikanischen Historiker mündeten in eine dreifache Mahnung an die Regierenden: Sie sollen nicht auf ihren Irrtümern beharren, sie sollen die Ströme der Zeit verstehen, und sie sollen sich von der Macht nicht verführen lassen.

Gorbatschow wurde der erste Herrscher im Kreml, der die Torheit des Beharrens auf alten Irrtümern begriffen hat. Schon bevor er zur Macht kam, hatte er verstanden, daß der "real existierende" Marxismus-Leninismus seines Riesenreiches, daß die Knebelung jedes einzelnen Menschen, daß Zentralverwaltungswirtschaft plus gigantischer Rüstung die ökonomischen, physischen und seelischen Kräfte der Bürger bei weitem überforderte. Daraus entsprang sein Wille zur Umkehr, zu Meinungsfreiheit und demokratischer Umgestaltung wie auch sein Wille zur ökonomischen Perestrojka. Die Tragik dieser geschichtlich herausragenden Figur liegt in der inzwischen klar erkennbaren Tatsache, daß die Reformversuche weithin scheitern.

Zwar hat Glasnost dem einzelnen Menschen und den fast einhundert Nationen und Nationalitäten der Sowjetunion Freiheiten verschafft, die sie weder im zaristischen noch im sowjetischen Reich jemals besessen haben: eine enorme Tat. Aber damit sind zugleich all die lange unterdrückten Bestrebungen nach nationaler Selbstbestimmung, nach Autonomie bis hin zur Sezession freigesetzt worden. Der Zusammenhalt des Riesenreiches von Königsberg bis Kamtschatka und von Riga bis Tiflis steht auf dem Spiel. In den Vereinigten Staaten hat vor anderthalb Jahrhunderten der Sezessionsversuch der Südstaaten zu einem schlimmen Bürgerkrieg geführt, von dem sich der Süden erst ein Jahrhundert später erholt hat. In der Sowjetunion könnte ein Sezessionskrieg heute nicht minder blutige Folgen zeitigen.

Gorbatschow ist inzwischen zu einem innenpolitischen Jongleurakt nach dem anderen gezwungen. Ohne Zustimmung des Militärs könnte er nicht weiterregieren. Sein Handlungsspielraum ist – innenpolitisch wie außenpolitisch – bedenklich geschrumpft. Die sowjetischen Streitkräfte mit ihren Millionen Soldaten, mit ihren Zigtausenden nuklearen Waffen sind noch relativ intakt, außerdem bleibt als Stütze nur der KGB.

Einige Offiziere träumen von einem Regime à la Pinochet: militärische Diktatur bei kapitalistischer Wirtschaft. Sofern es zu solchem Versuch käme, so würde der ökonomische Fehlschlag zum Katarakt; und es wüchse die Gefahr einer prestigeorientierten Kompensation des Versagens im Inneren durch eine neuerliche Politik der Stärke nach außen. Diese Möglichkeit im Rahmen der heute unvorhersehbaren sowjetischen Entwicklung ist ein zwingender Grund für Amerikaner, Europäer und Asiaten, ihre Sicherheitsvorkehrungen nicht auf Null abzubauen – trotz fortschreitender Abrüstungsvereinbarungen mit Gorbatschow und trotz ungeahnter Kooperation im Weltsicherheitsrat und im Mittleren Osten.

Das vorherrschende Bild, das die Sowjetmacht der Außenwelt bietet, ist allerdings ein Bild der Schwäche und abnehmender Bedrohung. Im Fernen Osten steigt infolgedessen die relative strategische Bedeutung Chinas, während die Bedeutung Indiens – bisher immer von Moskau gegen Peking gestützt – abnimmt. Gorbatschows Besuche in Japan und Südkorea haben den Prestigezuwachs dieser beiden Staaten erkennbar gemacht. Nordkorea hat einen seiner beiden Partner verloren; es wäre kein Wunder, wenn es im Laufe dieses Jahrzehnts sogar zu einer Wiedervereinigung des koreanischen Volkes käme.