Die Wissenschaft fordert niedrigeren Grenzwert: Alkohol wirkt beim ersten Schluck

Von Hans Schuh

Autofahrer sehen sich gerne als Piloten – ihre Gefährte haben kein Armaturenbrett, sondern ein Cockpit; Spoiler und Heckflügel sorgen dafür, daß sie bei Bodenwellen und Windböen nicht abheben. Wenn es jedoch um die Verkehrssicherheit geht, haben sie andere Maßstäbe. Vor allem in der Streitfrage, wieviel Alkohol im Straßenverkehr erlaubt sein soll, schätzen Automobilfahrer den Vergleich mit dem Jumbo-Kapitän ganz und gar nicht. Grundsätzlich null Promille und acht bis zwölf Stunden Alkoholabstinenz vor Besteigen des Cockpits – da käme jedes gesellige Trinken glatt unter die Räder.

Nicht zuletzt Stammtischargumente ("Was die nüchtern zuwege bringen, das schaff’ ich doch locker mit einem Promille") werden derzeit ins Feld geführt, um die wankende 0,8-Promille-Grenze zu verteidigen. Bundesverkehrsminister Günther Krause will sie so rasch wie möglich auf 0,5 Promille senken. Nach zwei Bier oder einem Viertel Wein, grob gerechnet, wäre dann für den Autofahrer Schluß.

Zustimmung und Ablehnung gehen quer durch die Parteien. Während Krause für das gesamte Bundesgebiet die Grenze bei 0,5 Promille festschreiben und damit Rechtsgleichheit schaffen will – in den neuen Bundesländern gilt laut Einigungsvertrag bis Ende 1992 mit null Promille offiziell noch die alte DDR-Vorschrift –, fordert zum Beispiel der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Jürgen Rüttgers, die 0,8-Promille-Grenze solle auch im Osten gelten. Befürworter der im Westen gültigen Regelung argumentieren, eine Verschärfung werde von der Bevölkerung nicht akzeptiert, führe zu vermehrter Kriminalisierung und überfordere Polizei und Justiz.

Auf welchen Grenzwert auch immer man sich schließlich einigen wird: Eine einheitliche Regelung der Promillefrage ist überfällig. Im Jahr 1990 starben auf den Straßen der ehemaligen DDR 3130 Menschen, eine Steigerung von 75 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der tödlichen Unfälle mit Kindern hat sich annähernd verdoppelt. Auf den Autobahnen stieg die Unfallrate um 140 Prozent. Nach neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl aller polizeilich erfaßten Verkehrsunfälle in der Ex-DDR (inklusive Sachschäden) im vergangenen Jahr um 64,7 Prozent, die Zahl der Unfälle mit Alkoholbeteiligung hingegen um 97,7 Prozent gestiegen – ein eklatanter Zuwachs.

Die aufgrund der unterschiedlichen Regelung herrschende Rechtsunsicherheit hat ihren Anteil daran. Geschwindigkeits- und Alkoholbegrenzungen werden kaum beachtet, die Gesetzeshüter wirken machtlos. Wo Richter fehlen, trifft der Rat, bei Alkoholdelikten immer Einspruch zu erheben, auf offene Ohren. Arbeitslosigkeit und steigende soziale Spannungen lassen erwarten, daß künftig eher noch mehr getrunken wird als bisher.