Von Reinhard Merkel

DIE ZEIT: Rund zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte in der deutschen Literaturwissenschaft die Formel vom "Leben der deutschen Sprache in Jerusalem" auf. Sie wohnen seit 1934 in dieser Stadt und sind einer der Zeugen für das gemeinte sprachliche "Leben". 1937 erschien hier Ihr erster Gedichtband "Wort aus der Leere". Ist diese "Leere" eine Metapher für Ihre neue, zweite Heimat Palästina gewesen?

WERNER KRAFT: Nein, so war die "Leere" nicht gemeint. Jerusalem und später Israel sind die wirkliche Heimat meiner äußeren Existenz geworden. Ich habe nach 1945, als meine frühere deutsche Behörde anfragte, ob ich meinen Beruf als Bibliothekar wieder in Deutschland aufnehmen wolle, sofort und ohne Überlegung abgelehnt. Das hing einerseits mit meinen Kindern zusammen, die hier aufgewachsen sind, andererseits aber auch damit, daß mir das Jüdische meines Lebens in einem Maße fühlbar geworden ist wie vorher nicht.

Sie sprechen aber etwas vielleicht Merkwürdiges in meiner Biographie an. Ich wäre natürlich verpflichtet gewesen, sofort genügend Hebräisch zu lernen, um hier als Staatsbürger den richtigen Ort meiner sozialen Existenz einzunehmen. Es kam aber ganz anders. Ich habe zuerst in einem französischen Institut gearbeitet, also vor allem französisch gesprochen. Und als geistige wie literarische Sphäre blieb das Hebräische für mich so gut wie bedeutungslos, abgesehen davon, daß ich neue Motive für meine Gedichte fand. Meine "geistige Heimat" in der deutschen Sprache und Kultur – wenn Sie diese konventionelle Metapher einmal so hinnehmen – habe ich dann sozusagen ungeteilt bis heute festgehalten.

Die frühen und lebenslang gegenwärtigen Leitfiguren Ihrer literarischen Orientierung sind Rudolf Borchardt, mit dem Sie befreundet waren, und Karl Kraus gewesen – beide Juden, aber ansonsten doch sehr gegensätzlich und einander schroff ablehnend. Wie geht das zusammen?

KRAFT: Die Dinge sind ein wenig komplizierter. Mein erster Kontakt mit Borchardt fand 1914 statt. Ich habe damals alles verschlungen, was von ihm erschien, und es war 1913 in Franz Bleis Weißen Blättern das über zwanzig Seiten lange Gedicht "Wannsee" erschienen. Und so sonderbar das ist, aber in ein solches autobiographisches Gedicht spielt – man möchte sagen: gegen Borchardts Absicht, der ja sein Judentum stets verdrängt, beinahe verleugnet hat – auch das Jüdische hinein. Und zwar an einer entscheidenden Stelle, wo es heißt: "Nur Stein um Stein in meine Hände stieß, / Was andern Mutter war und mir so hieß"; und dieses, das andern Mutter war und ihm nicht, ist ganz offenbar: Deutschland.

Ich habe 1914 in der Aktion von Franz Pfemfert einen Aufsatz über "Wannsee" und Stefan Georges "Siebenten Ring" veröffentlicht. Diesen Aufsatz hat Theodor Lessing, mit dem ich damals schon gut bekannt war, an Borchardt geschickt, und der wiederum schrieb mir im Juni 1914 den ersten Brief. Persönlich habe ich ihn erst 1917 in Berlin kennengelernt.